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Balzen für Informatiker: Schau mir in die Augen, Nerd!

Von Mathias Hamann

Informatiker haben nicht den besten Ruf, wenn es um Turteln, Empathie und Komplimente geht. Potsdamer Studenten bekommen jetzt Ratschläge, wie man feinsinnige SMS statt binärer Codes tippt - und staunen darüber, dass sie an der ersten Nachricht drei Stunden texten sollten.

Nein, sie sind nicht beziehungsunfähig. Nein, ihr Institut ist keine frauenfreie Zone. Nein, sie sind keine Nerds, keine Freaks, keine verhaltensauffälligen und sozial gestörten Techniker. Und: Ja, die Klischees hängen ihnen zum Hals raus.

Die Informatikstudenten in Potsdam sind genervt davon, wie sie ankommen in der Öffentlichkeit - und alles nur wegen eines Flirtkurses, den ihr Institut anbietet.

Flirt-Profi Senftleben: Basics für Informatiker
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Flirt-Profi Senftleben: Basics für Informatiker

Eine kurze Ankündigung hatte das Hasso-Plattner-Institut (HPI) verschickt; Überschrift: "IT-Studenten üben flirten per SMS". Und dann ging es los. Die Vorabberichte lasen sich wie pure Häme: Von "käsiger Gesichtsfarbe" und "roten, quadratischen Augen" wusste das "Hamburger Abendblatt" zu berichten, von Informatikstudenten, die "es bitter nötig haben", schrieb der "Berliner Kurier".

Der Andrang jedenfalls ist groß beim Wahlpflicht-Kurs Flirten, der studentische wie auch der mediale. Kaum ein Platz ist mehr frei, knapp 300 Studenten drängen sich in den halogenerleuchteten Hörsaal 1, sie sitzen auf den Fensterbänken und auf der Treppe, dazwischen Kamerateams und Reporter.

Der Kurs ist Teil des Soft-Skill-Programmes des HPI. Sonst stehen hier Stressmanagement und Lernstrategien auf dem Programm; im Februar soll Ex-Stasi-Akten-Beauftragter Joachim Gauck über 20 Jahre Mauerfall sprechen, im vergangenen Herbst war Günther Jauch da.

"Wir sind keine tumben Nerds!" Das wollen auch Andrina Mascher, 20, und Ziawasch Abedjan, 22, loswerden. Beide sind Studenten am HPI, beide fest liiert. Warum sind sie dann hier? "Flirten als Teil der Businesskommunikation interessiert mich", sagt Ziawasch. Andrina koordiniert gerade, welche ihrer Freundinnen neben ihr sitzen wird, und sagt dann schmunzelnd: "Was fürs Leben will ich lernen."

Auftritt Dozent: Philip, der Flirter

Dann kommt Phillip von Senftleben, 42, in den Hörsaal. Deutschlandweit kennen ihn Radiohörer als den "Flirter", weil er wildfremden Frauen ihre Telefonnummer entlockt. Er sieht nicht aus wie ein Ladykiller: dunkle Klamotten, schwarzes Hemd. Der "FAZ" sagte er mal, auf einer Attraktivitätsskala gebe er sich sechs von zehn Punkten - mit Baskenmütze sieben.

Die Mütze legt er erstmal ab und fragt: "Ich bin Phillip - und was will ich hier?" Die ersten Schmunzler bei Andrina. Ziawasch lehnt sich nach vorn. "Der Flirter" legt los, duzt die Studenten und führt gelehrte Kronzeugen ins Feld. "Der Mensch ist erst Mensch durch Sprache", zitiert er Wilhelm von Humboldt. Des Flirters zweiter Grundsatz: Flirten soll leicht sein. Er halte nichts vom Krieg der Geschlechter und dem Kampf, den anderen ins Bett zu kriegen.

Dazu zitiert er Robert McNamara: "Empathize with your enemy." "Wer war Robert McNamara?", fragt er ins Publikum. "US-Verteidigungsminister im Vietnam-Krieg", ruft einer zurück. Phillip, der Flirter ist begeistert: "Bist Du Historiker?" Nein, der IT-Student hat eine TV-Doku gesehen.

Seit seinem zwölften Lebensjahr interessiert den "Flirter" der Erfolg - dazu zählt natürlich auch der Erfolg bei Frauen. Schüchtern sei er früher gewesen, heute tingelt er durch die Lande, gibt Seminare, Einzelstunden und verdichtet seine Tipps in Buchform.

Wer verrät dem "Flirter" die eigene Telefonnummer?

Die Studenten bekommen seine verbale Einfühlungsgabe zu hören: Der "Flirter" spielt einen Radiobeitrag vor. Er nennt die Angerufene "feinsinnig" und schlussfolgert, sie müsse doch einen "feinsinnigen Geist" haben. Sein Nummerngirl kichert. "Ein gutes Zeichen", kommentiert Andrina Mascher trocken. Und tatsächlich: Der "Flirter" kriegt die Nummer, Applaus im Saal.

Andrina tuschelt mit ihren Freundinnen. Hätte sie Phillip ihre Nummer auch gegeben? "Wahrscheinlich schon." Findet sie ihn schleimig? Nein, er sei charmant. Davon könnten sich Kerle ruhig eine Scheibe abschneiden.

Nach dem Vorgeplänkel, der gelehrten Einführung und dem Fallbeispiel kommt Senftleben jetzt zu dem, worauf alle warten - Flirten per SMS. Situation: Autocrash am Vortrag. Die Studenten sollen sich vorstellen, sie wollen den Unfallgegner kennenlernen. Die Männer sollen sich Angelina Jolie vorstellen und sie Katja nennen. Die "Damen" im Publikum sollen an einen blonden, muskulösen Mann namens Phillip denken. Und sie sollen eine SMS formulieren.

Aber halt, der "Flirter" erklärt noch kurz: "Nehmt Euch drei, vier Stunden Zeit für die erste SMS." Denn die sei nicht privat. Erstaunen beim Informatiker Ziawasch, Nicken bei seiner Kommilitonin Andrina. Die erste SMS zeigt sie all ihren Freundinnen und vielleicht noch der Mutter. "Das war mir so nicht bewusst", sagt er.

"Den Crash bezahle ich, das Abendessen du"

Andrina holt ihr Handy raus und textet eine Übungs-SMS. Ziawasch wartet. Der Flirter ruft die ersten Beispiele aus dem Publikum ab: "Hey, Katja, den Crash bezahle ich, das Essen heute Abend Du." Phillip lobt den Mut des Texters, Andrina lacht, schüttelt den Kopf.

Die Informatiker schlagen sich nicht schlecht. Nächstes Beispiel: "Hey Katja, mein Auto möchte Dein Auto gerne wieder sehen." Niedlich, urteilt der "Flirter", auch Andrina findet es süß.

Der erste Frauentext: "Hey Phillip, falls Du noch krank bist oder Gesellschaft brauchst, ich bin eine gute Krankenschwester. LG Josi". Einige im Publikum johlen, und der Flirter erklärt: "LG gehört verboten." Dann schreibt er an die Tafel: "Das steht für LanGweiler." Sein Tipp: ein Adjektiv, Doppelpunkt, Name - "gespannt: Phillip". Ansonsten sei die SMS frech und sage: "Du hast Vorteile, wenn Du mich triffst."

Der "Flirter" kommt zu einem heiklen Fall: zum Kompliment. Was ist das überhaupt? "Unehrlich", sagt einer im Publikum. "Das kann nur ein Mann sagen", sagt der Flirter und unterstreicht zwei Worte an der Tafel: ehrliche Aufmerksamkeit.

Ehrlich, aber nicht langweilig, das ist dem Flirter wichtig. Dass eine Frau schöne Augen hat, das habe sie schon tausendmal gehört, sagt Senftleben. Besser sei der Anfang: "In deinen Augen liegt..." Andrina Mascher verzieht den Mund skeptisch. "Interessant, dass er erst jetzt schleimig wird." So etwas würde bei ihr nicht ziehen.

Die No-go-Area des Flirtens

Am Ende listet Senftleben die Abschrecker-Beispiele auf: "Hat es weh getan, als du vom Himmel gefallen bist?" Großes Stöhnen im Saal. Oder: "Ey, Praline, brauchst du ne Füllung?" Einige Jungs pfeifen. Andrina lacht empört.

Hat sie etwas gelernt heute? Nee, nicht richtig, aber es sei unterhaltsam gewesen. "Außerdem wendet er seine Sachen selbst an, er hat toll mit dem Publikum agiert und uns für sich gewonnen", sagt sie.

Ziawasch Abedjan sieht das ganze pragmatisch. Er will für sich ein paar Sachen für das Geschäftsleben rausziehen. Aber dazu hat der Flirter doch gar nichts gesagt? "Einige Sachen funktionieren halt auch da", glaubt er.

Gut unterhalten wurden sie immerhin, und die Kamerateams haben ihre Bilder - von Informatikern, die flirten lernen.

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Forum - Erste Hilfe für Hilflose - kann man Flirten lernen?
insgesamt 28 Beiträge
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1. Bescheuerte Vorurteile
m*sh, 13.01.2009
Da werden einmal wieder bescheuerte Vorurteile bedient. Ich bin seit 23 Jahren als Informatiker berufstaetig - und viele, die mich kennen bezeichnen mich als Nerd. Aber was hat das mit Flirten oder gar mit 'Flirten koennen' zu tun? Nichts. Ich wuerde behaupten, dass ich Zivilcourage habe, lerne gerne Menschen kennen (die oftmals sehr erstaunt sind, wenn sie erfahren, dass ich Informatiker bin) und bin auch sonst eher sehr kommunikativ. Des weiteren hat sich der Frauenanteil unter meinen KollegInnen seit Ende der Neunziger gesteigert. Derzeit liegt dieser Anteil zwar noch deutlich unter 50%, aber diese Damen (insbesondere die Juengeren) sind die haerteren Nerds, wenn ich das mal so sagen darf und auch von denen wuerde ich keiner einzigen unterstellen, dass sie ein Problem haben Maenner kennenzulernen. BTW, als Mobiltelephonverweigerer will ich ohnehin nicht lernen, wie man per SMS 'anbandelt' da ich diesem Medium (sowohl Telephon als auch SMS) nichts abgewinnen kann.
2. romantische Briefe
Siegfried-Zynzek, 13.01.2009
Wer hindert die Studenten daran, zur Abwechslung romantische Briefe zu schreiben? Bitteschön mit Füller, auf Büttenpapier.
3.
ondrana 13.01.2009
Zitat von Siegfried-ZynzekWer hindert die Studenten daran, zur Abwechslung romantische Briefe zu schreiben? Bitteschön mit Füller, auf Büttenpapier.
Esgeht auch einfacher. Ab inne Disse und dann ein Spruch: "Darf ich bitten, oder wolln wir erst tanzen?" Mann, was für ein bescheuerter Thread.
4.
Voyageuse 13.01.2009
Zitat von sysopInformatiker haben nicht den besten Ruf, wenn es um Turteln, Empathie und Komplimente geht. Potsdamer Studenten bekommen jetzt Ratschläge, wie man feinsinnige SMS statt binärer Codes tippt - und staunen darüber, dass sie an der ersten Nachricht drei Stunden texten sollten. Kann man generell flirten lernen?
Per SMS, E-mail oder in einem Forum sicher. Verbale Kommunikation ist erlernbar. Der Blick, der alles verspricht (und nichts hält) allerdings nur begrenzt, sofern natürlicher Charme nicht in die Wiege gelegt wurde.
5. nun Ja
MarkH, 13.01.2009
Zitat von sysopInformatiker haben nicht den besten Ruf, wenn es um Turteln, Empathie und Komplimente geht. Potsdamer Studenten bekommen jetzt Ratschläge, wie man feinsinnige SMS statt binärer Codes tippt - und staunen darüber, dass sie an der ersten Nachricht drei Stunden texten sollten. Kann man generell flirten lernen?
Solange der sogenannte Markt nach Informatikern schreit, darf er sich nicht beschweren.
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