Benimmkurse für Schüler: Aller Anstand ist schwer

Hände aus den Taschen! Mütze ab! Haltung annehmen! Die Rabauken unter Deutschlands Schülern sollen wieder Disziplin und Ordnung lernen: Schulen im Saarland erteilen ab dem kommenden Schuljahr, bundesweit beispiellos, Benimm-Nachhilfe. Bildungsminister Jürgen Schreier kündigte "das Ende der Unhöflichkeit" an.

Anti-Lümmel- Offensive: Knigge an Schulen
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Anti-Lümmel- Offensive: Knigge an Schulen

So geht es nicht weiter, muss sich der saarländische Bildungsminister Jürgen Schreier gedacht haben, an Deutschlands Schulen herrscht keine Disziplin. Der CDU-Politiker fordert, dass Schüler endlich wieder Benehmen lernen sollen.

Deshalb plädiert er für eine "Rehabilitation der Werte" und wird unter dem Motto "Aller Anstand ist schwer" demnächst die Tugend auf den Stundenplan setzen. Von der Grundschule bis zur sechsten Klasse an weiterführenden Schulen sollen im Unterricht "Benimm-Bausteine" vermittelt werden. Neben Einmaleins und ABC werden die Kleinen dann auch "Ausreden lassen" und "Grüßen" üben.

Die neuen Benimm-Regeln sollen ständig und "situativ" in den regulären Unterricht einfließen. Um welche Inhalte es dabei konkret geht, weiß noch keiner so genau. Eine Arbeitsgruppe wird im kommenden Schuljahr ausarbeiten, wie den Schülern wieder Disziplin, Ordnung und Anstand beigebracht werden kann. Den Lümmeln von der letzten Bank wird das Lachen vergehen.

Spätfolgen der bösen Achtundsechziger?

"Die Zeit, die der Lehrer darauf verwenden muss, dass überhaupt so etwas wie Unterricht stattfinden kann, wird immer größer", zürnt Schreier. Die Schulgemeinschaft habe unter den "Spätfolgen eines Zeitgeistes zu leiden, der Autorität und Respekt unter Generalverdacht gestellt hat und Tugenden wie Höflichkeit, Ordnung, Pünktlichkeit, Pflichtbewusstsein und Fleiß negativ besetzt hat". Zurück zum "Muff und Mief der fünfziger Jahre" wolle er dennoch nicht, betont der Minister: "Es geht nicht um Manieren mit Diener und Knicks." Viel wichtiger sei ihm die Vermittlung von "Sozialkompetenz". Noten soll es für den Benimmunterricht aber nicht geben.

Bald auch Schuluniformen?
DDP

Bald auch Schuluniformen?

Ein neues Grundverständnis für den Nächsten verspricht sich Jürgen Schreier von seiner Initiative. Die Schüler müssten lernen, so erklärt das Ministerium, "warum Anstand, gegenseitige Rücksichtnahme und die Achtung des Anderen wichtig für das Zusammenleben sind." Nicht nur für die Schule, sondern für das Leben soll die neue Anständigkeit taugen: Schließlich werde von den Jugendlichen im späteren Berufsleben neben guten Fachkenntnissen erwartet, dass sie "auch die Spielregeln eines zivilisierten Miteinanders beherrschen".

Benimmkurse sind noch in keinem anderen Bundesland eingeführt worden. Vielleicht könnte dem Saarland schon bald der Stadtstaat Bremen folgen. Von dort hat sich Bildungssenator Willi Lemke bereits mehrfach zu Wort gemeldet und mehr Disziplin an den Schulen gefordert.

Anstandsoffensive im Sommerloch

Lemke hatte das Sommerloch genutzt, um via "Bild-Zeitung" eine "Anstandsoffensive" zu starten und unter anderem die "Sexbomben an unseren Schulen" kritisiert. Bald darauf machte er sich für die Einführung von Schuluniformen stark und erntete bei anderen Bildungspolitikern teils Applaus, teils heftige Kritik.

Willi Lemke: "Sex-Bomben an unseren Schulen"
DDP

Willi Lemke: "Sex-Bomben an unseren Schulen"

An einer Bremer Schule können die neuen Umgangsformen sogar schon in diesem Jahr getestet werden. Die Gesamtschule Flämische Straße führt das Fach UBV ein. Hinter dem rätselhaften Kürzel steckt "Umgang, Benehmen, Verhalten" - der Benimmunterricht. Allerdings ist UBV erst mal nur Sache des Schulleiters Karl Witte, kein anderer Lehrer darf Benimm unterrichten. Das hat einen Grund: "Als Rektor habe ich die natürliche Autorität", sagte Witte der FAZ.

Autorität ist schließlich die Hauptsache, wenn gutes Benehmen Schule machen soll. Dann klappt's auch wieder mit dem Lernen, glauben die Tugend-Freunde.


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