Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Streit über Beschneidungsurteil: "Du bist beschnitten, du bist ein Mann"

Aufgezeichnet von Julia Nikschick und

Rabbiner schlagen Alarm, Islam-Verbände fühlen sich diskriminiert, Bischöfe solidarisieren sich - Deutschland streitet über das Beschneidungsurteil. Zwei junge Muslime und ein Jude erzählen, was ihnen die Tradition bedeutet: Sie erinnern sich an einen der wichtigsten Tage ihres Lebens.

Beschneidung bei Muslimen und Juden: Ein Tag zum Feiern Fotos
DPA

Das Kölner Beschneidungsurteil hat Empörung ausgelöst und eine große Debatte entfacht. Geistliche verschiedener Religionen und Konfessionen haben es kritisiert, Muslime, Juden, Christen. Zuletzt verdammten es Europas Rabbiner und riefen die jüdischen Gemeinden in Deutschland auf, an dem Ritual festzuhalten. Der Präsident der Europäischen Rabbiner-Konferenz, Pinchas Goldschmidt, sprach vom "vielleicht gravierendsten Angriff seit dem Holocaust". Sollte das Kölner Urteil in Gesetzesform gegossen werden, würde dies bedeuten, dass es für einen großen Teil der jüdischen Gemeinden "keine Zukunft in Deutschland" geben werde, mahnte er.

Der Hintergrund: Das Kölner Landgericht hatte in seiner umstrittenen Entscheidung befunden, die Beschneidung von Jungen aus rein religiösen Gründen sei eine strafbare Körperverletzung. Daran ändere auch eine Einwilligung der Eltern nichts, da eine solche Zustimmung nicht dem Wohl des Kindes entspreche. Dessen Körper werde durch die im Islam und im Judentum verbreitete Beschneidung "dauerhaft und irreparabel verändert".

Nach dem Urteil forderten Vertreter von jüdischen und muslimischen Organisationen in Europa gemeinsam die Politik in Deutschland auf, Rechtssicherheit zu schaffen. Sie sehen das Urteil als einen Angriff auf grundlegende Religions- und Menschenrechte.

Wie wichtig ihnen das Ritual ist, wie sie sich fühlten, als sie beschnitten wurden, warum sie auch ihre Söhne beschneiden lassen würden - das erzählen im UniSPIEGEL zwei junge Muslime und ein junger Rabbi. Ihr Beschneidung liegt lange zurück, ihre Erinnerungen sind teils nur noch schemenhaft. Doch allen dreien ist klar: Das war einer der wichtigsten Tage im Leben.

Cihat, Avraham und Yamen - drei Männer berichten von ihren Erfahrungen. Klicken Sie auf die Bilder und die Textlinks.

Julia Nikschick

Avraham Ytzchak Radbil, 27.

Er studierte in England, den USA, Israel und Deutschland. Seit September 2011 ist er der Rabbiner der Einheitsgemeinde in Freiburg - und damit der erste in Deutschland ordinierte, orthodoxe Rabbiner seit dem Zweiten Weltkrieg. "Als ich beschnitten wurde, war ich bereits 16."


Instrumente für die Beschneidungszeremonie
DPA

Instrumente für die Beschneidungszeremonie

Cihat*, 23.

Er studiert BWL an einer privaten Uni in Süddeutschland. Für ihn gehört Beschneidung einfach zum religiösen und gesellschaftlichen Leben. Mit vier Jahren wurde er beschnitten - und die ganze Familie war dabei: "Ich war gekleidet wie ein kleiner Pascha."


Yamen Al-Khalaf, 33.

Er studiert Medizin an der Uniklinik Bonn. Er wurde in seiner Heimat Syrien beschnitten und ist heute selbst Vater von zwei Söhnen. Bei seinem jüngsten Sohn, sieben Monate alt, steht das Ritual nun bevor. "Wir haben die ganze Straße eingeladen."


Mit Material von dpa und AFP

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Modefach Islamwissenschaften: Ist Gott groß?

Imame, made in Germany
  • ddp
    Vier Zentren für islamische Theologie werden vom Bundesbildungsministerium mit rund 20 Millionen Euro gefördert. Dazu gehören Tübingen, Münster/Osnabrück, Frankfurt/Gießen und Erlangen-Nürnberg. An den Zentren sollen Lehrer für islamischen Religionsunterricht, Nachwuchswissenschaftler und Religionsgelehrte für Moscheenausgebildet werden, beispielsweise Imame.
  • Integrationspolitik: Erste deutsche Uni startet Seminare für Imame
Fotostrecke
Religionsstudenten: Ein Leben für Gott