Streit über Beschneidungsurteil: "Als ich beschnitten wurde, war ich bereits 16"

Avraham Ytzchak Radbil, 27, studierte in England, den USA, Israel und Deutschland. Seit September 2011 ist er der Rabbiner der Einheitsgemeinde in Freiburg - und damit der erste in Deutschland ordinierte orthodoxe Rabbiner seit dem Zweiten Weltkrieg.

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Julia Nikschick

"Ich bin ein Quereinsteiger in die Religion. Als ich beschnitten wurde, war ich bereits 16 Jahre alt. Damals bereute ich es sehr, dass ich nicht schon mit acht Tagen beschnitten wurde. Meine Eltern sind zwar jüdisch, aber nicht religiös, wie die meisten Juden aus der ehemaligen Sowjetunion. Erst als ich mich dazu entschloss, mein Judentum zu praktizieren, holte ich die Beschneidung, die sogenannte Brit Mila, nach. Es war sehr schmerzhaft - trotz der Spritze, die ich als Betäubung bekam.

Den Vorschlag, Kindern diese Entscheidung selbst zu überlassen, finde ich - gerade aus meiner eigenen Erfahrung heraus - etwas lächerlich. Wenn das Kind acht Tage alt ist, spürt es kaum den Schmerz. Ich bin selbst Vater von zwei Söhnen, beide wurden traditionell am achten Tag beschnitten. Mein Ältester hat überhaupt nicht geweint.

Ohne die Beschneidung kann ich mir das Judentum gar nicht vorstellen. Unser Stammvater Abraham beschnitt sich selbst, als Zeichen seiner Verbundenheit mit Gott und seinen Gesetzen. Seit diesem Tag ist die Beschneidung der Initiationsritus für alle männlichen jüdischen Nachkommen. Frauen unserer Glaubensgemeinschaft sind von Geburt an mit Gott verbunden. Ein Mann kann erst durch den Ritus der Beschneidung seine Nähe zu Gott aufbauen. Aus diesem Grund ist die Brit Mila auch eine besondere Feierlichkeit.

"Ein Gesetz, das Beschneidung verbietet, fände ich falsch"

Der Person, die das Kind während der Beschneidung in den Armen hält, kommt eine große Ehre zu. Meist ist es ein enges Familienmitglied oder ein bedeutender Rabbiner. Auch der Name des Sohnes wird bei der Beschneidung allen bekanntgegeben. Im Anschluss an die Beschneidung feiert die Familie des Kindes zusammen mit Verwandten und Freunde.

Die eigentliche Prozedur geht schnell von statten. Mit einer Art Schlaufe wird die Vorhaut vom Glied abgetrennt. Den Mann, der im Judentum die Beschneidung durchführt, nennen wir Mohel. In unsere Gemeinde hier in Freiburg kommt der Mohel aus Straßburg, er ist Arzt. Ein Gesetz, das die Beschneidung vollkommen verbietet, fände ich falsch. Juden, die ihre Religion in Gänze praktizieren wollen, werden ihre Söhne auch weiterhin beschneiden lassen. Und sei es in Israel.

Im schlimmsten Fall kommt es zu einer großen Rückwanderungswelle. Viele Juden sind in den letzten Jahren nach Deutschland eingewandert, allein aus der ehemaligen Sowjetunion waren es 300.000. Will man diese Vielfalt und das erneute Erblühen der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland wirklich mit so einem Gesetz gefährden?

Als Eltern vermittelt man seinen Kindern auch eine bestimmte Weltanschauung, sei diese religiös geprägt oder auch nicht. Im Judentum und im Islam gehört es zu dieser Lebensweise und Weltanschauung eben auch dazu, seine männlichen Nachkommen zu beschneiden."

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Instrumente für die Beschneidungszeremonie
DPA

Instrumente für die Beschneidungszeremonie

Cihat*, 23. Er studiert BWL an einer privaten Uni in Süddeutschland. Für ihn gehört Beschneidung einfach zum religiösen und gesellschaftlichen Leben. Mit vier Jahren wurde er beschnitten - und die ganze Familie war dabei:

"Ich war gekleidet wie ein kleiner Pascha"


Streit um Beschneidung: Uns hat es gut getan / Ein Muslim aus Köln

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Yamen Al-Khalaf, 33.

Er studiert Medizin an der Uniklinik Bonn. Er wurde in seiner Heimat Syrien beschnitten und ist heute selbst Vater von zwei Söhnen. Bei seinem jüngsten Sohn, sieben Monate alt, steht das Ritual nun bevor.

"Wir haben die ganze Straße eingeladen."


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