Betonkanu-Regatta: Schwimm, Steinboot, schwimm

Von Lisa Roderer

Beton taugt nicht nur für Mafia-Morde. Dass Schiffe aus Stein-Zement-Gemisch elegant und sogar schnell schwimmen können, zeigten Ingenieurstudenten auf einem Magdeburger See. Am Ende siegten beim Betonbootrennen die Holländer - und ein schwimmender Fünf-Tonnen-Kolloss.

Betonboot-Regatta: Holland kann schnell, Deutschland schwer Fotos
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Beton geht schnell im Wasser unter, das weiß nicht nur die Mafia. Aber Beton kann auch schwimmen - und wer das nicht glaubt, konnte sich am Wochenende an einer gefluteten Kiesgrube am Rand Magdeburgs überzeugen. Studenten und Auszubildende setzten dort ihre Betonkanus ins Wasser, an denen viele schon seit Oktober gearbeitet hatten. Das Ziel war das perfekte Boot aus Stein und das ging bei fast allen 100 Schiffen gut.

"Eine Ewigkeit haben wir die Schalung gebaut, in die dann der Beton Schicht für Schicht hineingespachtelt wird", sagte Sina Prior, Bauingenieurs-Studentin der Technischen Universität Hamburg-Harburg. Danach sei alles vergleichsweise schnell gegangen. Nach rund vier Wochen waren zwei baugleiche Boote, die Rennkanus "Krabbenkutter" und "Mr. Carb", fertig. Allerdings gab es während des Rennens Schwierigkeiten.

"Wir sind in der Zwischenrunde ausgeschieden, weil 'Mr. Crab' die Finne abgebrochen ist und wir nicht mehr steuern konnten. Und vorhin hatten wir auch noch ein Leck im zweiten Boot." Die Risse hatten sie mit einer grauen Masse notdürftig geflickt und gehofft, dass sie es damit bis ins Finale schaffen. Der Versuch, die Finne von Mr. Crab mit dem Akku-Schrauber wieder anzubringen, schlug fehl. "Hier ist gerade eher Weltuntergangsstimmung", sagt Sina. Doch am Ende schaffte es das Damen-Team mit dem geflickten "Krabbenkutter" und viel Kampfgeist auf den dritten Platz. Es gewann das niederländische Team der Twente-Universität in Enschede deutlich mit ihrem Zweimann-Kanu.

Die Idee, mit Booten aus Beton eine Regatta zu fahren, stammt aus den USA, 1971 veranstaltete das Beton-Institut der Universität von Illinois das erste Rennen. 1986 importiere der Bundesverband der Deutschen Zementindustrie die Idee zum ersten Mal nach Deutschland. Derzeit steigt die Wettfahrt von Bau-Auszubildenden, Ingenieuren und Kunststudenten alle zwei Jahre, diesmal am Salbker See II in Magdeburg.

Krisenstimmung bei den Teilnehmern

Viele Boote hielten stand - nur für die Uni Hannover war schon vor dem Rennen Schluss. Gerade als sie auf den See hinausfuhren, um sich an der Startlinie einzureihen, brach ihr Kanu in der Mitte auseinander. Binnen weniger Sekunden saßen die beiden Studenten mit ihren Badehosen ganz im Wasser, dann sanken die Reste des Bootes unter ihnen auf den Grund. Einige Zuschauer lachten leise, und einer raunte: "Hat sich wohl doch nicht gelohnt, das Boot gestern noch fertigzustellen." Bis zuletzt hatten die Studenten an der Bemalung ihres ersten Schiffs gearbeitet.

Die Studenten aus Hannover schafften es noch, immerhin ein paar Teile an Bord ihres zweiten Kahns zu werfen. Für die sogenannte Offene Klasse haben sie ein Spaßboot gebaut. Neben der Rennwertung, an der die meisten Hochschulen teilnahmen, wurden auch die kreativsten oder kühnsten Entwürfe auf Betonbasis geehrt.

"Lüttje Lage" heißt der Juxentwurf aus Hannover und das steht für ein kleines Glas Bier, das man in der Hand hält, und einem darauf aufgesetzten Schnapsglas mit Korn, das man mit dem Mittelfinger der Hand über das Bierglas hält. "Dann trinkt man das Gemisch gleichzeitig. "Musste ich heute auch schon einige Male vormachen, weil sich das keiner vorstellen konnte", erklärt Student Paul*.

Bei der Offenen Klasse gilt auch: möglichst viel Beton auf dem Wasser

In der Style-Wertung, der Offenen Klasse, schaffte es das Bier-und-Schnaps-Schiff aus Hannover immerhin auf Platz acht. Neben den Niedersachsen traten am Samstag nur elf weitere Hoch- und Berufsschulen an, die mit ganz unterschiedlichen Spaßbooten die Jury beeindrucken wollten (alle Boote in der Fotostrecke). Dabei galt: Es musste möglichst viel Material aufs Wasser und der graue Baustoff musste möglichst kreativ verarbeitet sein. "Die Reiseboot" aus Dresden hatte im Kreativitätswettbewerb gute Chancen und beeindruckte vor allem mit der mutigen Anreise.

Das Team der Technische Universität schipperte auf der Elbe bis nach Magdeburg, im zwölf Meter langen Kahn mit rund 20 Sitzplätzen. Die Bugwelle eines großen Frachters hätte die kühne Fahrt beinahe vorzeitig beendet, erzählte einer der Mitfahrer. Am Ende gewann in der Offenen Klasse allerdings ein Seriensieger: Der Lausitzer KOHLEbeißer der Hochschule Lausitz/Cottbus brachte einen rund fünf Tonnen schweren schwimmenden Schaufelbagger aufs Wasser, das schwerste Objekt auf dem See. Selbst Schrauben, Muttern, Kugellager und die Stangenkonstruktion gossen die Lausitzer aus Beton.

Doch auch wer unterging oder ausschied, war nicht besonders traurig, sondern freute sich über den frühen Feierabend. "Wir haben hier alles. Betonboote, Sonne, Wasser, gute Stimmung", sagt Gerrit Reinhardt von der HAWK Hildesheim. "Außerdem haben wir mit dem Bau der Kanus viel dazugelernt. Wie man Beton richtig mischt und so dünne Wände für ein Boot hinbekommt. Das war es doch wert", sagt er, lacht und stößt mit seinen Teamkameraden auf ihr Boot an, das weder Risse hat noch kenterte. Auch die weit angereisten Belgier vom Campus de Nayer nahmen die Veranstaltung mit Humor. "Wir haben verloren und werden im nächsten Jahr bessere Boote bauen. Heute werden wir nur noch trinken und weinen."

* Name geändert

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Kurioses Rad: Mit Gegenwind immer Rückenwind
Warum schwimmt Beton?
Vor über 2000 Jahren sollte Archimedes für seinen König den Goldgehalt seiner neuen Krone überprüfen. Archimedes wusste jedoch nicht wie. Nach ein paar Tagen lief bei einem Bad das Wasser über den Wannenrand hinaus und im Zuge dessen entdeckte er zufällig, dass die Menge Wasser genau seinem eigenen Körpervolumen entsprach. Aus dieser Erkenntnis formulierte er schließlich, dass "die Auftriebskraft, die ein Körper in einer Flüssigkeit erfährt, genauso groß ist, wie die Gewichtskraft des vom Körper verdrängten Mediums".
Wie wurde schwimmender Beton eingesetzt?
Im 19. Jahrhundert entdeckte Joseph-Louis Lambot, dass aus Eisenbeton bestehende Gegenstände auf dem Wasser schwimmen können und man dadurch Holz in feuchten Gebieten ersetzen könnte. Wirklich durchgesetzt hat sich diese Technik allerdings nicht. Im 2. Weltkrieg wurden aufgrund mangelnden Stahls Betonboote gebaut, später gab es auch Versuche in der DDR, aber die Technik setzte sich nicht durch.
Wo werden Betonboote heute eingesetzt?
Hauptsächlich werden Betonboote heutzutage beispielsweise in armen Ländern eingesetzt. Die Georg-Simon-Ohm Hochschule Nürnberg wurde beispielsweise aus Äthiopien kontaktiert mit der Bitte dort solche Boote anzufertigen, weil der baustoffeine geringere Dichte als Stahl hat und zugleich sehr preiswert ist.