"Bielefake"-Schöpfer: "Es musste schon eine farblose Stadt sein"

Und wer hat's erfunden? Der hat's erfunden - und sich ein kleines Web-Denkmal gesetzt: Achim Held ist schuld am "Bielefake", an der Legende, dass Bielefeld gar nicht wirklich existiert. Im Interview erzählt der Informatiker, wie der Nonsens in die Welt kam und ein munteres Eigenleben entfaltete.

"Bielefake": Der Film zur Phantomstadt Fotos
dpa

SPIEGEL ONLINE: Am 16. Mai 1994 stellten Sie im Anschluss an eine Party um kurz vor fünf Uhr in der Frühe den Text zur Bielefeld-Verschwörung ins Internet. Schreiben Sie immer noch nachts Gags im Netz, oder sind Sie vorsichtiger geworden?

Held: Um es klarzustellen: Ich habe den Text tagsüber eingestellt. Die Zeitangaben bei Google Groups, in diesem Fall 4.46 Uhr, beziehen sich auf die Ortszeit von Google, das haben viele missverstanden. Ich war nie nachts in der Uni-Bibliothek.

SPIEGEL ONLINE: Ist die Bielefeld-Verschwörung Ihr einziger satirischer Beitrag geblieben?

Held: Wir haben seinerzeit in der Newsgroup "Talk Bizarre" viel Unfug geschrieben, aber nichts hat so viel Öffentlichkeit erlangt wie die Bielefeld-Verschwörung. Daher kam die Idee, dem Thema eine eigene Homepage zu widmen.

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie von Anfang an die Absicht, eine größere Sache daraus zu machen?

Held: Nein, es war ursprünglich ein interner Scherz in Kieler Studentenkreisen, der sich verselbständigt hat.

SPIEGEL ONLINE: War es Zufall, dass es Bielefeld traf?

Held: Jein. Zufall war, dass auf der Studentenparty jemand auftauchte, der aus Bielefeld kam. Der Scherz hätte aber nicht mit jeder beliebigen Stadt funktioniert, Hamburg zum Beispiel wäre nicht gegangen. Es musste schon eine, verzeihen Sie, farblose Stadt sein, über die man nichts weiß - wie eben Bielefeld.

SPIEGEL ONLINE: Sie wussten also nichts über Bielefeld?

Held: Genau. Es ging mir dabei keineswegs um eine Abrechnung mit der Stadt, wir wollten uns nur über Verschwörungstheorien lustig machen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Verschwörungstheorien haben für Sie Pate gestanden?

Held: Den eigentlichen Auslöser für meine Geschichte gab eine relativ unbekannte Verschwörungstheorie eines Mannes, der ernsthaft davon überzeugt war, von der Regierung über die Infrarotfernbedienung seines TV-Gerätes überwacht zu werden. Ein Leser karikierte diesen Bericht und schrieb, sein Rasierer würde ihn auch schon ganz komisch angucken. So entstand bei mir die Idee, den ganzen ernstgemeinten Unfug im Internet einmal komplett zu persiflieren. Ein Bekannter von mir las zudem regelmäßig die Zeitschrift "Magazin2000 - Das Magazin für neues Bewusstsein", über die ich mit Themen wie "programmiertes Wasser" und "Sternenbruder Ashtar Sheran" in Berührung kam. Das gab mir reichlich Futter für meinen Theoriemix.

SPIEGEL ONLINE: Die Bielefeld-Verschwörung erlebt immer neue Renaissancen. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Held: Den Mechanismus, der dahinter steckt, durchschaue ich selbst nicht. Die Geschichte wurde vom "Heute Journal" bis hin zu "Computer-Bild" ja immer mal wieder zum Thema gemacht. Bis ich mir vor sechs, sieben Jahren die Domain gesichert habe, gab es nicht einmal eine eigene Homepage dafür. Die Verbreitung lief also rein über Mundpropaganda. Ich bin jedenfalls nicht damit von Newsgroup zu Newsgroup gezogen.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Zugriffe hat Ihre Seite pro Monat noch?

Held: Zwischen 2000 und 8000. Die meisten User kommen über Wikipedia darauf. Anhand der Zugriffszahlen kann ich erkennen, wann es wieder Medienberichte über die Geschichte gegeben hat. Es ist erstaunlich, dass es immer noch Menschen gibt, die zuvor davon gar nichts gehört haben.

SPIEGEL ONLINE: Der "Bielefake" lebt munter weiter - ein starkes Indiz dafür, dass das Internet nichts vergisst?

Held: Absolut. Selbst wenn ich wollte, könnte ich die Geschichte nicht mehr zurücknehmen, weil überall im Netz irgendwelche Spiegel angelegt wurden. Das ist schon witzig. Weniger witzig finde ich allerdings Kopierer, welche die Idee plump übernehmen und für sich reklamieren.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es eine Humorschule, die Sie bevorzugen?

Held: Ich habe gerne die Zeitschrift "MAD" gelesen, als sie noch von Herbert Feuerstein gemacht wurde.

SPIEGEL ONLINE: Hat der Rummel um die Bielefeld-Verschwörung Auswirkungen auf Ihre persönliche Biografie gehabt?

Held: Bei Kundenterminen werde ich tatsächlich immer mal wieder darauf angesprochen. Die Geschichte dient dann als guter Eisbrecher, allerdings vertraut mir niemand mehr oder weniger, weil ich der Achim Held bin. Ich bekomme deswegen auch nichts umsonst.

SPIEGEL ONLINE: Die Ehrenbürgerschaft in Bielefeld wurde Ihnen noch nicht angeboten?

Held: Es ist angeblich schon angedacht worden, bislang jedoch noch nicht erfolgt. Aber auf einer Lesung in Hamburg zum Thema "Rätselhaftes Bielefeld" wollten sich mal zwei Damen aus Bielefeld mit mir fotografieren lassen - vielleicht ein erster Schritt zum eigenen Fanclub.

SPIEGEL ONLINE: In der Geschichte rufen Sie die Bevölkerung zum Mitmachen auf. Gab es Leser, die das ernst genommen haben?

Held: Einmal stand jemand bei mir vor der Haustür, der seiner Auffassung nach von seinem Arzt im Auftrag der Regierung zu Experimenten missbraucht würde. Er offenbarte mir, selbst vor der Aufdeckung einer Verschwörung zu stehen. Ich habe ihn nicht reingelassen, sondern ihn über die Satire aufgeklärt. Der Mann zog erschüttert ab und glaubte vermutlich, man habe mich inzwischen gepackt und einer Gehirnwäsche unterzogen.

Das Interview führte Volker Backes

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 6 Beiträge
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1. .
Christian W., 04.06.2010
Jetzt haben DIE ihn schon soweit, dass er behauptet, dass es Bielefeld wirklich gibt. DIE schrecken auch vor nichts zurück...
2. Achim Held?
tetaro 04.06.2010
Ich glaube nicht, dass es den Mann wirklich gibt. Das ist nur eine fiktive Person, die den Eindruck erwecken soll, es handele sich nur um einen Scherz. Für wie dumm halten DIE uns?
3. Dankwart P. gibt bekannt:
artusdanielhoerfeld 04.06.2010
Wie kann es bitte sein, dass die Figur "Achim Held", die ich in meinem Roman "Geh sterben, du Olm" erfunden habe, hier bei Spiegel-Online Interviews gibt?? Und was "Bielefeld" betrifft: Diese fiktive Stadt ist ein Projekt der Initiative "O.M. - Operation mindfuck", das mit etwa 8.000 neuro-programmierten Menschen arbeitet, die alle glauben, in dieser Stadt zu wohnen oder zumindest dort gewesen zu sein. Kommando "DIE STEINZEITFRAU Damals und Heute" Ein Buch ausschließlich für Männer!
4. Achim Held, der "Bielefake(r)"
utopia777 04.06.2010
Spiegel Online entwickelt sich sukzessive zur BILD für Intellektuelle, bzw. für solche, die sich dafür halten sollen/wollen. Mit verschiedenen -überaus humorigen- Schulkollegen des Oberstufen-Kolleg Bielefeld hatten wir bereits 1986 den "Running Gag des Bielefake" im Umlauf -wer hier einziger/einzelner Urheber war, könnte ich aufgrund der qualitativ eher schwach-nichtigen Idee nicht einmal mehr sagen. Es wurde sogar massenweise kopierte Infopost (gedruckte Zettelchen) mit der "Theorie" in den Postfächern der Kollegiaten verteilt. Acht Jahre später kommt dann ein Herr Held, und geschlagene 24 Jahre!!! später Spiegel Online auf diesen Trichter. Das ist der wahre Gag an der ganzen Story.
5. ...
M. Michaelis 05.06.2010
Zitat von sysopUnd wer hat's erfunden? Der hat's erfunden - und sich ein kleines Web-Denkmal gesetzt: Achim Held ist schuld am "Bielefake", an der Legende, dass Bielefeld gar nicht wirklich existiert. Im Interview erzählt der Informatiker, wie der Nonsens in die Welt kam und ein munteres Eigenleben entfaltete. http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,698657,00.html
Ich glaube ja dass es Achim Held gar nicht gibt.
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Zur Person
Achim Held, 41, ist Informatiker in Kiel. Dort studierte und promovierte er an der Universität - und erfand 1994 in bierseliger Laune gemeinsam mit anderen Partygästen die Bielefeld-Verschwörung. Heute arbeitet Held als Senior Software Engineer bei einem Beratungsunternehmen für die Finanz- und Versicherungsbranche.
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