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Von der Förderschule an die Uni: "Die Ärzte sagten, ich sei intelligent"

Von Jan Söfjer

Achtjähriger bei den Hausaufgaben: Wer macht Abi - und wer nicht? Zur Großansicht
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Achtjähriger bei den Hausaufgaben: Wer macht Abi - und wer nicht?

Sonderschüler! Dieses Stigma klebte an Christian Corrada. Er lernte erst spät richtig sprechen, landete auf einer Förderschule - dann kämpfte er sich hoch, bis zum Einser-Uni-Abschluss. Heute macht er Karriere als Wirtschaftsingenieur. Wie hat er das geschafft?

Meetings mit Firmenkunden, einen Workshop organisieren, die Fahrt ins Ausland zu einem Kunden: Christian Corrada*, 30, aus Hamburg hat als Wirtschaftsingenieur einen stressigen Job. Gerade bereitet er sich zusammen mit seinem Team auf eine Besprechung mit einem Kunden vor. Ein wichtiger Auftrag könnte so für die Firma an Land geholt werden. Es ist ein üblicher Tag für Corrada. Parallel dazu qualifiziert er sich in seinem Konzern weiter. Er wird unterstützt und gefördert. Das war nicht immer so.

Als Kind bekam Corrada ein Stigma, das ihn lange verfolgte, und das er selbst jetzt noch lieber für sich behält - deswegen möchte er seinen echten Namen auch noch immer nicht öffentlich preisgeben. Christian Corrada war Sonderschüler. Das Kuriose ist: Ohne die Förderschule wäre er vielleicht beruflich nie so erfolgreich geworden.

Als Kleinkind sieht es nicht so aus, als ob Corrada einmal ein Wirtschaftsingenieur mit Einserabschluss werden würde, der an internationalen Projekten arbeitet. Selbst im Kindergarten kann er noch nicht richtig sprechen. Zudem ist er unruhig, die vielen Kinder und Sinneseindrücke überfordern ihn, seine Eltern schicken ihn daraufhin in eine besondere Frühfördereinrichtung. "Die Ärzte sagten zwar, ich sei intelligent und mein Wortschatz sehr groß, aber ich könne syntaktisch nicht zusammenhängend reden." Die Diagnose der Ärzte: Dysgrammatismus. Das Gehirn lernt grammatikalische Strukturen nicht so schnell wie üblich.

Er glaubt, eine normale Schule zu besuchen

Corrada kommt auf eine Sprachheilförderschule und fühlt sich dort wohl - elf Schüler, ein Gefühl von Geborgenheit. Die Lehrer gehen auf ihre Schüler ein, die alle Sprachprobleme, aber sonst keine Schwierigkeiten haben. Corrada wird viele seiner ehemaligen Mitschüler später in der Uni wiedersehen. "Wenn Lehrer da sind, die an einen glauben und einem Vertrauen geben, dann kann man sich weiterentwickeln, wachsen und Zuversicht gewinnen", sagt er. Außerdem geben Corradas Eltern ihm das Gefühl, eine ganz normale Schule zu besuchen. Auf einer solchen hätte er, so glaubt er, zu diesem Zeitpunkt jedoch Schwierigkeiten gehabt.

Erst später wird ihm klar, dass Sprachheilschulen als Sonderschulen gelten - und dass die wiederum einen miesen Ruf haben. Weil sie häufig nur Aufbewahrungsstätten seien, die Kinder mit Förderbedarf vom Rest der Gesellschaft ausschließen und nicht ausreichend auf die Arbeitswelt vorbereiten würden. Umso mehr begrüßen die meisten, dass Deutschland verstärkt auf Inklusion setzt - so dass die derzeit rund 360.000 Kinder mit Förderbedarf zukünftig in Regelschulen unterrichtet werden sollen. Wie schwer der Übergang trotz guter Leistungen sein kann, zeigt Corradas Beispiel.

In der vierten Klasse sind seine Probleme verschwunden. Christian Corrada wechselt in die Orientierungsstufe - und ist erschrocken: große Klassen, Spannungen, Schüler aus sozial benachteiligten Familien und Lehrer, die ihren Unterricht abspulen. "Ich wurde nicht akzeptiert, nicht integriert, es war keine schöne Zeit." Trotzdem werden seine Noten immer besser, irgendwann schreibt er nur noch Einsen. In der sechsten Klasse möchte er aufs Gymnasium wechseln, doch die Lehrer raten ab. "Meinen Eltern wurde suggeriert, dass ich im Gymnasium als ehemaliger Förderschüler nicht mitkäme", erzählt Corrada. Seine Eltern widersprechen nicht. Sie haben selbst kein Abitur gemacht, denken, die Lehrer müssten es schon wissen.

Abstieg ist wahrscheinlicher als Aufstieg

OECD-Bildungsexperte Andreas Schleicher wurde als Grundschüler selbst als "ungeeignet fürs Gymnasium" eingestuft. Verhinderte Bildungsaufstiege hält er für typisch. "Die Abstiegswahrscheinlichkeiten liegen um ein Vielfaches höher als die Aufstiegswahrscheinlichkeiten, und treffen meist Kinder aus sozial benachteiligten Familien", sagt er. Das Kernproblem des gegliederten Schulsystems liege darin, dass es den Schulen leichtgemacht werde, Probleme abzuschieben anstatt sie zu lösen.

Corrada bleibt auf der Haupt- und Realschule und ist hoffnungslos unterfordert. Die Hausaufgaben macht er schnell in den Pausen, an den Nachmittagen liest er Sachbücher und schaut Dokumentationen. Er schließt die Realschule mit der Note 1,1 ab und wechselt endlich aufs Gymnasium - doch nicht, bevor ein Lehrer ihn noch einmal warnte, er würde das nicht packen.

Während Realschüler, die auf ein Gymnasium wechseln, in der Regel schnell ein bis zwei Noten abfallen, bleibt Corrada Jahrgangsbester - bis zum Abitur. Mittlerweile muss er auch wirklich lernen, es geht nicht mehr von selbst. Aber er ist glücklich: "Das Gymnasium hat mir eine völlig neue Welt eröffnet. Lehrer und Mitschüler waren offen und freundlich zueinander. Wir waren eine Klassengemeinschaft, alle wollten etwas erreichen", erzählt er. Und kurz bevor seine Zukunft richtig losgeht, hält der ehemalige Junge mit den Sprachschwierigkeiten für seinen Jahrgang die Abitur-Abschlussrede.

* Name geändert

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1.
suedseefrachter 16.02.2014
Zitat von sysopDPASonderschüler! Dieses Stigma klebte an Christian Corrada. Er lernte erst spät richtig sprechen, landete auf einer Förderschule - dann kämpfte er sich hoch, bis zum Einser-Uni-Abschluss. Heute macht er Karriere als Wirtschaftsingenieur. Wie hat er das geschafft? http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/bildungsaufsteiger-erfolgreich-im-job-trotz-foerderschule-a-951926.html
Lehrer sind auch nur Menschen, und die meisten haben keinerlei Lebenserfahrung. Ich erinnere mich an die erste Physikstunde, irgendwie wollte der Lehrer damals auch wissen was die Eltern so machen. Da meinte einer sein Vater sei Schauspieler da meinte der Lehrer dann arbeitet er also überhaupt nichts auf erniedrigende Weise. Dieser gewisse Lehrer hat heutzutage ein höheres Amt im Bildungswesen. Meinen Kindern präge ich soweit ein nur bedingt Respekt vor Lehrern zu haben vor solchen Klugscheissern braucht man weder Angst noch Respekt zu haben. Und die Noten sind im Leben auch nicht so wichtig - schlussendlich zählt dann doch was man macht. Es gibt viele Mittel und Wege, und das nicht nur in Deutschland.
2. Kenne auch so einen Fall
jizzyb 16.02.2014
Zitat von sysopDPASonderschüler! Dieses Stigma klebte an Christian Corrada. Er lernte erst spät richtig sprechen, landete auf einer Förderschule - dann kämpfte er sich hoch, bis zum Einser-Uni-Abschluss. Heute macht er Karriere als Wirtschaftsingenieur. Wie hat er das geschafft? http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/bildungsaufsteiger-erfolgreich-im-job-trotz-foerderschule-a-951926.html
Der Sohn einer Nachbarin ist Legastheniker, die Schulempfehlung nach der Grundschule: Sonderschule, allerhöchstens Hauptschule! Er hat jetzt einen Realschulabschluss mit 1,1 und wurde vom Ausbildungsbetrieb mit Kusshand genommen. Wer wirklich wissen will, wie kompetent Lehrer in Bezug auf die zukünftige Schulwahl sind, sollte sich mal mit der IGLU-Studie befassen. Auch meine Kinder bekamen - nach dem Überspringen der 3. Klasse - interessanterweise nur eine Realschulempfehlung - heute laufen beide aufs Abi zu.
3. Unglaublich
plbrkr 16.02.2014
Eine faszinierende Lebensgeschichte !
4. Ja, klar
siebenh 16.02.2014
Ist schon recht. Er macht den Abschluss mit 1,1. Schreibt in den Jahren zuvor nur Einsen. Aber die bösen Lehrer an der realschule sagen, er schafft das Gymnasium nicht. Den Lehrer möchte ich sehen. Ich bin selbst Realschullehrer. Niemals würden ich oder einer meiner Kollegen zu einem Schüler mit diesem Notenbild etwas derartiges sagen. Entweder ist dieser Lehrer ein besonderes Exemplar und sollte den Job wechseln oder die Geschichte ist erfunden. Drama und Lehrerschelte verkaufen sich besser.
5. Eigentlich
altmannn 16.02.2014
Zitat von sysopDPASonderschüler! Dieses Stigma klebte an Christian Corrada. Er lernte erst spät richtig sprechen, landete auf einer Förderschule - dann kämpfte er sich hoch, bis zum Einser-Uni-Abschluss. Heute macht er Karriere als Wirtschaftsingenieur. Wie hat er das geschafft? http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/bildungsaufsteiger-erfolgreich-im-job-trotz-foerderschule-a-951926.html
spricht der Artikel gegen Inklusion und für besondere Förderung in einer geborgeneren Umgebung. Ob die notwendige Förderung bei besonderen Lernschwierigkeiten in inkludierten Schulen wirklich leistbar ist, halte ich auf Grund der personellen Ressourcen und der finanziellen Zwänge für zweifelhaft. Aber bis das erkannt wird, werden wieder einige Kinder als Versuchskaninchen die A-Karte ziehen.
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