Bizarres Designer-Diplom: Beim Bart des Potentaten

Von Johannes Gernert

Mit schwarzem Humor zum Diplom: Fabian Braun hat einen Diktatoren-Spleen, also entwarf der Designstudent "Rex, das Magazin für den zeitgenössischen Autokraten". Darin zeigt er alles, was der Herrscher von Weltrang so braucht: Tipps für den Foltersport und Schaftstiefel von "Daniel Schlächter".

Manchmal hat er diese sonderbaren Einfälle. Zum Beispiel: Eritrea-Wochen bei McDonald's. Fabian Braun saß als Grafik-Praktikant in einer Werbeagentur und sollte sich eigentlich eine Anzeige ausdenken. Stattdessen grübelte er, ob es dann wohl drei Reiskörner als Maximenü geben würde - in den Eritrea-Wochen bei der Klopskette. Ein Humor schwarz wie verbrannte Bratlinge, und in dem Fall: genauso flach.

Kann man nicht bringen, dachte Braun. Aber er notierte seine krummen Ideen auf einer Liste. Irgendwann merkte er: Die meisten handelten von Diktatoren. Als er dann ein Thema für seine Diplomarbeit an der Bauhaus-Universität in Weimar brauchte, fiel ihm die schwarze Liste wieder ein. Er beschloss, etwas daraus zu machen. Das Produkt ist jetzt fertig: "Rex - das Magazin für den zeitgenössischen Autokraten". Ein Lifestyle-Heft für Diktatoren.

"Es ist soweit! Eine der letzten offenen Flanken der Presselandschaft wird endlich geschlossen", verkündet der Erste Redaktionsratsvorsitzende und Diplomand der Visuellen Kommunikation dem "ehrenwerten Leser" im Editorial. Prall gefüllt sei das Heft mit "allem, was den modernen Herrscher von Weltruf interessiert".

Moralisch inspirierter Diktatoren-Spleen

Kann man so sagen. Das Heft sieht die Welt ganz aus der Führerperspektive. So werden die neuesten olympischen Trendsportarten vorgestellt, vom "Passivboxen" über das "72-Stunden-Hängen" am Dehnbarren bis zum Zeittauchen gegen die Uhr. Ein Team besteht aus Halter (meist ein Aufsichtsbeamter) und Taucher: "Gewonnen hat, wer am längsten unter Wasser bleibt."

Fabian Braun, 27, sagt, dass er die Mechanik des schwarzen Humors mag, weil einem das Lachen sehr schmerzhaft im Hals kleben bleibe. Wie beim Waterboarding-Witz haben viele "Rex"-Geschichten etwas Anklagendes. Bei seinen Praktika arbeitete er nicht selten mit Schockeffekten. Für die Agentur "Scholz & Friends" etwa hat er an einer prämierten Kampagne für Fahrradhelme mitgewirkt. Auf den Plakaten ist ein Mann mit angeschlagenem Eierkopf zu sehen - das Dotter zerläuft auf der Straße.

Auch sein Diktatoren-Spleen ist ethisch-moralisch inspiriert. Braun war vor einigen Jahren als Fotograf bei den Wahlen in Kambodscha unterwegs und wunderte sich, dass die grausamsten Diktaturen manchmal die beliebtesten Reiseziele sind. Burma etwa, vor dem Zyklon. Nach der Kambodscha-Reise hat er alle Autokraten-Geschichten gelesen, die er in Magazinen und Zeitungen finden konnte. Und sagt: "Diese Typen sind komplett absurd."

Schaftstiefel von "Daniel Schlächter"

"Rex" zu produzieren sei deshalb gar nicht einfach gewesen. Manchen realen Irrsinn konnte er schlicht nicht mehr überdrehen. Da lässt einer Marmorabdrücke seiner Hände am höchsten Haus der Stadt anbringen, die Untertanen dürfen hinaufpilgern und ihre Finger hineinlegen. Da errichtet ein anderer eine goldene Statue, die sich zur Sonne dreht.

Für die Modestrecke "Des Regenten neue Kleider" zeigt Braun also einfach nur die bizarren echten Outfits, kommentiert sie und fügt einzelne Accessoires hinzu. Schaftstiefel etwa - Marke "Daniel Schlächter". Oder einen Marschallstab von "Ducci".

Es gibt auch Fitnesstipps für den vielbeschäftigten Herrscher ("Die besten Übungen für alle, die sich keine Schwäche leisten können"), vom zackigen Unterarmreißer bis zum Cäsarenschwinger. Und am Heftende Ländertipps: "Wo Sie Ihren wohlverdienten Ruhestand verbringen können, falls es zu Hause mal nicht mehr so gut läuft."

"An der Uni kann man sowas machen"

Gelegentlich laufen die Grenzen von Realität und Fiktion ineinander. Trägt Libyens Muammar al-Gaddafi tatsächlich Strapse unter der hellen Hose? Tut er nicht, eine Montage. Zeichnen sich bei Nordkoreas Kim Jong Il die Genitalien wirklich derart deutlich im olivgrünen Schoß ab? Tun sie. Ganz ohne Montage. "Wählen Sie eine Passform, die ihrem Körperbau entspricht", rät "Rex".

Die Fotostrecke "Beim Barte des Potentaten" zeigt, wie die richtige Gesichtsbewaldung die Macht sichert. Hitler, Lenin, Stalin, Castro. Unterschiedlichste erprobte Erfolgsbärte sind zum Ausschneiden beigefügt. Am Ende lehrt ein Bild des glatt rasierten Erich Honecker: "Ohne Bart ist kein Staat zu machen."

Er wollte sich diesen Unfug zum Abschluss einfach mal gönnen, sagt Fabian Braun. Die Designer in Weimar haben ohnehin ein Herz für bizarre Ideen, vor allem Professor Werner Holzwarth, der auch Brauns Diplomarbeit betreute. So gestalteten Weimarer Studenten zum Beispiel Plakate zum Bösen in der Werbung und eine Deutschland-Inventur zum "Land der Dieter und Denker". Sie entwarfen auch KZ-Souvenirs aus Buchenwald und für den Weißen Ring eine drastische Kampagne gegen sexuellen Missbrauch und Gewalt in der Familie. Und vor zwei Jahren ließ ein Diplomand beim Brettspiel "Unter uns" die Mitspieler in die Rollen von Ausländern schlüpfen, die illegal in Deutschland leben.

Entlegenes, Abseitiges und Schwarzhumoriges hat am Fachbereich Visuelle Kommunikation eine schöne Tradition. "Es war nicht so, dass es da Tabus gab", sagt Fabian Braun. "Das ist ja das Schöne an der Uni. Da kann man das halt machen." Man hört ihm seine Schulzeit im schwäbischen Villingen-Schwenningen noch ein bisschen an.

Vorwort von Kim Jong Il geplant

Mittlerweile ist Braun 27 Jahre alt, sieht sich gerade nach einem Job um und ist dafür nach London gegangen. Er hatte dort schon ein Praktikum gemacht, ein anderes in Amsterdam. In England und Holland hat ihm die Werbekultur besser gefallen als in Deutschland. Er findet, dass die Spots mutiger sind. Die deutsche Unternehmen, die Kunden der Werbeagenturen, würden zu viele Ideen "killen". "Vielleicht auch, weil sie das Publikum für zu blöd halten." Er hofft, dass er in London mehr wagen kann.

Designer Fabian Braun: Mit Diktatoren-Spleen zum Diplom

Designer Fabian Braun: Mit Diktatoren-Spleen zum Diplom

Obwohl die nächste "Rex"-Ausgabe am Ende schon angekündigt wird und man Abonnenten einen Democracy-Fußabtreter verspricht, wird das Magazin nicht erscheinen. Die Zahl an Diktatoren ist dann doch ein bisschen gering.

Braun hat allerdings darüber nachgedacht, ein paar Exemplare an ausgewählte Herrscher zu verschicken. Und er hatte wirklich einmal vor, einige von ihnen für das Projekt zu gewinnen. Robert Mugabe und Kim Jong Il sollten ihm ein Vorwort schreiben. Die Briefe waren aufgesetzt, aber er hat sie nicht abgeschickt.

Er hätte eine Antwortadresse angeben müssen. Das hat er sich nicht getraut. Da hört der Spaß dann doch auf.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 15 Beiträge
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1. Keine Sorge ...
Rauschpfeife 22.08.2008
... lieber SPIEGEL, die Meisterschaft im Notieren krummer Ideen, die macht euch so schnell niemand streitig.
2. Warum kann man das nicht kaufen?
soylentyellow1 22.08.2008
Äh, ja und warum kann man das jetzt nicht laufen? Oder wenigstens herunterladen? Viellleicht mal die Titanic fragen, die drucken das sicher.
3. Potentaten
waelder 22.08.2008
Eine mögliche Weiterführung wäre einerseits, wie diese Herrschaften an die Macht gekommen sind, oder andererseits, wer sie aus welchen Gründen unterstützt und/oder hofiert. (Er ist ein Strolch, aber er ist unser Strolch). Oder wie Herrscher auf Zeit, wie beispielsweise sogenannte demokratische Politiker, eigentlich nur als Gallionsfigur einer Machtclique dienen. Und wer dann alles bei den kleinen und grossen Sauereien (Details nicht weglassen1) mit welchen Ausflüchten (auflisten) mitmacht.
4. Freiheit in Schrift und Bild-Pressefreiheit
thunderhand 22.08.2008
Zitat von sysopMit schwarzem Humor zum Diplom: Fabian Braun hat einen Diktatoren-Spleen, also entwarf der Designstudent "Rex, das Magazin für den zeitgenössischen Autokraten". Darin zeigt er alles, was der Herrscher von Weltrang so braucht: Tipps für den Foltersport und Schaftstiefel von "Daniel Schlächter". http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,573615,00.html
-darüber kann man nur lachen,und der Junge sollte relativ schnell weg von seiner Uni in ein Unternehmen-Pressefreiheit beginnt nämlich genau hier-an der Uni-in dieser Arbeit! Und ein Tip an die deutsche Wirtschaft,die doch so gerne Demodikkraturen-lach-(wie China)hoffiert... hier ist einer für Pampers-Millionen Chinesen werden Schlange stehen,wenn der Junge euch das nächste Plakat für Soldaten in Pampers erstellt-sie werden euch Tür und Tor einrennen-soviele Windeln könnt ihr gar nicht herstellen...
5. Recht schräge Sache "Beim Bart des Potentaten"
piet_mondriaan 23.08.2008
Ja, ja da hat es dann doch gehapert an der Courage. Wenn es um die Angabe seiner Adresse im Brief an Kim-Yong-Il (hoffentlich richtig geschrieben) geht läßt man das besser bleiben und pöbelt weiter im Dunstkreis der so oft geschmähten, aber machmal so herrlich bequemen deutschen (oder einer anderen europäischen) Republik herum. Es gibt doch wahrlich dringendere Dinge die man entsprechend aufbereiten und verbreiten sollte. Schönen Tag noch.
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