Bundestagsneuling Bernschneider: Was der jüngste Abgeordnete ändern will

Florian Bernschneider, 22, ist der jüngste Abgeordnete im neuen Bundestag - und möchte Altersgenossen eine Stimme geben. Gehört dazu auch, Pornos im TV zu fordern? Das und anderes erklärt der FDP'ler im SPIEGEL-ONLINE-Interview.

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dpa

SPIEGEL ONLINE: Herr Bernschneider, Sie ziehen als jüngster Abgeordneter in den Bundestag ein - bisher war Anna Lührmann von den Grünen die Jüngste. Haben Sie eine Einführung ins neue Amt bekommen?

Bernschneider: Am Montag direkt nach der Wahl gab es eine erste kleine Einführung. Da wurden die neuen Abgeordneten der FDP zusammengebracht. Uns wurde erklärt, was in den nächsten Wochen auf uns zukommt: wie man sein Büro bekommt, wie das mit Mitarbeitern ist, wie die Besetzung der Ausschüsse läuft - organisatorische Dinge. Jedem neuen Abgeordneten wird zudem ein Pate zugeteilt, der schon in der letzten Periode Abgeordneter war und uns ein bisschen an die Hand nimmt und begleitet.

SPIEGEL ONLINE: Das Medieninteresse an Ihnen als "Bundestagsbenjamin" ist groß. Ist das für Sie mehr Last oder Freude?

Bernschneider: Es ist auf jeden Fall schön. Ich werde mich nicht beschweren, dass ich als junger Abgeordneter in den ersten Wochen nicht gleich untergehe, sondern die Chance bekomme, meine Meinung zu sagen. Wobei natürlich viele Fragen der Medien auf das Persönliche abzielen: Wie nehmen der Freundeskreis und die Familie das auf? Aber ich halte viel von Privatsphäre und will über Politik diskutieren. Da muss man schon mal eine Trennlinie ziehen und entscheiden: Was will man über sich preisgeben und was nicht?

SPIEGEL ONLINE: Und wo ziehen Sie diese Linie?

Bernschneider: Wenn ich gefragt werde, wie meine Freunde reagieren, dann will ich bestimmt nicht erzählen, wer das ist und was die für Hobbys haben.

SPIEGEL ONLINE: Im Wahlkampf sagten Sie, die junge Generation sei im Bundestag unterrepräsentiert. Inwiefern werden sie als Jungpolitiker neue Themen einbringen oder politische Fragen anders behandeln?

Bernschneider: Mir kommt natürlich eine besondere Rolle zu, wenn es darum geht, junge Menschen für Politik zu begeistern. Da kann ich wesentlich schneller einen Draht entwickeln als ältere Abgeordnete. Ich will vor allem einer neuen Verbotskultur entgegenwirken: Das Verbot von Alkohol auf öffentlichen Plätzen, von Flatrate-Partys oder Computerspielen - das sind alles Themen, die junge Leute betreffen. Da sehe ich mich als Sprachrohr, um deutlich zu machen, dass Verbote vielleicht der falsche Weg sind.

SPIEGEL ONLINE: Bei den Jungliberalen haben Sie sich durch die Verbandsebenen nach oben gearbeitet und sind nun über einen Landeslistenplatz in den Bundestag eingezogen. Was muss man mitbringen und tun, damit so ein rascher Aufstieg gelingt?

Bernschneider: Planen kann man das nicht. Ich bin nicht in die FDP eingetreten und habe gesagt: Ich will mal im Deutschen Bundestag sitzen. Aber natürlich habe ich so viel Spaß an der Arbeit gehabt, dass ich viel Freizeit geopfert habe. Man muss Lust haben, mit den Leuten etwas zu machen, eben auch mit ihnen ein Bier zu trinken. Wenn man viel Engagement reinlegt, hat man gute Voraussetzungen, dass daraus mehr wird. Das lohnt sich auch für den Beruf: Man lernt Rhetorik und auf Menschen zuzugehen.

SPIEGEL ONLINE: Eine Partei ist aber nicht nur ein Freizeitspaß, sondern auch ein Machtgefüge. Gehören auch spitze Ellenbogen dazu?

Bernschneider: In der Politik geht es immer um Mehrheiten - in Sachfragen wie in Personalfragen. Bei Meinungsverschiedenheiten gilt für mich: hart in der Sache, fair im Umgang. Aber ohne jede Frage: Ehrgeiz ist schon wichtig und die Fähigkeit, Unterstützer zu suchen, gehört natürlich auch dazu.

SPIEGEL ONLINE: Muss man als Jungpolitiker auch mit ausgefallenen Forderungen auf sich aufmerksam machen? Sie haben sich vor zwei Jahren dafür ausgesprochen, dass Pornos ab 16 freigegeben und im TV ausgestrahlt werden sollten.

Bernschneider: Ich war damals Pressesprecher meines Landesverbandes und schrieb Hunderte Pressemitteilungen. Wenn man Glück hat, beißt einmal im Jahr eine Zeitung an. Äußert man sich einmal blöd zu so einem Thema, wird es gleich an die große Glocke gehängt. Das war damals ein Leitantrag von zwölf Seiten, eine Forderung bezog sich auf Pornos. Genau diese wurde dann rausgegriffen und zum Kern einer Story gemacht. Ich habe mich schon immer darüber geärgert, dass man junge Politik auf solche Dinge verkürzt, dass man Jungpolitikern Kompetenz sowieso nur in Drogenpolitik und vielleicht noch ein bisschen Umwelt zutraut.

SPIEGEL ONLINE: Sie nutzen Twitter sehr intensiv und teilen dort regelmäßig mit, wo Sie gerade sind und was Sie gerade machen. Verstehen Sie das als neue Art von Volksnähe?

Bernschneider: Ich glaube, es ist wichtig, dass die Leute viel besser verstehen, was ein Politiker eigentlich den ganzen Tag macht, wo er sich bewegt, mit wem er spricht. Abgeordnete müssen nicht nur politische Aussagen verbreiten, die findet man im Zweifel auch in der Tagespresse. Mit Twitter kann man gerade in Zeiten der Politikverdrossenheit zeigen, wie das Leben eines Politikers wirklich aussieht. Ich habe oft den Eindruck, dass uns gegenüber eine Erwartungshaltung besteht, die gar nicht zu erfüllen ist. Nach dem Motto: Du bist doch im Bundestag, jetzt musst du doch auch sofort etwas ändern. Die Leute erwarten schnelle Entscheidungen, obwohl vieles sehr langfristig aufgebaut ist.

SPIEGEL ONLINE: Zu Ihrem Leben gehört nicht nur die Politik: Sie wollen im nächsten Jahr Ihr BWL-Studium abzuschließen. Wird noch genug Zeit bleiben fürs Studium?

Bernschneider: Ich habe volle Rückendeckung in der Partei dafür. Für mich ist der Abschluss sehr wichtig, weil ich nicht will, dass Politik zwangsläufig mein Lebensinhalt für die nächsten 40 Jahre wird. Ich möchte schon die Möglichkeit haben, aus der Politik rauszugehen, wenn ich das will.

SPIEGEL ONLINE: Wie werden Sie Ihre erste Rede im Bundestag angehen?

Bernschneider: Ich glaube, ich werde tierisch aufgeregt sein, wenn es so weit ist. Aber ich weiß ja noch gar nicht, welchem Themenbereich ich zugeordnet sein werde und wann der Zeitpunkt gekommen ist. Deshalb mache ich mir erst mal keine Gedanken darüber.

Das Interview führte Birger Menke

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Zur Person
Florian Bernschneider (FDP), 22, ist als jüngster Abgeordneter in den Bundestag eingezogen. Er kandidierte in Braunschweig und kam über die Landesliste ins Parlament. Bernschneider belegt ein duales BWL-Studium an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg und bei der Norddeutschen Landesbank. Im Kommenden Jahr will er seinen Abschluss machen.

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