UniSPIEGEL: Herr Bierhoff, Sie gehören zu den ganz wenigen deutschen Fußballprofis, die während ihrer Sportkarriere ein Hochschulstudium absolviert haben - obwohl Sie schon mit 18 in der Bundesliga und in Junioren-Auswahlmannschaften des DFB spielten. Wieso haben Sie sich das angetan?
Bierhoff: Für mich war eher die Frage, ob ich Fußballprofi werden will und werden kann. Als Jugendlicher konnte ich zwar ordentlich kicken, mir war aber immer klar, dass ich studieren würde. Es hat ja dann auch ein paar Jahre gedauert, ehe ich mich als Profi durchgesetzt habe.
UniSPIEGEL: Wie haben Ihre Kollegen beim Hamburger SV oder bei Borussia Mönchengladbach reagiert, als Sie erzählten, dass Sie nebenbei studieren?
Bierhoff: In der Bundesliga habe ich das eher geheim gehalten, weil man in Deutschland ja gern in eine Schublade gesteckt wird. Ich war bei jedem Verein der einzige Student in der Mannschaft und wollte, wenn es dann mal nicht läuft, ungern Sprüche hören wie: "Der denkt zu viel."
UniSPIEGEL: Muss sich im Fußball rechtfertigen, wer den Kopf nicht nur für Kopfbälle benutzt?
Bierhoff: Mein Vater war Vorstand beim Energiekonzern RWE, da wurde ich schnell in eine Ecke geschoben - von wegen das Vorstandssöhnchen, das ein bisschen studiert und sich für anderes zu fein ist. Dreckig gemacht habe ich mich bei meiner Spielweise auch nie, die Haare lagen so wie heute noch. Diesen Blick auf mich wollte ich nicht noch unterstützen, indem ich besserwisserisch rüberkomme. Ich habe das Studium also nach außen sehr unterm Deckel gehalten.
UniSPIEGEL: Und wie war es, als Sie danach in Salzburg, Ascoli, Udine und sogar beim großen AC Mailand spielten?
Bierhoff: Als ich nach Österreich und weiter nach Italien ging, war das überhaupt kein Thema mehr.
UniSPIEGEL: Warum nutzen auch heute, 20 Jahre später, so wenige Fußballprofis ihre wahrlich nicht so knappe Freizeit für ein Studium?
Bierhoff: Die Zahl der Abiturienten in der Bundesliga hat zugenommen, die Möglichkeit hätten also etliche. Ich glaube, es ist ein Mix aus Gründen. Die Nationalspieler sind sicherlich zeitlich sehr beansprucht und so wenig zu Hause, dass ein Studium unmöglich ist. Dasselbe gilt für Profis, deren Clubs in internationalen Wettbewerben dabei sind. Wer aber ausschließlich Bundesliga spielt, hat sehr wohl die Chance zu studieren. Auch wenn es vielleicht so lange dauert wie bei mir - 25 Semester an der Fernuni Hagen.
UniSPIEGEL: Was hält diese Profis davon ab?
Bierhoff: Eine gewisse Bequemlichkeit und die Tatsache, dass Profis schon in jungen Jahren daran gewöhnt sind, alles organisiert zu bekommen. Da sehe ich einen großen Unterschied zu Einzelsportlern wie Leichtathleten oder Schwimmern, die Trainingspläne ausarbeiten und ihre Reisen organisieren müssen. Das wird Fußballern schon in jungen Jahren vom Verein oder vom Verband abgenommen, und deshalb fällt es vielen heute so schwer, mal die Initiative zu ergreifen und ein Studium anzugehen. Aber wir haben jetzt immerhin zwei Profis, Jörg Butt vom FC Bayern und Per Mertesacker von Werder Bremen, die ein Studium begonnen haben.
UniSPIEGEL: Ein Studentenleben konnten Sie an der Fernuni Hagen freilich nicht führen.
Bierhoff: Ich habe immer zu Hause studieren müssen, die Hörsäle kannte ich nur von den Klausuren. Um ehrlich zu sein, beneide ich noch heute all die, die das erleben durften oder jetzt erleben. Es war immer mein Traum, an einer richtigen Universität zu studieren, auf einem Campus mit Kommilitonen. Wobei ich weiß, dass der Kampf um die Plätze und die Bedingungen heute hart sind.
UniSPIEGEL: Sie hätten es allenfalls nach der Karriere nachholen können ...
Bierhoff: ... Für drei Tage hatte ich das sogar vor! Mein Freund Marc Kosicke, mit dem ich eine Vermarktungsagentur betreibe, hat hier in Köln an der Sporthochschule studiert und noch gute Kontakte. Er wollte für mich ein dreitägiges Schnupperprogramm organisieren: Sport treiben, Seminare besuchen, Student sein.
UniSPIEGEL: Und, wie war das?
Bierhoff: Leider wurde daraus nichts. Unmittelbar bevor es losgehen sollte, bekam ich das Angebot als Manager der Nationalmannschaft. Und da wollte ich, ehrlich gesagt, kein Material liefern für Artikel über den späten Studenten Bierhoff.
UniSPIEGEL: Als Manager sind Sie jetzt ganz nah dran an der deutschen Nationalelf, die so populär ist wie selten zuvor und die mit ihren vielen jungen Talenten Perspektiven hat wie lange nicht mehr. Träumen Sie manchmal auch davon, in dieser Truppe noch selbst zu spielen?
Bierhoff: Es ist in der Tat eine tolle Truppe, in der ich wahnsinnig gern spielen würde. Sie hat viele spielstarke Typen, die hohe technische Qualität auszeichnet. Gerade deshalb hätte ich aber die Befürchtung, mit meinen Qualitäten bei Bundestrainer Jogi Löw keinen Platz mehr zu finden.
Das Interview führte Alfred Weinzierl
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