BWLer Oliver Bierhoff: "Ich habe das eher geheim gehalten"

Nationalelf-Manager Oliver Bierhoff studierte neben seiner Fußballerkarriere BWL und war ein echter Bummelant: 13 Jahre brauchte er bis zum Abschluss. Im Interview erzählt er von Vorurteilen gegen Studierte in der Bundesliga und warum er sich auf dem Platz nie richtig schmutzig machte.

DFB-Manager Bierhoff: "Dreckig gemacht habe ich mich nie" Fotos
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UniSPIEGEL: Herr Bierhoff, Sie gehören zu den ganz wenigen deutschen Fußballprofis, die während ihrer Sportkarriere ein Hochschulstudium absolviert haben - obwohl Sie schon mit 18 in der Bundesliga und in Junioren-Auswahlmannschaften des DFB spielten. Wieso haben Sie sich das angetan?

Bierhoff: Für mich war eher die Frage, ob ich Fußballprofi werden will und werden kann. Als Jugendlicher konnte ich zwar ordentlich kicken, mir war aber immer klar, dass ich studieren würde. Es hat ja dann auch ein paar Jahre gedauert, ehe ich mich als Profi durchgesetzt habe.

UniSPIEGEL: Wie haben Ihre Kollegen beim Hamburger SV oder bei Borussia Mönchengladbach reagiert, als Sie erzählten, dass Sie nebenbei studieren?

Bierhoff: In der Bundesliga habe ich das eher geheim gehalten, weil man in Deutschland ja gern in eine Schublade gesteckt wird. Ich war bei jedem Verein der einzige Student in der Mannschaft und wollte, wenn es dann mal nicht läuft, ungern Sprüche hören wie: "Der denkt zu viel."

UniSPIEGEL: Muss sich im Fußball rechtfertigen, wer den Kopf nicht nur für Kopfbälle benutzt?

Bierhoff: Mein Vater war Vorstand beim Energiekonzern RWE, da wurde ich schnell in eine Ecke geschoben - von wegen das Vorstandssöhnchen, das ein bisschen studiert und sich für anderes zu fein ist. Dreckig gemacht habe ich mich bei meiner Spielweise auch nie, die Haare lagen so wie heute noch. Diesen Blick auf mich wollte ich nicht noch unterstützen, indem ich besserwisserisch rüberkomme. Ich habe das Studium also nach außen sehr unterm Deckel gehalten.

UniSPIEGEL: Und wie war es, als Sie danach in Salzburg, Ascoli, Udine und sogar beim großen AC Mailand spielten?

Bierhoff: Als ich nach Österreich und weiter nach Italien ging, war das überhaupt kein Thema mehr.

UniSPIEGEL: Warum nutzen auch heute, 20 Jahre später, so wenige Fußballprofis ihre wahrlich nicht so knappe Freizeit für ein Studium?

Bierhoff: Die Zahl der Abiturienten in der Bundesliga hat zugenommen, die Möglichkeit hätten also etliche. Ich glaube, es ist ein Mix aus Gründen. Die Nationalspieler sind sicherlich zeitlich sehr beansprucht und so wenig zu Hause, dass ein Studium unmöglich ist. Dasselbe gilt für Profis, deren Clubs in internationalen Wettbewerben dabei sind. Wer aber ausschließlich Bundesliga spielt, hat sehr wohl die Chance zu studieren. Auch wenn es vielleicht so lange dauert wie bei mir - 25 Semester an der Fernuni Hagen.

UniSPIEGEL: Was hält diese Profis davon ab?

Bierhoff: Eine gewisse Bequemlichkeit und die Tatsache, dass Profis schon in jungen Jahren daran gewöhnt sind, alles organisiert zu bekommen. Da sehe ich einen großen Unterschied zu Einzelsportlern wie Leichtathleten oder Schwimmern, die Trainingspläne ausarbeiten und ihre Reisen organisieren müssen. Das wird Fußballern schon in jungen Jahren vom Verein oder vom Verband abgenommen, und deshalb fällt es vielen heute so schwer, mal die Initiative zu ergreifen und ein Studium anzugehen. Aber wir haben jetzt immerhin zwei Profis, Jörg Butt vom FC Bayern und Per Mertesacker von Werder Bremen, die ein Studium begonnen haben.

UniSPIEGEL: Ein Studentenleben konnten Sie an der Fernuni Hagen freilich nicht führen.

Bierhoff: Ich habe immer zu Hause studieren müssen, die Hörsäle kannte ich nur von den Klausuren. Um ehrlich zu sein, beneide ich noch heute all die, die das erleben durften oder jetzt erleben. Es war immer mein Traum, an einer richtigen Universität zu studieren, auf einem Campus mit Kommilitonen. Wobei ich weiß, dass der Kampf um die Plätze und die Bedingungen heute hart sind.

UniSPIEGEL: Sie hätten es allenfalls nach der Karriere nachholen können ...

Bierhoff: ... Für drei Tage hatte ich das sogar vor! Mein Freund Marc Kosicke, mit dem ich eine Vermarktungsagentur betreibe, hat hier in Köln an der Sporthochschule studiert und noch gute Kontakte. Er wollte für mich ein dreitägiges Schnupperprogramm organisieren: Sport treiben, Seminare besuchen, Student sein.

UniSPIEGEL: Und, wie war das?

Bierhoff: Leider wurde daraus nichts. Unmittelbar bevor es losgehen sollte, bekam ich das Angebot als Manager der Nationalmannschaft. Und da wollte ich, ehrlich gesagt, kein Material liefern für Artikel über den späten Studenten Bierhoff.

UniSPIEGEL: Als Manager sind Sie jetzt ganz nah dran an der deutschen Nationalelf, die so populär ist wie selten zuvor und die mit ihren vielen jungen Talenten Perspektiven hat wie lange nicht mehr. Träumen Sie manchmal auch davon, in dieser Truppe noch selbst zu spielen?

Bierhoff: Es ist in der Tat eine tolle Truppe, in der ich wahnsinnig gern spielen würde. Sie hat viele spielstarke Typen, die hohe technische Qualität auszeichnet. Gerade deshalb hätte ich aber die Befürchtung, mit meinen Qualitäten bei Bundestrainer Jogi Löw keinen Platz mehr zu finden.

Das Interview führte Alfred Weinzierl

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1. .
frubi 04.04.2011
Zitat von sysopNationalelf-Manager Oliver Bierhoff studierte neben seiner Fußballerkarriere BWL und war ein echter Bummelant: 13 Jahre brauchte er*bis*zum*Abschluss. Im Interview erzählt er von Vorurteile gegen Studierte in der Bundesliga und warum er sich auf dem Platz nie richtig schmutzig machte. http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,743984,00.html
Als Fußballer kann man ihn respektieren aber seit seiner Unterschrift unter den energiewirtschaftlichen Apell aus dem letzten Jahr ist der Herr bei mir unten durch.
2. RWE-Vorstandssprössling
postmaterialist2011 04.04.2011
Zitat von frubiAls Fußballer kann man ihn respektieren aber seit seiner Unterschrift unter den energiewirtschaftlichen Apell aus dem letzten Jahr ist der Herr bei mir unten durch.
Nicht nur dadurch (wieso unterschreibt ein Fussballmanager einen Appel für die Verlängerung der AKW-Laufzeiten, selbst wenn der Vater einmal RWE-Vorstand war ??), auch durch seine unsachlichen Kommentaren bezgl. des Tatorts mit dem Thema Homophobie im Fussball hat sich Bierhoff selsbt disqualifiziert. Und jemanden als "studiert" zu bezeichnen der in 25 Semestern an der Fernuni Hagen ein Schmalspurdiplom in BWL gnadenhalber bekommen hat ist auch leicht übertrieben.
3. Bierhoff
elcycinu 04.04.2011
Zitat von postmaterialist2011Nicht nur dadurch (wieso unterschreibt ein Fussballmanager einen Appel für die Verlängerung der AKW-Laufzeiten, selbst wenn der Vater einmal RWE-Vorstand war ??), auch durch seine unsachlichen Kommentaren bezgl. des Tatorts mit dem Thema Homophobie im Fussball hat sich Bierhoff selsbt disqualifiziert. Und jemanden als "studiert" zu bezeichnen der in 25 Semestern an der Fernuni Hagen ein Schmalspurdiplom in BWL gnadenhalber bekommen hat ist auch leicht übertrieben.
Ich denke gerade WEIL Papi ehemaliger RWE Vorstand war hat er diesen Appell unterschrieben. Bisher habe ich die negativen Kommentare über Bierhoff ignoriert und dachte, der Mensch ist vielleicht ein bisschen glatt aber gönnen tue ich ihm seine Nachaktive Karriere auf jeden Fall. Leider hat er sich wie Sie schon geschrieben haben durch sein homophobes faux pas bei mir disqualifiziert, was seine Vorbildfunktion betrifft. Nun ja, jetzt braucht er halt eine gute Presse und bekommt sie erst einmal auch. Zum Studium, ich kenne einen Prof, der jetzt an der Uni Hagen einen Ruf bekommen hat (kein VWLer/BWLer), ich denke das Studium als solches ist als vollwertiges Studium anzusehen. Eine andere Koryphähe ist aus meinem Fach zu unser Uni in Darmstadt gewechselt. (Hat einen Ruf bekommen) Die Fernuniversität Hagen ist nicht mit diesen netten kleinen Akademien, die einem so und so viele Abschlüsse -meistens vier oder so- bewirbt. Anbei der Link, http://www.fernuni-hagen.de/universitaet/fakultaeten.shtml der Uni und unter den Fakultäten befinden sich jeweils noch eine Menge an Studiengängen, Sozialwissenschaften http://www.fernuni-hagen.de/KSW/angebot/portale.shtml hat allein schon sechs vollwertige BAs und fünf MAs vorzuweisen. Wenn Sie allerdings, die BWL eh schon am Fuße des Totempfahls verorten, so kann ich Ihnen, aus der Sicht meiner Uni dies ebenfalls bestätigen. Das liegt aber nicht an der Uni selbst sondern wie die BWLer ihre Studiengänge allgemein (deutschlandweit) gestalten. Böse Mathematikerzungen sagen man würde in diesem Studiengang nur "rechnen lernen"... ;-) Soweit zum Schmalspurstudium. Übrigens Ihr Nickname gefällt mir! Best E.
4. Nichts...
sappelkopp 04.04.2011
...ist so alt wie die Nachricht von gestern. Schaust Du hier: http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,197108,00.html Aber, habe keine Ahnung, warum das Studium des Herrn Bierhoff nun abqualifiziert wird, es wäre ja nur die "Fernuni Hagen". Wer dort studiert, tut es in der Regel neben dem Beruf. Hut ab, kann ich da nur sagen, vor solchen Menschen habe ich Respekt.
5. #1
Kurt2 04.04.2011
Zitat von sysopNationalelf-Manager Oliver Bierhoff studierte neben seiner Fußballerkarriere BWL und war ein echter Bummelant: 13 Jahre brauchte er*bis*zum*Abschluss. Im Interview erzählt er von Vorurteile gegen Studierte in der Bundesliga und warum er sich auf dem Platz nie richtig schmutzig machte. http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,743984,00.html
Jeder, der sich neben seiner Haupttätigkeit aus eigenem Antrieb heraus weiterbildet, hat meinen vollen Respekt - unabhängig davon, wie lange es dauert. Auf jeden Fall hat er es nicht verdient, dafür als Zielscheibe für schnöselige Häme zu dienen.
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Heft 1/2011 Gegen Atomkraft. Warum eigentlich?
Zur Person
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Oliver Bierhoff, 43, ist seit 2004 Manager der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Von 1986 bis 2003 spielte er als Profi in Deutschland, Österreich, Italien und Monaco, darunter drei Jahre beim AC Mailand. In 70 Länderspielen erzielte der Mittelstürmer 37 Tore, 1996 schoss er mit seinem "Golden Goal" die deutsche Elf zum Europameistertitel. Während seiner Laufbahn absolvierte Bierhoff an der Fernuni Hagen ein Studium der Betriebswirtschaftslehre, das er 2002 abschloss. Thema der Diplomarbeit: "Die Bestimmung des Platzierungspreises von Aktien im Vorfeld einer Börseneinführung".

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