Cambridge in Feierlaune: Hoch lebe die Dekadenz

Von Melina Gehring

Anderswo zischen Studenten nach den Prüfungen entspannt ein paar Bier. Am Trinity College in Cambridge wirft man sich in Smoking oder Ballkleid, schwenkt Schampusgläser und spielt im Casino Roulette. Nobel geht die Welt zugrunde - ein Besuch beim Trinity May Ball.

"In Cambridge gewöhnst du dich schnell an den Anblick von Leuten, die im Smoking den Gehweg vollreihern", sagte kürzlich ein deutscher Cambridge-Student lakonisch. Damit spielte er auf die notorische Trinkfreudigkeit der Studenten an der noblen Universität an - und auch darauf, dass sie nicht selten wie etwas zu junge Statisten in einem Bond-Film wirken.

Selbst wenn man nur für ein neunmonatiges Masterstudium die englische Eliteuni besucht, tut die Anschaffung von Smoking respektive Abendkleid Not. Gründe, sich in Schale zu werfen, gibt es ja genug: die Immatrikulationsfeier, das Dinner zum Trimesterende, das Weihnachtsdinner. Das Dinner zu Ehren des schottischen Dichters Robert Burns in der Burns Night, das Dinner zur Feier der Halbzeit des akademischen Jahres, das jährliche Dinner der Graduiertenstudenten, das Jahresabschlussdinner. Natürlich die Graduierungsfeier. Und vor allem: die May Balls, die irritierenderweise stets im Juni stattfinden.

Hier kann man seine Abendgarderobe zu einem edlen, extravaganten Anlass spazieren führen - sofern man ein Ticket ergattert. Der Ball des Trinity College ist nicht nur der älteste (seit 1866), sondern zusammen mit dem des St. John's College auch der prunkvollste. Für umgerechnet 330 Euro pro Doppelticket - oder 450 Euro, falls es zusätzlich noch das Galadinner sein darf - belohnen sich vom Prüfungsstress geschundene Geister hier mit Austern und Champagner für die Strapazen der vergangenen Monate.

Erste Hilfe vom Tanzlehrer, "damit ihr shit hot ausseht"

Schnell kann aber auch der zweite Teil des internationalen Eliteuni-Mottos work hard, play hard in Stress ausarten. Zwischen 21 und 6 Uhr läuft an zehn Orten auf dem weitläufigen Gelände des Trinity College ein voluminöses Parallelprogramm. Es verlangt den etwa 2000 Gästen eine gehörige Portion Zeitmanagement und Entscheidungsfreude ab, etwa so: erst die Stärkung am Bund und das grandiose Feuerwerk am Ufer der Cam. Dann darf man auf gar keinen Fall die Auftritte der Chart-Bands Scouting for Girls und The Wombats verpassen, checkt den trockenen Humor des Stand-up-Comedian Milton Jones aus, hört im Pralinen-Zelt beim A-capella-Chor rein. Und schaut vielleicht kurz bei der Hypnoseshow vorbei - oder doch lieber bei den französischen Chansons?

Wer nicht zu den Tänzern zählt, kann in dieser Nacht getrost ignorieren, dass die Veranstaltung eigentlich ein Ball ist. Oder hat sich ein paar Tage zuvor mitsamt Begleitung zu einem der im Ticket inbegriffenen Crashkurse angemeldet. Dort verabreicht der Tanzlehrer ein paar Basisschritte und elegante Haltung, "damit ihr shit hot ausseht, auch wenn ihr keine Ahnung habt!"

Schade wäre es schon, so überhaupt nicht auf dem Parkett aktiv zu werden. Denn im holzgetäfelten Speisesaal spielen nacheinander eine Big Band, eine Salsagruppe und eine keltische Tanzkombo. Derweil legen im Dance-Zelt stadtbekannte DJs auf, und Jazzgruppen machen den Gang zum Cocktailzelt doppelt lohnenswert. Die musikalisch netteste Überraschung des Abends sitzt in Cowboyhut und -stiefeln neben dem Schokoladenbrunnen und singt zur akustischen Gitarre zum Heulen schön melancholische Liebeslieder, ringsum bildet sich ein kleiner Stuhlkreis von Spontanfans. Beim Gespräch stellt sich heraus, dass die Ball-Bardin Amanda Evans eigentlich Chemie-Postdoc ist – warum nur können nicht alle gownies, die Träger der schwarzen Uni-Talare, so vielseitig sein?

Für eine Nacht mittendrin in der Elite

Jan Stejskal ist einer der beiden Präsidenten des May-Ball-Komitees. Stößt denn so viel Dekadenz nicht auch auf Ablehnung bei den Studenten in Cambridge? Jan lächelt milde: Viele hier pöbeln das Jahr über durchaus gegen die frivolen May Balls, sagt er - "aber beim Ticketverkauf stehen sie dann doch auf der Matte". So ein Ball sei eben per se luxuriös und prestigebetont. "Wir verkaufen die Möglichkeit, sich eine Nacht lang ganz und gar als Teil der Cambridge-Elite zu fühlen." Der Mythos des pompösen Balls sei auch der Grund, auf ein Motto zu verzichten: "Der Trinity May Ball ist sein eigenes Thema" - da spricht der PR-Profi.

Wer nicht am Trinity College studiert, arbeitet oder einen der Studenten und Fellows kennt, hat kaum Aussichten, bei der Ticketlotterie für Außenstehende das große Los zu ziehen: In diesem Jahr waren 1800 Nieten darunter; viele Interessenten haben es gar nicht erst versucht. Im Vorjahr lagen die Schwarzmarktpreise bei bis zu 700 Euro.

Damit der Mythos auch ja keinen Knacks bekommt, geben die Organisatoren alles in Profi-Hände. "Andere May-Ball-Komitees basteln zum Beispiel ihre Deko selbst", erzählt Jan - "aber das sieht man dann auch", so sein Seitenhieb zur Konkurrenz bei St. John's, Clare und Co.

Der Pomp und Prunk ist überwältigend, das Ölgemälde im Edel-Klowagen dann vielleicht doch des Guten zu viel. Etwas bodenständiger kann man sich in den frühen Morgenstunden auf einem Rummelplatz auch durch den Hüpfburg-Hindernisparcous kämpfen, ein bisschen im Heißluftballon abheben und nach einem Hotdog eine Runde Autoscooter drehen. Wobei: Autoscooter in Smoking und Abendkleid? Die Dekadenz kennt eben keine Grenzen.

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