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Christen-Kongress: "Gott heult mit dir"

Bitte beten: Zum "Christival" sind 16.000 Jugendliche nach Bremen gereist. Weil einige Seminare angeblich Schwule diskriminieren, wird seit Wochen über den Frömmel-Kongress diskutiert. Nun hat sich UniSPIEGEL-Autorin Antonie Rietzschel unter die Jesus-Fans gemischt.

Michael, 16, sitzt gelangweilt auf einer Bierzeltbank vor dem Bremer Messegelände hinter dem Hauptbahnhof und wartet. Er ist extra aus Bayern nach Bremen gereist, um beim "Christival" dabei zu sein. Bis zur offiziellen Eröffnung ist noch eine Stunde Zeit. Michael wärmt sich schon mal rhetorisch auf, für den viertägigen jungen Glaubensmarathon. Das "Christival" ist so einer Art Mischung zwischen Open-Air-Konzert, Jugendkongress und Jahresparteitag Bibeltreuer Christen.

16.000 Jugendliche aus evangelikalen Gemeinden und Freikirchen in Deutschland treffen sich von Mittwoch bis Sonntag in Bremen. Sie besuchen Musikfestivals, Seminare, Workshops und Gottesdienste. Es könnte eine große Party für junge fromme Leute sein, aber das "Christival" will mehr - und genau darum ist es so umstritten.

Seit Wochen wird der Kongress in der Bremer Presse diskutiert. Das Kulturzentrum "Schlachthof" kündigte den "Christival"-Veranstaltern den Mietvertrag für ein Seminar, nachdem die "taz" berichtet hatte, im Festival-Programm fänden sich Inhalte, die Schwule und Lesben diskriminierten. Die linke Szene in Bremen ruft dazu auf, gegen den Kongress zu demonstrieren.

"Für manche Leute ist es das Höchste, Millionär zu sein", sagt der junge Bayer Michael, "für mich ist es das Leben nach dem Tod. Das ist das einzig Wahre." Seine Mutter ist Mesnerin. Michael sagt, er sei in den Glauben "hineingeboren" worden. Seit der zweiten Grundschulklasse gehört er dem Christlichen Verein Junger Menschen an. Auf Gott zu vertrauen ist für ihn der Sinn des Lebens.

"Sex ist Gottes Idee - Abtreibung auch?"

Rund um die Bremer Bürgerweide ist eine Mauer aus Bauzäunen aufgebaut, um das "Christival" vor seinen Kritikern zu schützen. Ein paar Meter entfernt sitzen Polizisten in ihren Autos und schauen gelangweilt. Draußen vor dem Zaun stehen sie, die Skeptiker, die in Michaels Augen ein sinnloses Leben führen. Linke, Studenten, Schwule, Lesben, auch ein paar Schwarzvermummte. Sie haben Plakate dabei, skandieren Parolen und denken gar nicht daran, zu beten. Sie glauben, dass den jungen Christen während der vier Tage in Bremen "mittelalterliche Werte" vermittelt werden.

Auslöser für den Protest und die Diskussion sind zwei Seminare: Der Kurs "Sex ist Gottes Idee - Abtreibung auch?" war in die Kritik geraten, weil der veranstaltende Verein "Die Birke" Abtreibung auch bei Vergewaltigung ablehnt. Der Kurs "Homosexualität verstehen - Chancen für Veränderung" wurde aufgrund des großen öffentlichen Drucks aus dem Programm gestrichen.

Man darf sich das "Christival" nicht als durchgeknallten Sektentreff vorstellen - das Familienministerium unterstützt es mit 250.000 Euro, die Bremer Bildungsbehörde auch: In 50 Schulen schlafen die jugendlichen Teilnehmer, auch für die Seminare haben sie Räume in Schulen zur Verfügung gestellt bekommen. Die Behörde sieht das "Christival" als Testlauf für den evangelischen Kirchentag, der nächstes Jahr in Bremen gefeiert wird.

Michael findet es schade, dass das "Christival" nur auf die beiden umstrittenen Seminare reduziert wird. "Die Message soll doch eigentlich sein: Jesus liebt alle Menschen." Den Demonstranten vor dem Bauzaun ruft ein "Christival"-Teilnehmer Ähnliches zu: "Jesus liebt auch euch." Sie rufen zurück: "Schlechtes Wetter, harte Zeiten, für den Feminismus fighten."

Ein paar Meter weiter wird das "Christival" gerade mit einem Gebet eröffnet. "Gruselig ist es ja schon, aber mich würde mal interessieren, was da so los ist", raunt ein demonstrierendes Mädchen ihrem Nebenmann zu. Sie machen Lärm mit ihren Trommeln und Rasseln und versuchen, den feierlichen Moment durch Rufe zu stören - keine Chance. Dann fliegen Feuerwerkskörper durch die Luft, ein paar Kapuzenträger laufen zu den Bauzäunen und reißen sie nieder. Die Polizisten kommen aus ihren Autos. Sie halten die Demonstranten auf, zerren sie zurück vor die Absperrung

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"Christival" in Bremen: Frömmeln, beten, protestieren

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