Community StudiVZ: Die Stalker vom Herrenclub

Von Xenia von Polier

Online-Portale für Studenten kommen beinahe wöchentlich neu auf den Markt. Die größte Community StudiVZ ist in Verruf geraten - wegen peinlicher Anmache im Netz und anderer Pannen. Für manche Nutzer heißt es jetzt: Schluss mit Gruscheln.

Bewegte Zeiten für Ehssan Dariani: Ende Oktober holte sich der junge Co-Gründer des StudiVZ siegessicher in München den Internet-Publikumspreis "Online Star" ab. Im November überschritt die Zahl seiner Community-Mitglieder nach eigenen Angaben die Millionengrenze - wieder ein Grund zum Feiern.

Doch vom früheren Glanz ist auf einmal wenig übrig - inzwischen kämpft der 26-Jährige um seinen Ruf. "Ich habe viel Mist gebaut", gibt der junge Gründer des StudiVZ unverhohlen in seinem Unternehmens-Blog zu. "Einige Aktionen und Verhaltensweisen von mir waren nicht in Ordnung, und ich möchte mich für die entstandenen Irritationen ehrlich entschuldigen."

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StudiVZ: Virtuelle Gemein(d)e

Jüngster Vorwurf gegen das größte deutsche Studenten-Netzwerk: organisierte sexuelle Belästigung. Mehr als 700 Männer sollen sich innerhalb der Gemeinschaft zu einem Herrenclub zusammengetan haben. Ihr Ziel: Anhand der verfügbaren Profile "geile Schnitten" zu suchen, die sie zur "Miss StudiVZ" des Monats küren und dann gemeinschaftlich "gruscheln", anmachen können.

Wegen dieses Online-Stalkings, bei dem die 700 Herrenclub-Mitglieder die plumpe Nachricht verschicken, dass sie "gruscheln" wollen, haben jetzt zwei Frauen das StudiVZ verlassen. Und statt einzuschreiten, soll sich einer der Gründer sogar um Aufnahme im Club der Gruschler bemüht haben. Gleichzeitig stellen die Betreiber klar: "StudiVZ duldet kein Stalking."

Pleiten, Pech & Pannen

Es ist nicht das erste Mal, dass Ehssan Dariani in die Schlagzeilen gerät. Einmal fiel er unangenehm auf, weil er bizarre Filme von Frauen auf der Damentoilette im Internet veröffentlicht hatte. Dann schockierte er seine Gemeinde mit einer Party-Einladung, die auf einen Kampfruf des Nazi-Blatts "Völkischer Beobachter" anspielte. Die NS-Titelzeile "Deutschland steht standhaft und treu zum Führer" ersetzte Dariani durch "Europa steht standhaft und treu zum StudiVZ". Angeblich nur eine geschmacklose Parodie, wie Dariani schnell versicherte, die nach seiner Einschätzung im "Dritten Reich" "zu KZ-Haft geführt" hätte.

Nach dem rapiden Aufstieg der populären Online-Community folgt nun die Krise: Inzwischen melden sich etliche Studenten wieder ab, die Nutzer stehen der Plattform zunehmend kritisch gegenüber. Dabei begann bei dem 2005 gegründeten Start-up-Unternehmen alles so schön - und schien so unverfänglich.

In kürzester Zeit wurde das StudiVZ unter Deutschlands Studenten zum digitalen Treffpunkt hochgeklickt. Im Club herrschte oft so viel Betrieb, dass der Server regelmäßig unter der Last zusammenbrach und den Studenten eine Kaffeepause vorschlug. Täglich kamen angeblich 10.000 neue Nutzer hinzu.

Nahezu jeder zweite deutsche Student soll sich in den vergangenen Monaten registriert und dabei zahlreiche persönliche Daten preisgegeben haben. Ähnlich wie bei einer Partnervermittlung bieten Fotos, Angaben zur politischen Einstellung, Beziehungsstatus, Musikgeschmack, Lieblingszitat, Gruppenzugehörigkeiten und Anzahl der Freunde einen Vorgeschmack, welcher Mensch sich hinter dem Profil versteckt.

"Wir bieten lediglich den Rahmen"

"Die Studenten nehmen alles selbst in die Hand. Die Gestaltung des eigenen Profils, den Einblick in die Privatsphäre und die Gründung von Gruppen. Wir bieten lediglich den Rahmen", versichert Tilo Bonow, der Sprecher des Internet-Portals.

Dennoch fürchten inzwischen einige Studenten die Folgen der Selbstdarstellung. "Man wird zum Seelenvoyeur", meint ein Mädchen in der Online-Gruppe, die über "Die gesellschaftliche Bedeutung des StudiVZ" debattiert. Fabian Franz, ein 23-jähriger Soziologie-Student der LMU in München warnt: "Der gläserne Mensch konstruiert sich selbst. Um im virtuellen und im realen Leben dabei zu sein, gibt er immer mehr von sich preis. Die Informationen, die allein auf den StudiVZ-Servern gespeichert sind, würden jedes Marktforschungsinstitut vor Glück aufschreien lassen."

Das StudiVZ versucht jedoch zahlreiche Maßnahmen zu ergreifen, um den Schutz der Mitglieder zu erhöhen und deren Vertrauen wiederzugewinnen. So sollen Datensätze von Stalkern in Zukunft gelöscht werden. Das virtuelle Networking wird weitergehen, auch wenn es den perfekten Schutz vor dubiosen Nutzern noch nicht gibt.

Anmerkung der Redaktion:

Leider wurden in der Fotostrecke zu diesem Beitrag zunächst drei Fotos einer Studentenparty des Online-Studentennetzwerks "NUR! Studenten" verwendet, die uns von diesem für eine Berichterstattung über "NUR! Studenten" überlassen worden sind. Soweit der Eindruck entstanden ist, dass diese Party von StudiVZ organisiert worden ist, bedauern wir dies.

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Forum - StudiVZ - harmlose Streiche oder ernste Aussetzer?
insgesamt 90 Beiträge
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    Seite 1    
1. bekommt der stern geld für studivz-werbung?
Fuchsteufelsweed 27.11.2006
Also ich finde, dem groben Unfug einen ganzen Artikel zu widmen doch schon irgendwie vermessen. Was solls schon wenn man von 15 Leuten auf einmal gegruschelt wird? Dann klickt man auf "ausblenden" und gut ist. Ich halte das alles für sehr überzogen und wenn man mit sowas nicht klarkommt sollte man halt sein Privatleben aus dem Internet lassen, so einfach ist das!
2.
melb00m 27.11.2006
Wenn die im Namen des StudiVZ agierenden Personen ihre Nachrichten mit "post heil" unterschreiben, so ist das wohl kaum ein Anfängerfehler (denn so doof kann wohl nicht mal ein Anfänger sein). Dieser Stalker-Gruppe auch von offizieller Seite noch Deckung zu geben ist wirklich unglaublich dreist. Hinzu kommen massive technische Mängel, die zeigen dass die dem StudiVZ angetrauten Daten offensichtlich keineswegs in sicheren Händen sind. Zunächst wird ersichtlich, dass auch die Bilder aus privaten Profilen für jeden ersichtlich sind, nun gibt es den ersten XSS-Wurm der sogar E-Mail-Adressen und Passwörter der User sammelt (und damit den Zugriff auf den kompletten Datensatz freigibt), siehe http://www.amazon.de/Durchgeknallt-Top-Media-CT500-Alukoffer/dp/B000H0GEQ2/sr=8-2/qid=1164640801/ref=pd_ka_2/028-8522079-9695728?ie=UTF8&s=toys-and-games . Daher vermutlich auch die Downtime. Eigentlich fand ich es nett alte Bekannte in so einem Netzwerk mal wiederzufinden - nun bin ich aber wieder raus.
3. Täuschung
hans fuchs 27.11.2006
Versuchen Sie auf der Blogger-Hasswelle ein bisschen mitzureiten oder hätten Sie den Artikel auch verfasst, wenn Sie nicht hätten davon ausgehen können, dass er sehr gut geklickt wird? Finden Sie, dass Sie die Leute mit diesem aufgebauschten Nichts schon täuschen, ihnen also einen Skandal vorgaukeln, der gar keiner ist oder soll das noch eine ernstzunehmende Auseinandersetzung mit "Stalking" etc. pp sein? Oder glauben vielleicht sogar Sie, dass es sich um einen Skandal handelt?
4. Was machen die Investoren?
bipolar84 27.11.2006
Ich nutze selbst das StudiVZ, weil man so Kontakte aufrecht erhalten kann. Außerdem ist es ganz nett mal zu sehen, was meine Komilitonen denn so neben der Uni machen. Die Fehler und "Skandale" des StudiVZs sind allerdings nicht hinnehmbar. Jetzt, wo doch solvente Investoren am Projekt beteiligt sind, frage ich mich, wieso diese Investoren nicht schon längst die Probleme beseitigt haben. Es geht dabei nicht nur um technische Probleme (warum ist das StudiVZ z.B. jetzt wieder nicht erreichbar?). Das StudiVZ mag vom Facebook stark abgekupfert worden sein, allerdings wäre es schade, wenn dieses "StudiVerzeichnis" jetzt wegen dieser Probleme schließen müsste. Ob eine alternative Plattform in ähnlicherweise noch einmal soviele Studenten ansprechen wird, wage ich zu bezweifeln.
5.
Hans Habicht 27.11.2006
Alle Studenten, die ich kenne sind bei Studivz angemeldet und wir hatten noch keine Probleme mit diesen Vollidioten, die in den Spiegel-Artikeln angesprochen werden. Meinetwegen kann man die Seite noch mal "überarbeiten", aber sie soll auf keinen Fall offline gehen. Jeder war mal jung und hat Sch... gebaut.
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