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DDR-Hochschulen vor 20 Jahren Studis, zur Freiheit

Mauerfall: Studenten, hört die Signale
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AFP

2. Teil: Aufbruchstimmung: "Eine großartige Zeit - als ob da ein Ballon geplatzt wäre"

"Wir waren aus den Ferien in eine ziemlich aufgeheizte Stimmung zurück nach Leipzig gekommen", erzählt Peer Pasternack. Zu Beginn gingen die allmontaglichen Friedensgebete in der Nikolaikirche als stille Kundgebungen durch, doch die Atmosphäre lud sich mehr und mehr auf. Dann, am 2. Oktober, setzte sich erstmals eine große Masse vor dem Gotteshaus in Bewegung. "Immer wieder stellten wir uns die Fragen: Lassen die das zu? Wann greifen sie ein?", erzählt Pasternack.

Gerüchte machten die Runde: In Krankenhäusern, so flüsterte man auf den Straßen, seien für die nächste Demonstration schon Blutkonserven und Betten für Verletzte vorbereitet worden. Und tatsächlich, Polizei und Militär marschierten auf, schwer bewaffnet. Doch auch diesmal zogen Zehntausende Menschen über den Leipziger Ring. Und blieben schließlich unversehrt.

Unter ihnen war auch Cornelius Weiss, für ihn war es die erste Demonstration seines Lebens. "Als ich die Ordnungskräfte sah", erzählt er, "kam die Angst hoch, ich wollte nach Hause gehen." Stattdessen begegnete er seinen Studenten, sie sahen ihn an, fragend, prüfend. Er habe innegehalten, sagt Weiss, mochte nicht kneifen. Das widersprach seinem Selbstverständnis als Hochschullehrer. "Dann habe ich diese Rufe gehört: 'Wir sind das Volk!'", erzählt Weiss, "und in dem Moment dachte ich: Wir sind das Volk."

Schluss mit den Wehrertüchtigungslagern

Es war so weit. Die Studenten wollten ihre Aufpasser abschütteln. Für ihre Vertretung war die Freie Deutsche Jugend (FDJ) zuständig, doch die staatliche Massenorganisation hatte das Vertrauen der Nachwuchsakademiker längst verspielt. Die Studenten entwarfen Gegenmodelle, "bis zum bürokratischen Exzess", berichtet Pasternack, sie stritten, verhedderten sich in ihren Konzepten.

Am Ende entstand die Idee, eine "Seminargruppensprechervollversammlung" einzuberufen: Jede der rund 600 Seminargruppen der Karl-Marx-Universität sollte dafür einen Vertreter wählen und zum nächsten Treffen schicken. Und tatsächlich: 485 Gruppenvertreter kamen Ende Oktober zusammen, sie beschlossen im Namen der rund 10.000 Leipziger Studenten die zu diesem Zeitpunkt noch illegale Gründung eines Studentenrats.

Dann schaltete sich Horst Hennig ein, Rektor der Karl-Marx-Universität. Er lud die Sprecher der Studenten zum Gespräch. Er fragte sie nach ihren Forderungen. Die Antwort: Abschaffung des Pflichtunterrichts in Sport, Russisch und marxistisch-leninistischen Grundlagen, Schluss mit den Wehrertüchtigungslagern. Der Rektor hörte aufmerksam zu, nahm sich ein paar Tage Bedenkzeit und entschied dann, dass der "Fonds junger Sozialisten", aus dem bis zu diesem Zeitpunkt die FDJ als offizielle Studentenvertretung Geld erhielt, ab sofort an den neuen Studentenrat übergehe.

Irritationen beim ersten deutsch-deutschen Studentenkongress

Die Wucht der historischen Ereignisse überrollte indes die Pläne der Ost-Studenten: Pasternack und seine Mitstreiter kamen mit ihren westdeutschen Pendants in Kontakt. Anfang 1990, fast drei Monate nach dem Mauerfall, veranstaltete die Universität Düsseldorf den ersten deutsch-deutschen Studentenkongress. Als Motto hatten die westdeutschen Jungakademiker gewählt: "Wider die Vereinigung - unser Haus heißt Europa".

Das verwunderte die Abgesandten aus Leipzig, ebenso wie die Grabenkämpfe der bundesrepublikanischen Studentenvertreter. "Wir haben diese Animositäten zwischen den 'Undogmatischen Linken', den Jusos und anderen Gruppen nur staunend beobachtet", erzählt Peer Pasternack. Im Februar ging das Staunen weiter, als das studentische Treffen in Leipzig fortgesetzt wurde. "Manche der Gäste kamen mit einem ziemlich ausgeprägten Sendungsbewusstsein zu uns", sagt Pasternack. Nach dem Kongress sei dann die "romantische Phase der Wende abgeschlossen" gewesen, es folgte der Uni-Umbau.

Ostdeutsche Reformer und westdeutsche Berater stritten darüber, ob das System der West-Hochschulen eins zu eins auf die ostdeutschen Unis übertragen werden sollte. Cornelius Weiss, der 1991 Rektor der Universität Leipzig geworden war, fühlte sich überfahren von einigen West-Kollegen. "Wir mussten auch gute Dinge aufgeben", sagt Weiss, "etwa die Weiterbildung, die in der DDR immer großgeschrieben wurde."

Alle gekündigt, vom Hausmeister bis zum Professor

Im ersten Jahr seiner Rektorentätigkeit nahm er erstmals an der Jahresversammlung der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) teil und meldete sich zu Wort. Seine Rede endete mit einer Bitte: "Stülpen Sie uns nicht Ihr System über. Hören Sie bitte auch auf unsere Gedanken und Vorschläge." Drei Jahre später wurde Weiss zum Vizepräsidenten der HRK gewählt. Dort setzte er sich für eine Autonomie der ostdeutschen Hochschulen ein. Doch diese Pläne stießen schnell auf Widerstand, die Universitäten wurden ins West-System eingegliedert.

Die Frage war: Welche Wissenschaftler dürfen ihr Amt weiter ausüben? In Berlin kündigte Wissenschaftssenator Manfred Erhardt ausnahmslos allen Hochschulangehörigen, vom Hausmeister bis zur Professorin. "Niemand wurde übernommen, jeder musste sich für seine eigene Stelle neu bewerben", erinnert sich Michael Müller-Preußker, "das war eine konsequente und wahrscheinlich richtige, letztlich aber auch sehr schmerzhafte Politik." Müller-Preußker wurde 1993 Professor für Theoretische Physik, von 1994 bis 1996 war er Vizepräsident der HU. Über die Wende an den Hochschulen sagt er heute: "Es war eine bewegende, großartige Zeit."

Sehr hoffnungsvoll sei sie damals gewesen, erzählt auch Hildegard Maria Nickel. "Für mich war das eine unglaubliche Erweiterung der Perspektive: das Gefühl, endlich alles schreiben und rauslassen zu können und die Kollegen persönlich zu treffen, von denen man vorher nur gehört hatte." Nie habe sie so viel publiziert wie im Rausch dieser Zeit. "Das war eine echte Befreiung, als ob da ein Ballon geplatzt wäre." Sie bekam nach der Wende eine Professur an der Humboldt-Uni.

An die Studienkultur der alten DDR erinnert heute kaum noch etwas. Es bleibt: eine gewisse Empfindlichkeit gegenüber importierten Lösungsmustern und Ferndiagnosen aus dem Westen. Cornelius Weiss saß bis vor kurzem für die SPD im Sächsischen Landtag, er war dort Alterspräsident. Der Ostalgie ist Weiss gänzlich unverdächtig, doch betrachtet er die neue Hochschulwelt mit Skepsis, zum Beispiel die Bachelor-Master-Reform: "Die Mobilität der Studenten hat abgenommen, und das System ist unglaublich verschult", analysiert Weiss, "genau wie damals in der DDR."

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insgesamt 1963 Beiträge
derweise 31.10.2009
Außenpolitisch kann sich das Werk Kohls sehen lassen, innenpolitisch ("geistig-moralische Wende") war es nichts.
Außenpolitisch kann sich das Werk Kohls sehen lassen, innenpolitisch ("geistig-moralische Wende") war es nichts.
c++ 31.10.2009
Wir haben diese Form der ritualisierten Vergangenheitsbewältigung noch nicht einmal 64 Jahre nach dem Ende des 2. WK überwunden, noch immer kommt, meist unangebracht, die erhobene Zeigefinger: "Deutschland bei seiner [...]
Wir haben diese Form der ritualisierten Vergangenheitsbewältigung noch nicht einmal 64 Jahre nach dem Ende des 2. WK überwunden, noch immer kommt, meist unangebracht, die erhobene Zeigefinger: "Deutschland bei seiner Geschichte ...", "Aufgrund des historischen Erbes...". Und da wollen die Genossen schon nach 20 Jahren aus ihrer historischen Schuld entlassen werden. Nein, Genossen, noch über 40 Jahre muss das Gedenken an den DDR-Sozialismus in Deutschland allgegenwärtig sein. Da darf es nicht zu Verharmlosungen und Relativierungen kommen. Die eigentliche Auseinandersetzung mit der NS-Zeit begann 1968, 23 Jahre nach dem Zusammenbruch. Die Auseinandersetzung mit der DDR-Diktatur müsste jetzt mal langsam beginnen. Ansonsten hat Platzeck natürlich Recht. Wer die DDR als Irrweg sieht, sich zum demokratischen Rechtsstaat bekennt, warum sollte man da Barrieren errichten? Allerdings wirklich nur dann, wenn es keine DDR-Nostalgiker sind. Und die gibt es noch in der Linken. Noch ist die Einsicht in das Unrecht nicht ausgelöscht, der Schoß ist fruchtbar noch.
goethestrasse 31.10.2009
Versöhnen mit den SED - Erben .. Schwamm drüber , über 40 Jahre DDR. da bin ich mal gespannt, was hier im forum abgeht.
Versöhnen mit den SED - Erben .. Schwamm drüber , über 40 Jahre DDR. da bin ich mal gespannt, was hier im forum abgeht.
mursilli 31.10.2009
- der Fall der Mauer selbst war das Ereignis. Plötzlich war das Zuchthaus offen und seine Leitung entmachtet.
Zitat von sysopZwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer darf Bilanz gezogen werden. Nach großen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Anstrengungen bleiben für viele Deutsche die Ergebnisse hinter den Erwartungen zurück. Welche Hoffnungnen weckte der Mauerfall, welche konnten Ihrer Meinung nach erfüllt werden?
- der Fall der Mauer selbst war das Ereignis. Plötzlich war das Zuchthaus offen und seine Leitung entmachtet.
Tja, die "geistig-moralische Wende" kann man eher mit der Inversion am Einheitskreis vergleichen...
Zitat von derweiseAußenpolitisch kann sich das Werk Kohls sehen lassen, innenpolitisch ("geistig-moralische Wende") war es nichts.
Tja, die "geistig-moralische Wende" kann man eher mit der Inversion am Einheitskreis vergleichen...
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Heft 5/2009 Hört die Signale! Wie die DDR-Studenten von der Wende überrascht wurden
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