Von Armin Himmelrath und Britta Mersch
"Wir waren aus den Ferien in eine ziemlich aufgeheizte Stimmung zurück nach Leipzig gekommen", erzählt Peer Pasternack. Zu Beginn gingen die allmontaglichen Friedensgebete in der Nikolaikirche als stille Kundgebungen durch, doch die Atmosphäre lud sich mehr und mehr auf. Dann, am 2. Oktober, setzte sich erstmals eine große Masse vor dem Gotteshaus in Bewegung. "Immer wieder stellten wir uns die Fragen: Lassen die das zu? Wann greifen sie ein?", erzählt Pasternack.
Gerüchte machten die Runde: In Krankenhäusern, so flüsterte man auf den Straßen, seien für die nächste Demonstration schon Blutkonserven und Betten für Verletzte vorbereitet worden. Und tatsächlich, Polizei und Militär marschierten auf, schwer bewaffnet. Doch auch diesmal zogen Zehntausende Menschen über den Leipziger Ring. Und blieben schließlich unversehrt.
Unter ihnen war auch Cornelius Weiss, für ihn war es die erste Demonstration seines Lebens. "Als ich die Ordnungskräfte sah", erzählt er, "kam die Angst hoch, ich wollte nach Hause gehen." Stattdessen begegnete er seinen Studenten, sie sahen ihn an, fragend, prüfend. Er habe innegehalten, sagt Weiss, mochte nicht kneifen. Das widersprach seinem Selbstverständnis als Hochschullehrer. "Dann habe ich diese Rufe gehört: 'Wir sind das Volk!'", erzählt Weiss, "und in dem Moment dachte ich: Wir sind das Volk."
Schluss mit den Wehrertüchtigungslagern
Es war so weit. Die Studenten wollten ihre Aufpasser abschütteln. Für ihre Vertretung war die Freie Deutsche Jugend (FDJ) zuständig, doch die staatliche Massenorganisation hatte das Vertrauen der Nachwuchsakademiker längst verspielt. Die Studenten entwarfen Gegenmodelle, "bis zum bürokratischen Exzess", berichtet Pasternack, sie stritten, verhedderten sich in ihren Konzepten.
Am Ende entstand die Idee, eine "Seminargruppensprechervollversammlung" einzuberufen: Jede der rund 600 Seminargruppen der Karl-Marx-Universität sollte dafür einen Vertreter wählen und zum nächsten Treffen schicken. Und tatsächlich: 485 Gruppenvertreter kamen Ende Oktober zusammen, sie beschlossen im Namen der rund 10.000 Leipziger Studenten die zu diesem Zeitpunkt noch illegale Gründung eines Studentenrats.
Dann schaltete sich Horst Hennig ein, Rektor der Karl-Marx-Universität. Er lud die Sprecher der Studenten zum Gespräch. Er fragte sie nach ihren Forderungen. Die Antwort: Abschaffung des Pflichtunterrichts in Sport, Russisch und marxistisch-leninistischen Grundlagen, Schluss mit den Wehrertüchtigungslagern. Der Rektor hörte aufmerksam zu, nahm sich ein paar Tage Bedenkzeit und entschied dann, dass der "Fonds junger Sozialisten", aus dem bis zu diesem Zeitpunkt die FDJ als offizielle Studentenvertretung Geld erhielt, ab sofort an den neuen Studentenrat übergehe.
Irritationen beim ersten deutsch-deutschen Studentenkongress
Die Wucht der historischen Ereignisse überrollte indes die Pläne der Ost-Studenten: Pasternack und seine Mitstreiter kamen mit ihren westdeutschen Pendants in Kontakt. Anfang 1990, fast drei Monate nach dem Mauerfall, veranstaltete die Universität Düsseldorf den ersten deutsch-deutschen Studentenkongress. Als Motto hatten die westdeutschen Jungakademiker gewählt: "Wider die Vereinigung - unser Haus heißt Europa".
Das verwunderte die Abgesandten aus Leipzig, ebenso wie die Grabenkämpfe der bundesrepublikanischen Studentenvertreter. "Wir haben diese Animositäten zwischen den 'Undogmatischen Linken', den Jusos und anderen Gruppen nur staunend beobachtet", erzählt Peer Pasternack. Im Februar ging das Staunen weiter, als das studentische Treffen in Leipzig fortgesetzt wurde. "Manche der Gäste kamen mit einem ziemlich ausgeprägten Sendungsbewusstsein zu uns", sagt Pasternack. Nach dem Kongress sei dann die "romantische Phase der Wende abgeschlossen" gewesen, es folgte der Uni-Umbau.
Ostdeutsche Reformer und westdeutsche Berater stritten darüber, ob das System der West-Hochschulen eins zu eins auf die ostdeutschen Unis übertragen werden sollte. Cornelius Weiss, der 1991 Rektor der Universität Leipzig geworden war, fühlte sich überfahren von einigen West-Kollegen. "Wir mussten auch gute Dinge aufgeben", sagt Weiss, "etwa die Weiterbildung, die in der DDR immer großgeschrieben wurde."
Alle gekündigt, vom Hausmeister bis zum Professor
Im ersten Jahr seiner Rektorentätigkeit nahm er erstmals an der Jahresversammlung der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) teil und meldete sich zu Wort. Seine Rede endete mit einer Bitte: "Stülpen Sie uns nicht Ihr System über. Hören Sie bitte auch auf unsere Gedanken und Vorschläge." Drei Jahre später wurde Weiss zum Vizepräsidenten der HRK gewählt. Dort setzte er sich für eine Autonomie der ostdeutschen Hochschulen ein. Doch diese Pläne stießen schnell auf Widerstand, die Universitäten wurden ins West-System eingegliedert.
Die Frage war: Welche Wissenschaftler dürfen ihr Amt weiter ausüben? In Berlin kündigte Wissenschaftssenator Manfred Erhardt ausnahmslos allen Hochschulangehörigen, vom Hausmeister bis zur Professorin. "Niemand wurde übernommen, jeder musste sich für seine eigene Stelle neu bewerben", erinnert sich Michael Müller-Preußker, "das war eine konsequente und wahrscheinlich richtige, letztlich aber auch sehr schmerzhafte Politik." Müller-Preußker wurde 1993 Professor für Theoretische Physik, von 1994 bis 1996 war er Vizepräsident der HU. Über die Wende an den Hochschulen sagt er heute: "Es war eine bewegende, großartige Zeit."
Sehr hoffnungsvoll sei sie damals gewesen, erzählt auch Hildegard Maria Nickel. "Für mich war das eine unglaubliche Erweiterung der Perspektive: das Gefühl, endlich alles schreiben und rauslassen zu können und die Kollegen persönlich zu treffen, von denen man vorher nur gehört hatte." Nie habe sie so viel publiziert wie im Rausch dieser Zeit. "Das war eine echte Befreiung, als ob da ein Ballon geplatzt wäre." Sie bekam nach der Wende eine Professur an der Humboldt-Uni.
An die Studienkultur der alten DDR erinnert heute kaum noch etwas. Es bleibt: eine gewisse Empfindlichkeit gegenüber importierten Lösungsmustern und Ferndiagnosen aus dem Westen. Cornelius Weiss saß bis vor kurzem für die SPD im Sächsischen Landtag, er war dort Alterspräsident. Der Ostalgie ist Weiss gänzlich unverdächtig, doch betrachtet er die neue Hochschulwelt mit Skepsis, zum Beispiel die Bachelor-Master-Reform: "Die Mobilität der Studenten hat abgenommen, und das System ist unglaublich verschult", analysiert Weiss, "genau wie damals in der DDR."
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