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Debattierclubs: Und immer an die imaginäre Perücke denken

Von Fiete Stegers

"Hochschulsport ohne Schwitzen" nennen sie es: Debattierclubs, an angelsächsischen Hochschulen feste Institutionen, sind Deutschland noch jung. In Münster maßen sich jetzt 14 Teams aus Deutschland und Holland - in Rededuellen über One-Night-Stands, US-Klimapolitik und die Vorzüge holländischer Entertainer.

"Es gibt immer noch keinen echten Beweis, dass Kohlendioxid die Ursache ist, keinen echten Beweis." Mit der Hand unterstreicht Asmerom Ogbamicael aus Münster, wie ernst ihm die Verteidigung der US-Klimapolitik ist, und setzt sich befriedigt. Endlich hatte die Rednerin aus Utrecht ihm seinen Zwischenruf gestattet. Aber sie lässt sich nicht aus dem Konzept bringen und bügelt Asmerom mit einem "Please sit down" nieder, als er abermals das Wort ergreifen will. Später werde er seinen Standpunkt klarstellen können. Zunächst erklärt sie, warum Europa verhindern müsse, das George W. Bush durch Missachtung des Kyoto-Abkommens die Welt zerstöre.

Die Turniersprache ist Englisch. Nicht nur wegen der holländischen Teilnehmer. Auch der Münsteraner Debattierclub diskutiere häufiger in Englisch, der Turniersprache für Europa- und Weltmeisterschaften, erzählt Clubgründer Jan Heeßbrügge. Und in den Regeln der Turniere spiegeln sich die Bräuche des britischen Parlaments wider: Je zwei Zweier-Teams bilden Regierung und Opposition. Die Parteien sitzen sich gegenüber, abwechselnd ergreift ein Redner das Wort. Zwischenrufe sind erlaubt, wenn die Form gewahrt wird: Aufspringen, die rechte Hand dem Redner entgegenstrecken, die Linke im Nacken - so hielten britische Abgeordnete früher ihre Perücken fest.

Über das Thema entscheidet das Los

Die Themen werden erst kurz vor der Debatte bekannt gegeben: Vorbereitungszeit 15 Minuten. Wer welche Meinung vertritt, entscheidet das Los. "Eigentlich mag ich Bush auch nicht", sagt Ogbamicael, nachdem er dessen Position so vehement vertreten hat. Eine Runde später wettern er und Teampartnerin Trinh Le gegen die Verantwortungslosigkeit von One-Night-Stands. Aber gerade das schätzt Ogbamicael am Debattieren: "So mache ich mir Gedanken über etwas, mit dem ich mich normalerweise nicht beschäftigt hätte."

"Es geht hier nicht um eine Diskussion, bei der man sich auf etwas einigt", stellt Jan Heeßbrügge klar. Ziel ist es, die Jury zu überzeugen. Je sieben Minuten haben die Redner Zeit, ihre Meinung zu vertreten und die Position des Gegners zu zerpflücken. Neben dem Inhalt bewertet die Jury auch die Präsentation: Wer die ganze Zeit die Arme vor der Brust verschränkt hält, kassiert Minuspunkte.

Emsig unterstützen die Debattierer in Münster ihre Worte durch Gesten. Die wirken professioneller als bei manchen Bundestagsredner, manchmal fast gestellt. "Es geht auch darum, die Leute zu unterhalten", meint Kai Monheim aus Berlin, der die "kalte Schulter" mit vollem Körpereinsatz darstellt und mit beiden Händen den Baum des vereinigten Europas wachsen lässt.

Nur nicht übertreiben: "Zu pathetisch" oder "nicht ernsthaft" genug lauten dann die Kommentare der Jury. Das Feedback ist wichtig. Methodische Rhetorik-Schulung bieten die studentischen Initiativen nur sporadisch an, einfach ausprobieren ist angesagt. "Schon nach drei, vier Mal bist du viel selbstsicherer", meint Monheim. Bei einem Uni-Referat würden Ogbamicael, Monheim und ihre Konkurrenten sicher nicht stocken: Statt "Ähs" oder "Öhs" flechten sie in ihre Vorträge Verweise auf die Vorredner ein und fassen geschickt zusammen. "So etwas lernst du ja an der Uni sonst nirgendwo", geben die Debattierer übereinstimmend als Motivation an.

Bei der Drogenpolitik kennen die Holländer alle Argumente

"Außerdem triffst du hier Leute aus unterschiedlichen Fachbereichen", ergänzt Trinh Le. Die meisten Turnierteilnehmer sind allerdings wie sie selbst Juristen. "In unserem Club liegt das einfach daran, dass der Gründer Jura studiert und erst mal seine Freunde angesprochen hat", sagt Kai Kottenstede, selbst Student der Politikwissenschaft.

Jan Heeßbrügge lernte das Debattieren während eines Südafrika-Aufenthalts und gründete den Münsteraner Club nach seiner Rückkehr 1999. "Er hat uns gleich überredet, mit zur Europa-Meisterschaft nach Dublin zu fahren", erinnert sich Asmaron Ogbamicael an den Sprung ins kalte Wasser. Die Gruppen an anderen deutschen Unis sind meist ähnlich jung. "Die Netzwerke entstehen gerade erst", erzählt Heeßbrüge. Anfang Juli organisiert Kai Monheims Club in Berlin die erste deutsche Meisterschaft der Hochschulen.

Monheims und Ogbamicaels Teams debattierten sich in Münster bis ins Finale. Dort scheiterte aber auch Monheims bis dahin erfolgreich eingesetzte Redefigur - "Es gibt keine einfache Antworten auf schwierige Fragen" - an der Themenvorgabe. Gegen die Argumente der Utrechter Mannschaft für die holländische Drogenpolitik und Unterhaltungskultur kam ihre Opposition nicht an.


Anfang Juli: Deutsche Hochschulmeisterschaften

Die Berlin Debating Union richtet am 7. und 8. Juli die "Ersten Deutschen Debattiermeisterschaften der Hochschulen" in der Humboldt-Universität aus. Schirmherr ist Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, wenn die Teams ihre rhetorischen Fähigkeiten messen. Die Themen werden jeweils erst eine Viertelstunde vor Diskussionsbeginn festgelegt.

Nähere Informationen:
Kai Monheim (Tel. 030/85731338) oder
Christian Hönn (Tel. 0160/1239799)

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