Der Herr Studiosus: Paul kann man nicht gruscheln

Von Hendrik Steinkuhl

Zwei Millionen deutsche Studenten haben über drei Millionen Einträge beim Uni-Einwohnermeldeamt, besser bekannt als StudiVZ. Nur Student Paul nicht. Dafür weiß er gute Gründe - er muss aber auch ertragen, dass sehr schöne Frauen ihn beschimpfen.

Bevor mich auch nächste Woche wieder fünf bis sieben Leute fragen, wann ich endlich mal was "darüber" schreibe, bringe ich es jetzt hinter mich.

Pauls Welt: Konsequente StudiVZ-Verweigerung wird zur Flirtbremse
Ludger Bröcker

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Neulich hat mich eine junge BWL-Studentin beschimpft, weil ich nicht im StudiVZ bin. Kennengelernt habe ich sie im Bonzen-Edeka an der Parkstraße. Wir standen an der Kasse, und Frau Szyszkowsky hat sie im gewohnten Hausmeisterton daran erinnert, dass sie ihre drei Litschi und fünf Sternfrüchte vor dem Bezahlen verdammt nochmal abwiegen müsse.

Die BWL-Studentin wurde daraufhin fuchtig. "Scheiß Uneinheitlichkeit", rief sie. "Da kriegt man doch Pickel! Warum sind denn Herr Edeka und Herr Rewe nicht in der Lage, das Abwiegen von Obst und Gemüse endlich in allen Filialen an der Kasse erledigen zu lassen?" "Genau!", rief ich aus dem Hintergrund. "Erst diese Dosenpfand-Verarsche, und jetzt der Abwiege-Terror. Der Kunde braucht doch Klarheit!"

Wiedersehen hinter dem Chiquita-Turm

Das ist tatsächlich meine Meinung - und es ist gut, dass sie jetzt in einem Leitmedium geschrieben steht.

Allerdings hätte ich meine Meinung wohl kaum so laut durch den Supermarkt gebrüllt, wäre die BWL-Studentin nicht ein ziemlich heißes Teil gewesen. Nachdem sie ihren Plunder bezahlt hatte ("Fienfunddräißig Äiro Fienfzich", sagte die Szyszkowsky; ich liebe dieses Ostpreußisch), haben wir uns mit Namen und Studiengang vorgestellt und noch ein bisschen weiter aufgeregt.

Kam es zum Nummerntausch? Nein. Sie war etwas hektisch, musste dringend weiter, wahrscheinlich neue Segelschuhe kaufen. Schade, dachte ich draußen. Hätte mich gern mal mit ihr auf ein paar Litschi getroffen.

Ein paar Monate später habe ich sie wiedergesehen, wieder im Bonzen-Edeka. Sie stand in der Gemüseabteilung und beschimpfte Gemüseabteilungsleiter Herrn Soldo, weil er keinen Maniok ins Sortiment aufnehmen wolle und die Avocados immer so hässliche Druckstellen hätten.

Dann, zum Glück für Herrn Soldo, entdeckte sie mich hinter dem Chiquita-Turm. Wir würden uns doch kennen, meinte sie. Wir hätten uns doch schon mal hier getroffen und "an der Kasse so gut verstanden" (über diese Formulierung habe ich lange nachgedacht).

Ganz altmodisch die E-Mail-Adressen getauscht

Ein paar Tage später habe sie mich im StudiVZ gesucht - aber nicht gefunden! Was das denn solle? Ob ich etwa so einer sei, der immer alles anders machen müsse als die anderen? "Nee", sagte ich. Noch überwog ihr gutes Aussehen. "Bin einfach noch nicht dazu gekommen."

Mit Mühe habe ich dann noch einen Themenwechsel hingekriegt. Aber irgendwie war die Luft raus. Wir haben schließlich ganz altmodisch die E-Mail-Adressen getauscht und uns lose zum Sternfrucht-Dinner verabredet, seitdem aber nichts mehr voneinander gehört.

Wahrscheinlich hält sie mich doch für einen Irren, der im Wald wohnt. Und ich habe beschlossen, dass ich mich auch von sehr schönen Frauen nicht beschimpfen lassen mag.

Um es also nochmal klarzustellen: Ich bin nicht im StudiVZ. Man kann mich weder gruscheln noch in eine Gruppe mit lustigem Namen einladen. Wenn ich im StudiVZ wäre, würde ich wahrscheinlich die Gruppe "Ist der Trecker nass, regnet das" für humorvolle Studenten ländlicher Herkunft gründen. Aber ich bin es ja nicht.

StudiVZ – klingt wie eine Abkürzung bei der Bundeswehr

Was mir gerade einfällt: Wenn man als schwuler Student jemanden kennenlernt, hat man ja heutzutage über StudiVZ und "Gayromeo" gleich eine doppelte Chance, mehr über den heißen Typen zu erfahren. Schöne neue Welt! Wäre ich schwul, würde ich aber zuerst in den "blauen Seiten" (interne Bezeichnung) suchen. Da bekommt man schließlich Informationen über Längen, Durchmesser, Positionen…

Oder gibt es das bei StudiVZ inzwischen auch? Ich frage ganz naiv, weil ich die Seite wirklich nicht kenne; habe nur mal ein paar Stichwörter aufgeschnappt. Ich kenne übrigens noch einen, genau einen anderen Studenten, den man über das universitäre Einwohnermeldeamt nicht finden kann. Er heißt Carlo und studiert mit mir Deutsch. Wenn man Carlo fragt, warum er nicht bei StudiVZ ist, antwortet er ganz lässig: "Habe auch so genug Sex." Das sitzt meistens.

Wer dann noch nachhakt, dem sagt Carlo, er könne allein den Namen der Seite nicht hören. StudiVZ - da denke er sofort an seinen furchtbaren Wehrdienst, an Abkürzungen wie "KzH bis DzE" (krank zu Hause bis Dienstzeitende) und dann an seinen Stubenkollegen aus Jena, der ihm nach dem Spindsaufen zweimal das Bett vollgereihert hat.

Und ein Studi, sagt Carlo, wolle er schon mal überhaupt nicht sein. Er sagt dann gern mit Quietschestimme: "Als Kind war ich Pfadi, jetzt Studi, im Moment noch Ersti,studiere PoWi und KoWi - ich bin 23, rede aber wie ein Dreijähriger!" Kann man dem noch etwas hinzufügen? Ich denke nicht.

Außer, wie erleichtert ich bin, dass ich dieses Thema nun endlich abgehakt habe. Die nächsten "Wann-schreibst-du-endlich-mal-was-über?"- und "Warum-bist-du-nicht-im?"-Nervensägen kann ich dann ganz entspannt auf die Kolumne verweisen. Ich liebe dieses Journalistenleben.

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