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Design-Übung: Werbung auf Geldscheinen - so wird der Staat wieder reich

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Ein Künstler und Dozent hatte die Idee, Stuttgarter Studenten setzten sie um: Reklame auf Geldscheinen - das könnte den Staat reich machen. Es begann als Fingerübung im Designstudium, am Ende standen die TV-Teams Schlange. SPIEGEL ONLINE zeigt die schönsten Reklame-Banknoten.

Wie bloß lassen sich die Staatseinnahmen erhöhen, ohne an der Steuerschraube zu drehen? Der Künstler Thomas Winkler hatte da eine simple Idee, und die passt gerade perfekt in die Zeit stürzender Kurse und globaler Rezession: Geld als Werbeträger, Firmenlogos und Sprüche direkt auf Banknoten. Damit kann man fortan nicht nur Waren kaufen, sondern zugleich auch werben - was dem Staat viele Milliarden Euro ins Säckel spülen würde.

Die Rechnung geht so: 1,20 Euro pro Werbefläche und Monat, macht bei 12 Milliarden zweiseitigen Scheinen im Umlauf 691 Milliarden Euro, bei einer Laufzeit von zwei Jahren - da wäre der 500 Milliarden Euro umfassende Rettungsschirm für die Banken ein Klacks, selbst wenn sich alle deutschen Geldhäuser zugleich unter denselben stellten.

Richtig ernst nimmt auch Winkler diese Rechnung nicht. "Das war eigentlich nur eine Übung zum Warmmachen", erklärt er. Mit Studenten der Merz-Akademie, einer privaten Hochschule für Gestaltung, setzte er das Ein-Tages-Projekt um, als Auftakt zu einem einwöchigen Seminar, für das der Berliner Künstler Anfang November als Dozent nach Stuttgart fuhr.

Winkler spielt - und surft auf dem Nachrichtenstrom

Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Euroscheine von 5 bis 500 Euro mit kreativen Slogans, wie sie auch aus den Agenturhauptstädten kommen könnten: "Wäscht selbst Schwarzgeld blütenrein", steht auf einer 20-Euro-Note neben dem Logo eines Waschpulverfabrikanten. Auf einem anderen Zwanziger verblasst die Farbe von rechts nach links, am linken Ende ist der Schein blütenweiß, dort pappt das Logo einer Waschmittelfirma. Auf einem 50-Euro-Schein zeigt ein Pfeil auf eine kleine Insel im Mittelmeer, daneben der Werbespruch eine Reiseveranstalters: "Dieser Schein war gestern noch auf Mallorca - und wo waren Sie?"

Winkler brachte die Idee mit, umgesetzt haben sie seine Studenten. Was der Dozent wollte, war von vornherein etwas mehr als eine Fingerübung für angehende Werbegrafiker: Er wollte zeigen, wie man mit den richtigen Themen zum richtigen Zeitpunkt Medienrummel erzeugen kann.

Das gelang sehr gut. Eine Studentin kam auf einen Claim, der das eigentliche Ziel des Dozenten ideal unterstützte: "Werbung, die garantiert keiner wegwirft." Griffiger - oder auch sexyer, wie Werber gern sagen - geht es nicht. Thomas Winkler bildet Studenten zu Medienkünstlern aus und kennt die Logik des Nachrichtenstroms.

"3,5 Millionen Kontakte in zwei Wochen"

Schon zu Olympia in Peking ließ er die Studenten fiese Grafiken entwerfen, zum Beispiel den Vorschlag, Schwimmer sollten sich doch eine wasserlösliche Kapsel mit Kunstblut in die Badehose stecken. Zieht der Olympionike seine Bahn, färbt sich das Wasser rot wie Blut - gedacht als Protest gegen das damalige Medienthema der Stunde, die Menschenrechtsverletzungen in Tibet. Und Anfang November, passend zur Finanzkrise, legte Winkler mit der Idee von Werbung auf Geldscheinen nach.

Ein Glücksfall war, dass die Nachrichtenagentur dpa die Idee aufgriff. So kam die Meldung in die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" und in die Redaktionen privater und öffentlich-rechtlicher Radio- und Fernsehsender. Zufrieden fasst Winkler im Blog zum Seminar das "Ergebnis unserer Tagesaufgabe zum 6. November" zusammen: Radio und Fernsehen sowie drei Tageszeitungen und zehn Online-Medien berichteten über ihn, seine Klasse und vor allem über die Idee, Geld mit Werbung zu bedrucken.

In der Währung der Werber rechnet Winkler vor, damit hätte seine Klasse "3,5 Millionen Kontakte in knapp zwei Wochen" geschafft - "Glückwunsch! Kurs bestanden". Winkler freute der Trubel und die Besuche von Kamerateams in ihrem Seminarraum. "Für die Studenten ist das unbezahlbar, zu sehen wie sowas in Echt abläuft."

Natürlich sei die Idee ein Jux gewesen, provozieren wollte er mit der Aktion nicht. Das sei ohnehin ein Konzept, das heute nicht mehr ziehe: "Subversion ist verbraucht", sagt Winkler. Großen Unternehmen setzten auf Werbung, die nicht wie Werbung aussehen solle, und versuchten mit immer noch schrägeren Ideen zu punkten.

Am Ende zog die Hochschule die Notbremse

Nicht nur seine Studenten lernten bei diesem Experiment hinzu, auch Winkler fand heraus, wie öffentliche Botschaften wirken können - und dass sie sich manchmal verselbstständigen. Als das dritte Kamerateam an der Merz-Akademie zu Gast gewesen war, um seine Studenten und Winklers Werbegeld zu filmen, bat ihn die Leitung der Hochschule, es doch jetzt gut sein zu lassen.

Einem weiteren Privatsender sagte Winkler daraufhin ab. In einem Internet-Forum wurde ihm humorfrei vorgerechnet, dass seine Einnahmen von 700 Milliarden Euro gar nicht stimmen könnten, weil ja die gesamte Werbebranche nur einen Teil dieses Betrags umsetzen würde. Außerdem sei die Idee gar nicht von ihm und der Kunstdozent ein windiger Plagiator.

Den Vorwurf, er habe geklaut, findet Winkler besonders komisch, denn schon in der Weltwirtschaftskrise vor knapp 90 Jahren druckten Städte und teils auch Firmen Notgeld, und brachten auf diesen Scheinen ganz im Ernst Werbung unter. Auch in einem TV-Sketch, schrieb ein aufgebrachter Mensch an Thomas Winkler, sei Geld als Werbefläche schon aufgetaucht.

Doch wer die Idee vorher schon hatte, ist nicht weiter von Belang und dem Künstler recht egal. Vor einem Jahr wäre seine Klasse mit dem Plan, Werbeflächen auf Geldscheinen zur Rettung des Bundeshaushalts zu verkaufen, sicher gar nicht erst in Nachrichtensendungen und Zeitungsspalten aufgetaucht. Der Zeitpunkt aber, der hat jetzt einfach gestimmt.

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