Deutsch in der Fremde: Zum Handtuchkrieg nach Malle

Auf der Suche nach dem Deutschland-Gefühl - als der Buchautor Philipp Kohlhöfer so jung wie dumm nach Mallorca flog, lernte er allerhand: aus purem Opportunismus über Russen zu schimpfen. Sich einen Platz an der Sonne zu reservieren. Und ein Nicole-Konzert zu überleben.

Deutsche Urlauberin auf "Malle": "Kurz zum Pool" Zur Großansicht
ddp

Deutsche Urlauberin auf "Malle": "Kurz zum Pool"

Mit der Einsendung erklärt der Absender, dass er die Rechte an den Fotos besitzt, mit der Veröffentlichung einverstanden ist und die Allgemeinen Nutzungsbedingungen akzeptiert.

* optional

Vielen Dank!
Ihr Tipp wurde gespeichert - in wenigen Minuten können Sie ihn auf der Karte sehen.

Tipp mitteilen

Facebook Twitter Tipp versenden
Beitrag melden

Begründen Sie knapp, warum es mit diesem Beitrag ein Problem gibt.

Hier geht's zur großen Reise-Weltkarte

Als ich Anfang 20 war, beschloss ich etwas zu tun, das man nur mit Anfang 20 beschließen kann: Ich fuhr als Teil einer neunköpfigen männlichen Reisegruppe nach Mallorca.

Den Check-in-Counter unseres Fluges konnte man schon von weitem hören. Es war der Einzige, an dem schon morgens um 7 Uhr aus einem mitgebrachten Ghettoblaster Musik von "Scooter" lief. Schon während des Fluges wurde nicht nur das deutsche Liedgut gewürdigt, sondern auch dem Alkohol zugesprochen, weswegen die Klobesuchsfrequenz, je länger der Flug dauerte, immer höher wurde. Am Ende der Reise lag ein unaufdringlicher, aber doch deutlicher Fäkaliengeruch über dem gesamten Flugzeug.

Kaum im Hotel angekommen, ging ich zum Pool. Ausnahmslos jede Liege, die nicht besetzt war, war mit einem Handtuch blockiert. Minutenlang versuchte ich herauszufinden, ob jemand zu den Handtüchern gehörte, was offensichtlich aber nicht der Fall war. Ich ging zu einer Liege in Poolnähe, entfernte das Handtuch und setzte mich.

"Unglaublich."
"Die jungen Leute haben vor nichts mehr Respekt."
"Ich würde am liebsten rübergehen und dem Kerl eine Ohrfeige geben."

Neben mir unterhielt sich ein älteres Ehepaar - offenbar über mich. Ich sah sie an. Beide hatten nicht einen Hauch von Nässe an sich. Im Pool schwamm überhaupt niemand. Man saß rum und badete in der Sonne.

Ich lächelte. "Sie müssen gar nicht so blöd grinsen", sagte der Mann. Ich versuchte, ihn zu ignorieren, was mir allerdings schwer fiel, da er mich ausdauernd beschimpfte.

"Idiot."
"Dieser freche Hund."
"So ein Depp."

Ich erinnerte mich, mal gelesen zu haben, dass deutsche Urlauber im Ausland lieber unter sich bleiben und von Einheimischen nichts wissen wollen. Um meine Ruhe zu haben, schuf ich einen gemeinsamen Feind. "Hier in Spanien wird man doch ohnehin nur abgezockt", sagte ich. "Haben Sie schon die Kosten für das Essen gesehen?" Ich erregte mich, so gut es ging. Ich atmete in kurzer Schnappatmung, um einen möglichst roten Kopf zu bekommen.

Schimpfen über die Russen schweißt zusammen

"Da hat er recht", sagte die Frau. Es fing an zu funktionieren. Da der Mann aber noch murrte, erhöhte ich die Dosis. Ich hatte nämlich auch gelesen, dass deutsche Urlauber sich im Urlaub von Briten und Russen belästigt fühlen. "Haben Sie schon gehört, dass es Hotels an der Ostküste geben soll, die gar keine Deutschen mehr aufnehmen, weil die Engländer alles blockieren?" Ich atmete laut aus und schüttelte empört den Kopf. "Lauter Engländer."

Ich sagte, dass "der Russe an sich" ja mittlerweile auch Geld bezahle, um sich eine Strandliege zu sichern. Das sei ja wohl unmöglich, aber der könne es ja machen, "der Russe", schließlich habe er neuerdings das ganze Geld. Das könne ja wohl nicht mit rechten Dingen zugehen, da arbeite man sein ganzes Leben lang hart, nur um dann von diesen Salonsozialisten überholt zu werden. Und überhaupt, sagte ich: "In Deutschland sind die Steuern viel zu hoch." Das Totschlagargument für jede Gelegenheit.

Er drehte sich zu mir um. "Möchten Sie ein Bier?" Er hielt mir lächelnd eine Dose hin. Es war kurz nach 10 Uhr. Wir stießen an. "Freut mich, Sie kennenzulernen", sagte ich, ich verdammter rückgratloser Opportunist. Ich nahm einen großen Schluck. "Schmeckt Ihnen das Bier?", fragte er. "Mir nämlich nicht." Er begann sich aufzuregen.

Er grummelte, da sei ja die Milch zu Hause stärker. Wo er herkomme, tränken schon die Babys härtere Sachen. Er könne gar nicht sagen, wann er das letzte Mal solch ein klares Wasser gesehen habe. Es sei doch wohl nicht zu viel verlangt, wenigstens im Urlaub mal ein anständiges alkoholisches Getränk zu sich nehmen zu dürfen. Wenn er seinen Freunden zu Hause so eine Plörre anbieten würde… das sei ja völlig klar, was sie dann mit ihm machen würden. Er glaubte an eine Verschwörung. "Ich fühle mich hier nicht willkommen", sagte er. Er trank die Dose in einem Zug aus. "Eine Frechheit, dass ich Rosenwasser trinken muss."

In der Vorhölle "Oberbayern"

Er öffnete ein neues Bier und gab mir auch noch eine Dose. Ich hatte noch nicht mal die erste getrunken. Wir stießen erneut an. Ich trank das Bier in großen Schlucken, ich wollte einen Vorsprung herausarbeiten, um dann kurz meine Ruhe zu haben. Er fühlte sich animiert. Als er mir die dritte Dose reichte, sagte er: "Sie sind ein netter Junge."

Ich traf meinen Poolnachbarn ein paar Abende später wieder. Wir wohnten zufällig zusammen einer Kulturveranstaltung ersten Ranges bei: Wir besuchten ein Konzert des deutschen Schlagerstars Nicole. Ort der Veranstaltung war eine Großraumdiscothek mit dem halbseidenen Namen "Oberbayern". Der Ort glich mehr einem Bierzelt und ist, sind wir mal ehrlich, DER Grund, warum Deutsche im Ausland manchmal so ein ungünstiges Image genießen. Die Besucher waren ausnahmslos alle laut, betrunken, dick, unattraktiv und trugen Kleidung, die vermutlich 1982 als Kleiderspende in Bulgarien abgeschickt worden war, um die sandinistische Revolution in Nicaragua zu unterstützen, und über irgendwelche Umwege Jahre später in Deutschland gelandet war.

Die Hütte war voll. Es herrschte Tanzverbot, warum auch immer, und damit die hinteren Reihen auch was zu sehen bekamen, mussten sich die Zuschauer in der ersten Reihe auf den verspiegelten Tanzboden setzen. Ich saß ganz vorn, neben mir mein Bruder, der schon alkoholselig mit dem Kopf wackelte.

Nicole sah nicht sehr glücklich aus, sie hatte eine weiße Gitarre und saß auf einem Barhocker. Vermutlich folgte ein Gassenhauer auf den nächsten, ich kannte kein einziges Lied, aber es wurden immer wieder Wunderkerzen angezündet. Weil ja Tanzverbot war, beschränkte sich die Emotion im Publikum auf gediegenes Mitschunkeln. Plötzlich allerdings tanzte ein Derwisch genau vor Nicoles Gitarre. Er beugte sich nach hinten, jaulte bei einem Solo, das er auf einer imaginären Gitarre spielte, und fiel, immer noch wild Gitarre spielend, auf die Knie.

Ordner stürmten die Tanzfläche. Nicole sang tapfer weiter. Sie tat so, als bemerke sie nichts, hatte jetzt aber einen noch traurigeren Ausdruck in den Augen. Sie sah aus wie ein kleiner Hundewelpe. Kaum waren die Ordner in der Nähe des Luftgitarristen, sprang er vom Boden auf, um in einen wilden pogoähnlichen Tanz zu verfallen, der ihn in die hinterste Ecke der Tanzfläche trieb.

Ein bisschen Frieden, ein bisschen Nasenbluten

Ich boxte zur Seite, zu meinem Bruder, ich wollte was sagen wie: "Sieht du diesen verrückten Kerl, ganz crazy", aber ich boxte ein Luftloch. Ich drehte mich um, mein Bruder war nicht mehr auf seinem Platz. Ich ahnte es. Er war immer schon ein sehr musikalischer Mensch. Ich konzentrierte mich auf den Tänzer, der mittlerweile von Ordnern umzingelt war.

Jetzt konnte ich endlich sein Gesicht erkennen. Natürlich war es mein Bruder. Er wurde von den Ordnern an der Hüfte gepackt, versuchte aber selbst dann noch wilde Tanzbewegungen aufzuführen, als ihn einer am Oberkörper und an den Füßen packte. Er fing an zu singen:

"Ein bisschen Frieden, ein bisschen träumen
Und dass die Menschen nicht so oft weinen"

Einer der Ordner schlug ihm mit der Faust auf die Nase. Sie fing sofort an zu bluten.

"Ein bisschen Frieden, ein bisschen Freude
Ein bisschen Wärme, das wünsch ich mir"

Er wurde durch eine johlende Zuschauermenge Richtung Ausgang getragen.

"Ein bisschen Frieden, ein bisschen träumen
Und dass die Menschen nicht so oft weinen."

Er wurde vor die Tür geworfen. Ich beschloss, ebenfalls zu gehen. Mangels Alternative gingen wir zum Strand. Schon jetzt, mitten in der Nacht, lagen Handtücher auf Dutzenden Plastikliegen. An einem Sangriaeimer trafen wir eine Reisegruppe aus Österreich. Ich lernte Waltraud kennen, die wie alle Österreicher diesen putzigen Akzent hatte.

Es kam, wie es kommen musste. Gegen 6 Uhr morgens stand Waltraud auf. Sie komme gleich wieder, sagte sie. Sie nahm ein Handtuch. Sie sagte: "Ich muss kurz zum Pool."


Dieser Text ist ein Auszug aus Philipp Kohlhöfers neuem SPIEGEL-ONLINE-Buch "Grillsaison - meine Reise durch die Heimat". Darin beschreibt er höchst subjektiv deutsche Vorlieben und Eigenarten, die ihm im In- und Ausland begegneten.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 82 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. selbst schuld
acitapple 23.03.2010
die vorurteile über mallorca sind ja bekannt und teilweise bererchtigt. man kann jedoch diesem ganzen stumpfsinn entgehen und die schöne insel erkunden und man kann sogar mit einheimischen kontakt aufnehmen - unglaublich, nicht wahr ? das war aber wohl nicht die intuition des schreiberlings. nein, er folgt den spuren der urlaubsalkis um sich dann genau über diese aufzuregen. ganz toll gemacht, kumpel !!!
2. Wäre ich Spanier...
franzosen 23.03.2010
würde ich dieses üble Volk egal welcher Nationalität, das dort "Urlaub" macht, vergraulen. Ein bißchen Erziehung käme gut an...
3. Empörung überflüssig
leloup717 23.03.2010
Niemand wird gezwungen, seinen Urlaub in El Arenal & Co zu verbringen. Wenn man es trotzden tut, ist auch klar, was einen dort erwartet. Auch die Menschen, die dort arbeiten, haben kein Mitleid verdient, es gibt sicherlich schlimmeres. (Malle ist Spaniens reichste Region) Selbst auf Malle gibt es nur einige Zentren des Intensivtourismus, die restliche Insel ist unauffällig.
4. Spanische Lässigkeit
leloup717 23.03.2010
Zitat von franzosenwürde ich dieses üble Volk egal welcher Nationalität, das dort "Urlaub" macht, vergraulen. Ein bißchen Erziehung käme gut an...
Das Gegeteil ist der Fall: Man sollte den Hut vor den Spaniern ziehen, mit welcher Lässigkeit und Unempörtheit sie dieses Produkt verkaufen...
5. ....
pietro-del-cesare 23.03.2010
Diesen Stuss hätte man auch schreiben können, ohne jemals die Insel betreten zu haben. Das Niveau erinnert ein wenig an die Zeit des von "Sun" und "Bild" initiierten "Handtuchkrieges", über den ich mich seinerzeit so schön amüsiert habe.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik UniSPIEGEL
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik WunderBAR
RSS
alles zum Thema Literatur
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 82 Kommentare
Zum Autor
Philipp Kohlhöfer (geboren 1973), ist Metzgersenkel und bekennender Durchschnittsdeutscher – er rebelliert kaum, ist unauffällig und versucht, möglichst alles von der Steuer abzusetzen. Er hat Politik studiert und, durchaus mit heißem Bemühn, auch VWL, Jura und Psychologie - alles nicht zu Ende. Er mag es, wenn traurige, wütende Männer mit der Gitarre am Lagerfeuer sitzen. Weil ihm aber Gesangstalent fehlt, ist er Journalist geworden: für SPIEGEL ONLINE, "Geo" und "Neon", "SZ-Magazin" und "Playboy".

In seinem neuen Buch "Grillsaison" betätigt sich Kohlhöfer als Heimatforscher und beschreibt, in welchen Leuten ihm Deutschland begegnete. Denn auf seinen Reisen verfolgte ihn das Land manchmal "so penetrant wie Fischgeruch in der Kleidung".
Buchtipp
Philipp Kohlhöfer:
"Grillsaison"
Meine Reise durch die Heimat

Goldmann Taschenbücher; 160 Seiten; 8,95 Euro.

Einfach und bequem: Direkt im SPIEGEL-Shop bestellen

Fotostrecke
Typisch deutsch: Hirschgeweihe, Schwarzbrot, Panzer