48-Stunden-Debattier-Wettstreit: Reden, bis die Zunge erschlafft
US-Politiker reden manchmal stundenlang, um Gesetze zu blockieren. Sechs Studenten in Stuttgart redeten zwei Tage nonstop, ganz ohne triftigen Grund. Sie wollten einen neuen Rekord im Dauer-Debattieren aufstellen. Um 2 Uhr morgens half nur noch Yoga.
Zwischen 22 Uhr abends und 2 Uhr morgens war es bei Eva-Maria Risse am schlimmsten. "Meine Tiefphasen kamen früher als die der Jungs", sagt die Wirtschaftsstudentin aus Oxford. In diesen Stunden nahm sie ihren Laptop, schaute sich Yoga-Videos an und streckte sich nach Anleitung, um ihren Körper wachzuhalten. Und wenn ihre männlichen Mitstreiter Pizza bestellten, nahm sie nur einen Salat. Als dann etwas später, gegen 4 Uhr morgens, der Rest der Truppe in den Seilen hing, war die 28-Jährige wieder munter.
Yoga und Salat um Mitternacht, Wachbleiben trotz bleierner Müdigkeit in den Morgenstunden - sechs Freunde haben am vergangenen Wochenende an der Universität Stuttgart den Weltrekord im Dauerdebattieren gebrochen. 48 Stunden, zwei Tage lang, haben sie durchgeredet. Ohne Pause, ohne Schlaf, ohne finanzielle Interessen. Warum? Wer macht so etwas? Und: Wie geht das?
"Ich wollte den Weltrekord brechen, schon vor vier Jahren", sagt Michael Saliba, 30. Und tatsächlich: Michael, der sein Physik-Diplom in Stuttgart gemacht hat und jetzt ebenfalls in Oxford promoviert, steht gerade am Rednerpult und redet über Abtreibung, als die Gruppe am Sonntagnachmittag den vorherigen Rekord von 44 Stunden knackt. Der Jubel ist verhalten, schließlich liegen noch vier weitere Stunden vor ihnen.
"Hey, warum seid ihr so asozial?"
Michael war es auch, der die Truppe zu der absurden Idee anstiftete. Fast alle stehen kurz vor dem Abschluss ihrer Doktorarbeiten. Andere gehen in dieser Zeit ohnehin auf dem Zahnfleisch oder, wenn überhaupt, mal auf eine Party. "Wir lieben Herausforderungen", sagt Nils Haneklaus, Technologiemanagement-Student in Stuttgart. Mit dem Studienabschluss wird auch die Debattierkarriere der Freunde enden. Vorher wollen sie es noch einmal wissen. Ehrgeiz treibt sie an.
Debattieren gleicht Boxen, nur mit Argumenten. Beim Weltrekordversuch des Stuttgarter Debattierclubs gelten jedoch andere Regeln als sonst: Zwei Teams á drei Redner bearbeiten jede Stunde ein neues Thema. Dieses Mal verhandeln sie unter anderem die Impfpflicht, Legalisierung von Drogen oder Reisen zum Mars - der tatsächliche Inhalt ist allerdings nebensächlich. Zwar diskutieren die Teams gegeneinander, sie gewinnen aber zusammen: Den Weltrekord. Schlafen ist die ganze Zeit über verboten; essen, Gymnastik und Klobesuche sind jederzeit erlaubt. Eine Kamera überträgt die Nerd-Veranstaltung ins Internet, einige wenige Zuschauer klinken sich von außen ein, kommentieren bei Facebook oder Twitter.
Kurz vor Sonnenaufgang sind fast alle Redner am Tiefpunkt. Sie stammeln nur noch. Auch Khang On, 19, ist müde, seine Gedanken und Sprache verknoten sich: Statt "Heilung" sagt der VWL-Student "Heiligung". Es geht um Alternativmedizin. Eva-Maria, die einzige Frau in der Runde, spricht energischer und gestenreicher als die Männer. Wenn jemand Alternativmedizin nutzen möchte, soll er das tun, entgegnet sie. Der einzige Minuspunkt sei: "Sie ist teuer. Aber teuer ist auch mein Friseur." Schmunzeln bei den Rednern, Applaus aus dem Publikum. Dann ruft die Gegenseite etwas rein, Eva-Maria raunzt: "Hey, warum seid ihr denn so asozial?!"
Schlafentzug ist ein Folterinstrument
Machen 48 Stunden Schlaflosigkeit aggressiv? "Langfristig bleibt Schlaflosigkeit folgenlos, kurzfristig macht sie jedoch vor allem unkreativ", sagt Dieter Kunz, Chefarzt an der Klinik für Schlafmedizin im St. Hedwig Krankenhaus Berlin. Denn: Tagsüber sammeln sich alle möglichen Ideen und Eindrücke im Arbeitsspeicher des menschlichen Gehirns. "Der ist jedoch nach rund zehn Stunden voll. Nachts, im Schlaf, schmeißt das Gehirn normalerweise Informationen heraus, damit man wieder klar denken kann", erklärt Kunz. "Nach einer Weile ohne Schlaf bekommen Menschen unter anderem Halluzinationen", sagt Kunz. "Deshalb wird Schlafentzug auch als Folterinstrument benutzt."
Den Weltrekord in Schlaflosigkeit hält der Brite Tony Wright. 266 Stunden, rund elf Tage, blieb er wach. Einmal probierte er auch, 40 Stunden am Stück zu telefonieren. Wrights Resümee: "40 Stunden reden war schlimmer als elf Tage ohne Schlaf." Der Debattierrekord steht allerdings nicht im Guinness Buch der Rekorde. Die Redaktion lehnte einen Eintrag ab, weil es schon einen ähnlichen Rekord gäbe: Ein Parlament hatte drei Monate am Stück debattiert, allerdings in wechselnder Besetzung. Die Stuttgarter wollen es trotzdem noch einmal versuchen. Aufgeben liegt ihnen nicht.
Am Sonntagabend um 20.22 Uhr machen sie sich endlich locker, 48 Stunden sind um. Langsam fallen sie sich in die Arme.
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