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Deutschlandbild junger Briten: Trendy Krauts statt Stechschritt

Von , London

Sauertöpfische Hunnen, Fußballteams mit Pickelhauben und ein deutscher Wachhund als Papst: Britische Klischees über Deutschland sind selten nett und meist auf den Zweiten Weltkrieg fixiert. Ein völlig anderes Land entdeckten britische Studenten in dem Essay-Wettbewerb "But don't mention the war".

Vom Krieg besessen: "Fawlty Towers"-Belegschaft mit John Cleese
Sat.1 / BBC

Vom Krieg besessen: "Fawlty Towers"-Belegschaft mit John Cleese

Wenn Deutsche Urlaub machen, dann stehen sie früh am Morgen auf, um mit ihren Badehandtüchern die besten Plätze am Pool des Pauschalhotels zu reservieren. Wem solche Landsleute noch nie im Ausland begegnet sind, der muss sich nur einmal mit einem Bewohner der britischen Insel unterhalten. Denen laufen solch hässliche Deutsche in den gemeinsam belegten Bettenburgen offenbar ständig über den Weg.

An Stereotypen über Deutschland herrscht in Großbritannien kein Mangel. Und sie werden von der Boulevardpresse bei jeder sich bietenden Gelegenheit genüsslich ausgegraben: Polternde "Blitz the Fritz"-Rhetorik, sobald ein Fußballspiel ansteht, Unkenrufe vor einer deutschen Übermacht, wenn Europa auf der Agenda ist. Zuletzt sorgten die Schlagzeilen über den deutschen Papst Benedikt XVI. für erhebliche Verstimmungen im deutsch-britischen Verhältnis. Der Mechanismus funktioniert mit verlässlicher Sicherheit: Die britischen Medien hauen drauf, die "Krauts" werden dann zusätzlich mit beleidigter Leberwurst serviert. Größtmögliche Treffsicherheit bietet dabei der Rekurs auf den Zweiten Weltkrieg.


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Deshalb hatte der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) seinen Essay-Wettbewerb, in dem Studenten an britischen Universitäten über Deutschland schreiben sollten, auch mit der Zeile "But don't mention the war" überschrieben - mit einem Augenzwinkern. Er spielt auf die wohl berühmteste Episode der legendären britischen Comedy-Serie "Fawlty Towers" an, in der der jähzornige britische Hotelier Basil Fawlty alias John Cleese seine deutschen Gäste durch ständige Erwähnung des Krieges zur Weißglut bringt.

"Doch, ihr habt Polen überfallen"

Den Dialog kennt in Großbritannien jedes Kind, und auch in Deutschland können ihn viele Cleese-Fans rezitieren: "Würden Sie bitte aufhören, dauernd vom Krieg zu sprechen." Fawlty: "Ich? Sie haben doch angefangen." Die Bedrängten wehren sich: "Wir haben nicht angefangen." "Doch, ihr habt Polen überfallen." Cleese, der Altmeister des Stechschritts, fungierte denn auch als Schirmherr des Wettbewerbs: Er sei froh, dabei helfen zu können, die lächerlichen Vorurteile der Revolverblätter und solcher Clowns wie Basil Fawlty zu brechen, die in einer Weltsicht von vor 50 Jahren verhaftet sind.

Deutschland, einmal anders gesehen: Botschafter Matussek gratuliert Preisträgern
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80 Texte von Undergraduates gingen beim DAAD ein, zwei Drittel davon in englischer Sprache, ein Drittel auf Deutsch. Am Dienstag wurden die Preisträger in der deutschen Botschaft in London geehrt. Die hohe Qualität der Beiträge, in Inhalt und Form, habe ihn überrascht, sagte Brian Hanrahan, Diplomatic Editor bei der BBC und Vorsitzender der mehrköpfigen Jury aus Professoren, Journalisten und Auslandsbeamten. Das Lesen der Werke habe ihm viel Spaß bereitet, betonte der deutsche Botschafter in London, Thomas Matussek, bei der Preisverleihung - und zwar weil die Studenten ein völlig anderes Deutschlandbild zeichneten, als es in Großbritannien häufig der Fall ist.

Erst jüngst hatte der Botschafter in einer britischen Tageszeitung bemängelt, dass "die ständige Wiederholung von Klischees und Stereotypen in den englischen Medien" manchmal völlig die Wirklichkeit ersetze. Diese Kritik, so stellte Matussek klar, sei nicht als "zu viel Hitler" gemeint, sondern als "zu wenig Bundesrepublik". Die Lehren, die Deutschland aus dem Holocaust und aus dem Zweiten Weltkrieg gezogen haben, würden fast vollständig ausgeblendet - zum Beispiel im Geschichtsunterricht an britischen Schulen.

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Deutsch-britische Nickeligkeiten: Stechschritt und Pickelhaube
Dem Dienstherren des deutschen Botschafters, Außenminister Joschka Fischer, platzte wegen des Stereotypen-Bombardements im vergangenen Jahr regelrecht der Kragen. Seine Kinder seien 20 und 25 Jahre alt, so Fischer in einem BBC-Interview, "und wenn die sich Deutschland in einem Teil der britischen Medien ansehen, dann ist ihr Eindruck, das ist ein Bild, wie sie es in ihrem ganzen Leben noch nie gesehen haben." Wenn man den traditionellen preußischen Stechschritt lernen wolle, so Fischer, "dann muss man sich das britische Fernsehen ansehen, denn in Deutschland weiß in der jüngeren Generation - sogar in meiner Generation - niemand mehr, wie das geht."

Reise in ein fremdes Land

So hatte Nina Lemmens, Leiterin des Londoner DAAD-Büros und Initiatorin des Wettbewerbs, die jungen Briten denn auch aufgerufen, "ein fremdes Land zu entdecken". Hintergrund der Ausschreibung ist, dass der DAAD nicht ausreichend Bewerbungen für die Jahresstipendien bekommt, die er an britische Studenten vergibt. Das habe zum einen den Grund, dass Studenten an britischen Universitäten wegen der hohen Studiengebühren, die die Blair-Regierung nochmals anhob, nur widerwillig ein Auslandsjahr einschieben: Das erhöht den Berg der Schulden, auf dem sie am Ende ihrer Studienzeit sitzen. Zum anderen interessierten sich viele Jugendliche nicht für das Ausland. Der DAAD wirbt deshalb bewusst mit Stereotypen - und mit der Fußball-WM im nächsten Jahr.

Den größten Kulturschock erleben junge Briten offenbar in Berlin, der mit Geschichte überladenen und dennoch chaotisch lebendigen deutschen Hauptstadt. Nach Berlin zu reisen, gilt bei jungen Briten als überaus angesagt, berichten die Preisträger nahezu einstimmig.

Lässig und effizient

Oliver Hopwood, 20, musste sein Deutschlandbild durch einen denkwürdigen Besuch in einem Friseursalon im Prenzlauer Berg revidieren. Der Deutsch- und Französisch-Student an der University of Warwick wurde für seinen Beitrag mit dem ersten Preis in der Kategorie Englisch ausgezeichnet.

Die ersten Sieger (mit Botschafter Matussek und DAAD-Büroleiterin Lemmens: Oliver Hopwood und Lucy Smith
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Normalerweise hasst er Friseurbesuche, schreibt Hopwood, die kapitalistische Coolness von Toni & Guy schüchtere ihn regelmäßig ein. Doch ein Besuch im Salon "Kopfgeldjäger" nimmt ihm seine Berührungsängste. 12 Euro kostet dort der Haarschnitt, und Hopwood muss sich nicht dafür schämen, wie ein fußlahmer und müder Tourist auszusehen. Gleichzeitig ist die Lässigkeit sehr gut organisiert: Wer kommt, zieht eine Nummer und wartet solange, bis sie auf einer Leuchttafel angezeigt wird.

Diese deutsche Effizienz hatte Hopwood zwar erwartet. Was ihn dagegen einfängt, ist der soziologische Mikrokosmos. Die Frau mit den Leopardenleggings und dem starken Berliner Akzent, die von ihrem akkurat frisierten Pudel begleitet wird. Der in Gothic-Schwarz gekleidete Friseur, offenbar schwul, der ein T-Shirt trägt mit der Aufschrift "Nein. Ich bin nicht schwul." Zum Abschluss bekommt Oliver sogar noch ein winziges Fläschchen "Kopfgeldjäger"-Shampoo in die Hand gedrückt. Sein Fazit: Es gibt keinen aufregenderen und faszinierenderen Ort als Berlin.

Militanter Pazifismus

Hopwood verbrachte drei Tage als Tourist in Berlin und wird ab September in einem Programm des British Coucil Deutsch an einer Berliner Schule unterrichten. Lucy Smith, 22, Deutschstudentin und als Autorin des besten Essay in deutscher Sprache ausgezeichnet, lebt schon einige Monate in der deutschen Hauptstadt und arbeitet dort für einen Schulbuchverlag. Die allgegenwärtigen Graffitis an den Häuserwänden hätten sie überrascht, so schreibt Smith, da sie das "in England ganz beliebte Klischee, die Deutschen seien von Ordnung und Regeln fast besessen" im Kopf gehabt habe. Berlin scheint "schon etwas ganz anderes zu sein: groß, laut, manchmal schmutzig und hässlich".

Hitler, immer wieder Hitler: Motiv bei Anti-Blair-Demonstration
AP

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Smith beschreibt, wie sie fast einen kompletten Vormittag auf einem Berliner Amt zubrachte, um ein Anmeldeformular auszufüllen und dann eine Lohnsteuerkarte zu bekommen. "Ich kam wieder raus in die Sonne mit dem stolzen, besserwisserischen Lächeln eines Mitglieds des viel gelasseneren Großbritanniens." Gelassen zeigen sich auch die Sonnenanbeter im Park nebenan, für britische Verhältnisse nahezu freizügig. Ein Mädchen zieht sich gleich bis auf die Unterwäsche auf, während Smith darauf achtet, dass ihre bleichen Beine vom Rock bedeckt bleiben.

"Die Leute in Berlin haben eine bestimmte Art Selbstsicherheit", hat Smith beoachtet. "Es ist ihnen egal, was andere über sie denken." Eine andere Seite der Deutschen entdeckt sie, als sie während der langen Nacht der Museen das Jüdische Museum besucht. Sie zeigt sich beeindruckt, "dass Leute um ein Uhr morgens bereit sind, im Museum zu sein" - offenbar Ausdruck eines Bedürfnisses, sich der Vergangenheit des eigenen Landes zu stellen. "Es schien irgendwie unfair, sich an diesem Abend im Sommer an solche Taten vorheriger Generationen erinnern zu müssen."

Smith nimmt an einem Europa-Quiz im Außenministerium teil und ist dort umgeben von Europa-begeisterten dauerlächelnden Freiwilligen, die das Quiz organisieren. "Es gab überhaupt keine Spur Zynismus, was in England unmöglich gewesen wäre." Nur schwer einstellen konnte sie sich hingegen auf den Pazifismus vieler junger Deutscher: Dieser Pazifismus drückt sich, "so erfahre ich das als Ausländerin, ironischerweise darin aus, aggressiv zu sein".

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