Der Freestyler: "Mist, ich bin im Finale"

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Sie fauchen und feixen, bangen und zittern: Bei Poetry-Slams treten die unterschiedlichsten Charaktere auf. Aber was sind das für Leute, die sich mit ihren selbstgeschriebenen Texten auf die Bühne wagen? Manche verführen das Publikum - andere blamieren sich. Eine kurze Typologie.

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Lisa Schmid

Der Freestyler: Er hat eigentlich keinen Text dabei - aber muss ja keiner merken

Mist - unerwartet ist der Slammer ins Finale gekommen. Er könnte sich freuen - wenn er fürs Finale einen Text dabei hätte. Der Freestyler setzt alles auf eine Karte und bittet das Publikum um Mithilfe: "Ich beginne mit dem Satz - sobald ich eine Pause mache, ruft ihr mir bitte ein Nomen zu. Und bitte, bitte: Nehmt keine medizinischen Fachbegriffe, das ist nämlich echt scheiße."

Ungeheuer selbstsicher steht er am Mikro und haut die ersten Sätze raus. Leider sitzt immer mindestens eine Medizinstudentin im Publikum, die es furchtbar lustig findet, den Poeten in eine Geschichte das Wort "endoplasmatisches Retikulum" einbauen zu lassen. Der Freestyler aber rechnet damit und überspielt die Situation erst mit "Ja, das musste nun natürlich sein, ne?" Und dann souverän mit: "Unsere Beziehung aber, die war genauso verzweigt wie ein endoplasmatisches Retikulum." Dabei kann er sich vor Lachen selbst kaum halten und zweifelt sowohl den geistigen Zustand der Medizinstudentin als auch seinen eigenen an.

Das sagt der Slam-Master: "Einen Text, der sogar noch irgendwie Sinn ergibt, aus dem Stand zu bringen - muss man auch erst mal können."

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