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Diplom über fiktive Figuren: Im Paralleluniversum der Phantome

Von Jens Radü

Zorro und der Yeti, Politiker Mierscheid und Diplomat Dräcker, Erika Mustermann und der erfundene Regisseur Smithee - einen Hamburger Designstudenten faszinieren Phantome in Politik und Kultur. In der Diplomarbeit setzte Stefan Schröter sich auf die Spur des Spuks.

Hat Humor in der deutschen Politik eine Chance? Auch wenn man es Parlamentariern nicht recht zutraut: Schon seit Jahrzehnten beweisen Spaßvögel in Bonn und Berlin ihren Mut zum Nonsens - mit frei erfundenen Kollegen. So gehört der SPD-Abgeordnete Jakob Maria Mierscheid angeblich seit 1979 dem Bundestag an und unterhält dort sogar eine offizielle Website. Vor allem mit seinen visionären Vorschlägen sorgte der rheinland-pfälzische Schneidermeister für Aufsehen: Von den hinteren Bänken aus schlug er der SPD-Fraktion vor, große Hunde wie Neufundländer wohngeldfähig zu machen, um ihre Unterbringungsmöglichkeiten zu verbessern. Außerdem setzte er 1983 die Produktion von Rohstahl in Beziehung zum Wahlergebnis der SPD - das sogenannte Mierscheid-Gesetz ging als statistische Meisterleistung in die Annalen des Bundestags ein.

Zuletzt geriet Mierscheid mit seinem angeblichen Austritt aus der SPD in die Schlagzeilen. Mehrere Nachrichtenagenturen fielen darauf herein und meldeten seinen Wechsel zur Linkspartei, was Mierscheid jedoch auf SPIEGEL ONLINE höchstselbst und scharf dementierte.

Politische Phantome wie Mierscheid faszinieren den Hamburger Studenten Stefan Schröter. Nicht nur wegen ihrer "Holographie", wie er deren Lebenslauf taufte, sondern vor allem grafisch: Schröter ist Designer und hat seine Diplomarbeit über die zahlreichen Phantome der Vergangenheit und Gegenwart geschrieben. Entstanden ist so eine Reise in eine andere Welt, in die Scheinwelt von Nessie, Yeti, Jerry Cotton - und Ministerialrat Edmund Friedemann Dräcker.



Dräcker, der inzwischen als verstorben gilt, verdankt seine wundersame Karriere dem Durst. An einem heißen Sommertag, 1936 in Rom, ersann der Legationsrat Hasso von Etzdorf die Identität Dräckers, um sich aus einer Sitzung in der Deutschen Botschaft zu stehlen. Dringend müsse er den gerade angereisten Ministerialdirigenten Dräcker treffen - in der nächsten Eckkneipe warteten schon Etzdorfs Freunde auf ihn. Seitdem machte Dräcker die Runde, auch und vor allem, nachdem er 1953 eigentlich in den Ruhestand ging.

So assistierte er dem Bundespräsidenten Heinrich Lübke 1962 beim Staatsbesuch in Indien, zuletzt war er Sonderberater der EU-Kommission in Brüssel für die Normierung von Seemannsgarn. 1989 soll Dräcker schließlich 101-jährig verstorben sein. Die Umstände des Todes sind jedoch nach wie vor ungeklärt. Eine Rückkehr des Ministerialrats ist also nicht ausgeschlossen - schließlich galt Dräcker schon einmal als vermisst.

"Manches ist anders, manches genauso!"

Politiker Mierscheid und Diplomat Dräcker haben ein Pendant in der Rechtsprechung: Friedrich Gottlob Nagelmann, seit vielen Jahrzehnten die "wohl schillerndste Persönlichkeit der deutschen Juristenriege", wie Stefan Schröter in der Diplomarbeit schreibt. Denn Nagelmanns Vita ist beeindruckend: Als Mitarbeiter des Bundesverfassungsgerichts brillierte er mit wegweisenden Arbeiten wie "Jagdrecht im Stadtpark" oder "Der Asylanspruch von Asylbewerbern aus der Schweiz". Und seine These zur Rechtsvergleichung gilt als Klassiker der juristischen Fachliteratur: "Manches ist anders, manches genauso!"

1925, so will es die Legende, soll Nagelmann mit der Note "elegantissime" promoviert, später im Reichsjustizministerium gearbeitet und nebenher Gedichtbände veröffentlicht haben. Nach der Entnazifierung setzte er die Karriere bruchlos im Bundesjustizministerium und beim Verfassungsgericht fort. Seit 1992 ist er in hohem Alter "Beauftragter für mystische Sachverhalte" bei den Juristen der Uni Potsdam. Und fürs Gemeinwohl hat Nagelmann sich stets eingesetzt - vor allem als Mentor des Abgeordneten Jakob Maria Mierscheid. Und schon schließt sich der Kreis.

"Ich hatte nach meiner Recherche einen Riesenberg von solchen Fällen", erzählt Stefan Schröter, der Mierscheid, Dräcker und Co. in seiner Diplomarbeit als Geschäftsmänner mit Bundesadler-Flügeln dargestellt hat. "Mich interessierte vor allem, wo die Wurzeln dieser oft skurrilen Geschichten liegen."

Regisseur Alan Smithee, ein idealer Sündenbock

Bei Comic- oder Romanhelden hatte es Schröter nicht schwer, die Vorlagen zu finden. Beim fechtenden Frauenverführer Zorro zum Beispiel waren es mexikanische Volkshelden aus der Rebellionszeit. Die grafische Umsetzung solcher Figuren war Schröter durch die zahlreichen Filme und Comicstrips weitgehend vorbestimmt. Komplizierter waren die modernen Beispiele.

Ein Phänomen auf dem internationalen Parkett der Unterhaltung ist zweifellos der Regisseur Alan Smithee. Er ist in allen Genres zuhause - ob Western, Action oder Komödie. Doch eines zieht sich wie ein roter Faden durch seine Werke: Sie sind alle schlecht. So schlecht, dass die wirklichen Regisseure nicht verantworten wollten, dass ihr Name im Abspann steht. "Wenn Regisseure unzufrieden sind mit dem Ergebnis ihrer Arbeit, wenn Erbsen zählende Studiobosse ihnen Auflagen machen, wenn am Schneidetisch ein Werk verhunzt wird, dann ziehen die Regisseure konsequenterweise ihren Namen zurück", schreibt Schröter.

Als "cineastischer Sündenbock" tauchte Smithee, das Pseudonym generale, erstmals 1967 im Abspann von "Death of a Gunfighter" auf, als der Regisseur Don Siegel während der Dreharbeiten die Regie des Films übernahm, weil sich der Hauptdarsteller Richard Widmark mit dem bisherigen Regisseur zerstritten hatte.

Der Name "Alan Smithee" entstand als Anagramm aus "The Alias Men", was soviel bedeutet wie die Männer mit dem Pseudonym. Für "Death of a Gunfighter" gab es zwar noch gute Kritiken. Doch es folgte eine Karriere voller Fehlschläge in Film und Fernsehen.

Das Frisurenwunder Erika Mustermann

Eine Erfolgsstory hingegen sind Otto Normalverbraucher und Erika Mustermann. Schröter bezeichnet sie als "generische Personen" - solche unwirklichen Kunstfiguren sollen Bedürfnisse, Verhalten und Eigenschaften des Bundesbürgers symbolisieren. Auf Scheckvordrucken, Formularen und Personalausweisen prangt der Name Mustermann, wahlweise "Max" oder "Erika".

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Von der weiblichen Variante existiert zumindest ein Bild: Seit 1987 hat die Bundesdruckerei die Produktion auf die zentrale Personalisierung umgestellt. Also lächelte in diesem Jahr erstmals Erika Mustermann mit blonder Pony-Frisur von den Entwürfen der Personalausweise. 1997 wurde sie abgelöst durch ein Farbfoto, die moderne Mustermann-Version trug eine Brille und dezentes Make-Up. Seit 2001 hat sich das Outfit erneut weiterentwickelt. Die aktuelle Erika Mustermann trägt die Haare modisch kurz, das Lächeln ist strahlend, die Kleidung von dezenter Eleganz.

So sieht also die deutsche Durchschnittsbürgerin aus. Zumindest auf dem Personalausweis. Zum Test hat Schröter Briefe an die Mustermann-Adresse geschickt: Erika Mustermann, Heidestraße 17 in München. Alle kamen wieder zurück. Vermerk: "Unbekannt".

Auch an den braven Parteisoldaten Jakob Maria Mierscheid hat Schröter geschrieben: ob er ihn in seiner Diplomarbeit als "Phantom" bezeichnen dürfe. Die Antwort kam prompt. Er wisse, dass ihn viele als fiktive Person sähen, erklärte Mierscheid in einer E-Mail. Das mache ihm jedoch nichts aus. So könne er vor allem dort wirken, wo es am wirkungsvollsten sei - im Hintergrund.

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