SPIEGEL ONLINE: Herr Bücherl, Sie bieten auf Ihrer Seite www.titel-kaufen.de jede Art von Titeln an: Vom Gesellenbrief übers Abitur bis zum Doktor - als Satire, was vielen Nutzern aber offenbar nicht klar ist. Sind auch Prominente oder Politiker auf ihre Offerte hereingefallen?
Bücherl: Wir nennen keine Namen. Nur so viel kann ich verraten: Ein Oberbürgermeister aus Österreich hat sich an uns gewandt und wollte einen MBA-Titel kaufen. Dreist war auch der Dozent einer Fachhochschule, der schon einen festen Lehrauftrag hat und sich dazu noch eine Dr. kaufen wollte. Der lieferte einen Lebenslauf mit allem drum und dran gleich mit. In der Regel melden sich die Interessenten allerdings anonymisiert bei uns an.
SPIEGEL ONLINE: Wie viele Menschen fallen pro Monat auf Ihr Angebot herein?
Bücherl: Aktuell kommen monatlich knapp 20.000 Besucher auf die Seite. Davon füllen dann 200 bis 300 tatsächlich das Anfrageformular aus - erschreckend viele, wie wir finden.
SPIEGEL ONLINE: Wenn ich nun einen akademischen Grad gegen Geld von Ihnen haben will - wie gehe ich vor?
Bücherl: Interessenten geben in einem Kontaktformular ihre persönlichen Daten an, also Geburtsdatum und den höchsten aktuellen Abschluss und welchen Titel sie gern hätten. Es ist fast schon zu einfach. Dennoch nehmen die Leute das Angebot ernst. Besonders tief konnten wir dabei in die menschlichen Abgründe blicken, weil wir auch nach der Motivation der Interessenten fragen.
SPIEGEL ONLINE: Was treibt die Leute zur Schummelei?
Bücherl: Es gibt klassische Schulabbrecher, die recht naiv auftreten. Sie haben gemerkt, dass ihnen ohne Abschluss der Weg verbaut ist. Auch bemühen sich viele Akademiker neben ihrer akademischen Würde um einen Adelstitel. Den meisten geht es um Karriere - oder um den Ruhm. Der Grad der Selbstverliebtheit ist extrem hoch.
SPIEGEL ONLINE: Der bekannteste Doktor in Deutschland, der zwar mit mehrjähriger Arbeit, aber wohl mit einem Plagiat zu seinem Titel kam, ist der ehemalige Minister und Jurist Guttenberg. Wie sieht es mit seinen Kollegen aus? Haben Sie viele Anfragen von Juristen?
Bücherl: Die Zahl ist erschreckend hoch. Manche haben das zweite Staatsexamen und wollen nun einen Doktor drauflegen. Gerade bei dieser Berufsgruppe denkt man doch, dass sie wissen, was sie da tun.
SPIEGEL ONLINE: Welches Angebote ist der Bestseller?
Bücherl: Am größten ist das Interesse an Doktortiteln. Über die Analyse der Suchbegriffe, mit deren Hilfe die Besucher auf unsere Seite gestoßen sind, wissen wir, dass auch "Abitur fälschen" ein Thema ist.
SPIEGEL ONLINE: Ermitteln Sie eigentlich, wie viel Geld Ihre windigen Bewerber für einen Titel hinlegen würden?
Bücherl: Es gibt ein Feld, in dem die Interessenten eintragen sollen, welchen Preis sie zahlen würden. Das reicht von ein paar Euro für einen Gesellenbrief bis hin zu sechsstelligen Beträgen für einen Adelstitel. Wir hatten eine Anfrage von einem tatsächlichen Titelhändler. Der wollte wissen, ob wir nicht einen echten Adeligen hätten, der eine Adoption durchführen kann - für einen sechsstelligen Betrag.
SPIEGEL ONLINE: Kamen Sie nie in Versuchung, eine satirische Urkunde zu verschicken und den Leuten so zu zeigen, dass sie auf dem Holzweg sind? Man hätte ja das Seepferdchen ehrenhalber verleihen können
Bücherl: Wir wollen niemanden lächerlich machen. Wir sammeln, aber reagieren nicht auf die Anfragen. Das hat oft zu verärgerten E-Mails oder auch Anrufen auf einer eigens eingerichteten Mailbox geführt. Dabei geben wir uns wirklich alle Mühe. Wir werben beispielsweise mit dem Sexappeal, den ein Doktortitel bringt - aber vielen Leuten fällt es offenbar schwer, Satire in geschriebener Form zu erkennen.
SPIEGEL ONLINE: Ihre Web-Adresse www.titel-kaufen.de ließe sich sicher gut zu Geld machen...
Bücherl: Vielleicht, aber das kommt für uns nicht in die Frage. Wir sind ja eigentlich seriöse Unternehmer und betreiben eine Vergleichsseite für Geschenke und eine Bastel- und Heimwerker-Community. Alle hier wollen ruhig schlafen und wir haben keine Lust, uns in dieses Milieu zu begeben.
Das Interview führte Christoph Titz
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