Doktor zu verkaufen: Wie Titelschummler in die Online-Falle tappen

Abitur, Promotion, MBA - welches Prädikat soll es sein? Mit einer satirischen Web-Seite für den Kauf von Abschlüssen aller Art ködert Christian Bücherl Hunderte Titelschummler pro Monat. Im Interview erklärt der Online-Unternehmer, wie die Möchtegern-Doktoren ticken.

Protokolle der Titelgier: "Bin in gehobener Position - brauche Dr. med." Fotos

SPIEGEL ONLINE: Herr Bücherl, Sie bieten auf Ihrer Seite www.titel-kaufen.de jede Art von Titeln an: Vom Gesellenbrief übers Abitur bis zum Doktor - als Satire, was vielen Nutzern aber offenbar nicht klar ist. Sind auch Prominente oder Politiker auf ihre Offerte hereingefallen?

Bücherl: Wir nennen keine Namen. Nur so viel kann ich verraten: Ein Oberbürgermeister aus Österreich hat sich an uns gewandt und wollte einen MBA-Titel kaufen. Dreist war auch der Dozent einer Fachhochschule, der schon einen festen Lehrauftrag hat und sich dazu noch eine Dr. kaufen wollte. Der lieferte einen Lebenslauf mit allem drum und dran gleich mit. In der Regel melden sich die Interessenten allerdings anonymisiert bei uns an.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Menschen fallen pro Monat auf Ihr Angebot herein?

Bücherl: Aktuell kommen monatlich knapp 20.000 Besucher auf die Seite. Davon füllen dann 200 bis 300 tatsächlich das Anfrageformular aus - erschreckend viele, wie wir finden.

SPIEGEL ONLINE: Wenn ich nun einen akademischen Grad gegen Geld von Ihnen haben will - wie gehe ich vor?

Bücherl: Interessenten geben in einem Kontaktformular ihre persönlichen Daten an, also Geburtsdatum und den höchsten aktuellen Abschluss und welchen Titel sie gern hätten. Es ist fast schon zu einfach. Dennoch nehmen die Leute das Angebot ernst. Besonders tief konnten wir dabei in die menschlichen Abgründe blicken, weil wir auch nach der Motivation der Interessenten fragen.

SPIEGEL ONLINE: Was treibt die Leute zur Schummelei?

Bücherl: Es gibt klassische Schulabbrecher, die recht naiv auftreten. Sie haben gemerkt, dass ihnen ohne Abschluss der Weg verbaut ist. Auch bemühen sich viele Akademiker neben ihrer akademischen Würde um einen Adelstitel. Den meisten geht es um Karriere - oder um den Ruhm. Der Grad der Selbstverliebtheit ist extrem hoch.

SPIEGEL ONLINE: Der bekannteste Doktor in Deutschland, der zwar mit mehrjähriger Arbeit, aber wohl mit einem Plagiat zu seinem Titel kam, ist der ehemalige Minister und Jurist Guttenberg. Wie sieht es mit seinen Kollegen aus? Haben Sie viele Anfragen von Juristen?

Bücherl: Die Zahl ist erschreckend hoch. Manche haben das zweite Staatsexamen und wollen nun einen Doktor drauflegen. Gerade bei dieser Berufsgruppe denkt man doch, dass sie wissen, was sie da tun.

SPIEGEL ONLINE: Welches Angebote ist der Bestseller?

Bücherl: Am größten ist das Interesse an Doktortiteln. Über die Analyse der Suchbegriffe, mit deren Hilfe die Besucher auf unsere Seite gestoßen sind, wissen wir, dass auch "Abitur fälschen" ein Thema ist.

SPIEGEL ONLINE: Ermitteln Sie eigentlich, wie viel Geld Ihre windigen Bewerber für einen Titel hinlegen würden?

Bücherl: Es gibt ein Feld, in dem die Interessenten eintragen sollen, welchen Preis sie zahlen würden. Das reicht von ein paar Euro für einen Gesellenbrief bis hin zu sechsstelligen Beträgen für einen Adelstitel. Wir hatten eine Anfrage von einem tatsächlichen Titelhändler. Der wollte wissen, ob wir nicht einen echten Adeligen hätten, der eine Adoption durchführen kann - für einen sechsstelligen Betrag.

SPIEGEL ONLINE: Kamen Sie nie in Versuchung, eine satirische Urkunde zu verschicken und den Leuten so zu zeigen, dass sie auf dem Holzweg sind? Man hätte ja das Seepferdchen ehrenhalber verleihen können…

Bücherl: Wir wollen niemanden lächerlich machen. Wir sammeln, aber reagieren nicht auf die Anfragen. Das hat oft zu verärgerten E-Mails oder auch Anrufen auf einer eigens eingerichteten Mailbox geführt. Dabei geben wir uns wirklich alle Mühe. Wir werben beispielsweise mit dem Sexappeal, den ein Doktortitel bringt - aber vielen Leuten fällt es offenbar schwer, Satire in geschriebener Form zu erkennen.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Web-Adresse www.titel-kaufen.de ließe sich sicher gut zu Geld machen...

Bücherl: Vielleicht, aber das kommt für uns nicht in die Frage. Wir sind ja eigentlich seriöse Unternehmer und betreiben eine Vergleichsseite für Geschenke und eine Bastel- und Heimwerker-Community. Alle hier wollen ruhig schlafen und wir haben keine Lust, uns in dieses Milieu zu begeben.

Das Interview führte Christoph Titz

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insgesamt 73 Beiträge
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1. ..
jimknopf107 15.04.2011
Merkwürdig, dass das Thema bisher nur schwarze und gelbe traf.. So ein Zufall..
2. Ist ja so typisch
emiliolojo 15.04.2011
Warum versteht heute keiner mehr eine gute Satire, hat keinen Sinn fuer Humor. es ist echt so http://cruisenbcn.com/category/das-gebildetste-land-der-welt/ Die Menschen in Deutschland gehören zu den gebildetsten Menschen überhaupt. Sie sind so gebildet, ......
3. Pocher für Arme
Bala Clava 15.04.2011
Zitat von sysopAbitur, Promotion, MBA - welches Prädikat soll es sein? Mit einer satirischen Web-Seite für den Kauf von Abschlüssen aller Art ködert Christian Bücherl Hunderte Titelschummler pro Monat. Im Interview erklärt der Online-Unternehmer, wie die Möchtegern-Doktoren ticken. http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,756826,00.html
Wobei der Junge offenbar nicht merkt, wenn er selber mal verarscht wird. Aber so ist das mit den Satirikern, die diesen Titel auch irgendwo günstig geschossen haben: Sie sind oft betriebsblind für die Späßchen anderer.
4. Knopf - benutze deinen Kopf!
AKI CHIBA 15.04.2011
Zitat von jimknopf107Merkwürdig, dass das Thema bisher nur schwarze und gelbe traf.. So ein Zufall..
Kannst doch selber suchen. Ran an die Arbeit! Grab sie aus die rot-grünen Drecksäcke! Dr. Helmut Schmidt? Dr. Herbert Wehner? Dr. Müntefering? Dr. Brandt?.......................
5. kein zufall
Denseman 15.04.2011
die schwarz-gelben haben halt kein interesse an inhaltlichkeit und dementsprechend auch keinen zugang und keine faszination für wissenschaft. schon gar nicht für geistes- und sozialwissenschaften. daher kommt ja auch dieses autoritäre sich festhalten an irgendwelcher obskurer "kultur" und tradition als vor sich her getragene monstranz, nicht verstehend, dass beispielweise die kultur deutscher universitäten nicht der festakt der titelübergabe in abendgaderobe ist(da hat guttenberg bestimmt die beste figur gemacht), sondern der wunsch nach erkenntnisgewinn. im übrigen: wer die website nicht als satire erkennt, hat erstens keinen titel verdient und wählt mit ziemlicher sicherheit eher rechts der mitte, irrtümlicherweise "bürgerlich" genannt.
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Zur Person
Christian Bücherl, 30, ist Diplom-Kaufmann und Geschäftsführer der Boost Internet GmbH, die Internetseiten wie www.erlebnisgeschenke.de und www.expli.de entwickelt und vermarktet. Die Idee zum Satireprojekt "Titel kaufen" wurde geboren, als ihm und seinen Kollegen die unzähligen Spam-E-Mails von Titelhändlern in den vergangenen Jahren zu viel wurden.

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DPA
Wer hat dran herumgedoktert?
Plagiatjäger entlarvten Guttenberg als Copy-and-Paste-Akademiker. Seine Politikerkollegen promovierten über "Infektionen durch Entspannungsbäder" oder das "mittelniederländische Plenarium Ms. germ. 1612". Wer's war, erfahren Sie hier und werden so Quiz-Doktor im Doktor-Quiz!