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Doktortitel gegen Geld: "Wir legalisieren das!"

Ein gekaufter Titel von einer staatlichen Hochschule, geht das? Martin Köttering, Präsident der Hamburger Kunsthochschule, meint ja - wenn  Bürgermeister Scholz auch gleich einen Titel kauft. Doktor "des Geldes wegen" heißt der schräge Hut, der unernst auf ernste Sorgen hinweist.

So viel Würde: Doktorgrad pecuniae causa für 50.000 Euro - aber der Hut kostet extra Zur Großansicht
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So viel Würde: Doktorgrad pecuniae causa für 50.000 Euro - aber der Hut kostet extra

SPIEGEL ONLINE: Ihre Hochschule, die HFBK Hamburg, wird bald Doktortitel gegen Geld anbieten. Warum?

Köttering: Man schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe. Wir befriedigen die Begehrlichkeiten von Leuten, die ohne Titel nicht sein können. Und es ist eine tolle Möglichkeit, Geld einzuwerben, damit wir die Grundsicherung finanzieren können.

SPIEGEL ONLINE: Titel verkaufen - das gibt es doch schon. Was ist bei Ihnen besonders?

Köttering: Wo gibt es denn so etwas? Das ist mir neu…

SPIEGEL ONLINE: Na, es gibt genug sogenannte Hochschulen in der Schweiz, die für entsprechendes Geld viel möglich machen. Und auch dubiose Hochschulen auf karibischen Inseln oder im Nahen und Fernen Osten…

Köttering: Ja, aber diese Titel darf man nicht nutzen, sich nicht in den Ausweis drucken lassen, solche Titel zu führen ist illegal. Bei uns dagegen wird es eine eigene Promotionsordnung und eine eigene Satzung geben. Damit legalisieren wir das. Das wird ein echter Doktor einer echten Hochschule - und wir zeigen, dass es sich um einen gekauften Titel handelt. Den Doktor pecuniae causa führt man als Titel mit dem Kürzel Dr. p.c. - man kriegt ihn ja nicht der Ehre oder der Leistung, sondern schlicht "des Geldes wegen".

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Protokolle der Titelgier: "Bin in gehobener Position - brauche Dr. med."
SPIEGEL ONLINE: Ein gekaufter Titel mit Transparenz also. Bekommt man auch eine richtige Zeremonie, mit Doktorhut und Akademiker-Umhang?

Köttering: Das ist eine Geldfrage. Uns schweben für den Dr. p.c. derzeit 50.000 Euro vor. Wer noch einen Hut aufgesetzt kriegen will, muss mehr bezahlen.

SPIEGEL ONLINE: Bei 50.000 Euro ist ein Hut nicht mit drin?

Köttering: Wir sind ohnehin auf dem Weg in Richtung der voll durchökonomisierten Hochschule. Es könnte sein, dass ich irgendwann so sehr zum Hochschulmanager werde und dem Ideal des Kaufmanns irgendwann so stark entspreche, dass man mit mir auch an dieser Stelle wird handeln können.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Ihren Plan schon der Wissenschaftsbehörde unterbreitet? Mit der liegen Sie doch derzeit ohnehin im Clinch, wegen der Sparpläne des neuen SPD-Senats.

Köttering: Im Wahlkampf hatte Olaf Scholz versprochen, die Wissenschaft zu stärken. Wir Hamburger Rektoren und Präsidenten dachten, dass es ihm damit ernst ist. Dann hieß es plötzlich, wir müssen noch mehr sparen als schon geplant.

SPIEGEL ONLINE: Vergangene Woche waren Sie alle sehr wütend. Ihr Kollege Lenzen hat der Stadt gedroht, den botanischen Garten zuzusperren. War das schon der Anfang einer Satire-Offensive?

Köttering: Der Zorn war und ist echt. Aber wir haben Mitte der Woche von der Wissenschaftssenatorin Dorothee Stapelfeldt erklärt bekommen, dass die Politik in Hamburg für die Hochschulen viel tun will. Wir können unseren Standard nicht halten, wenn wir nicht mehr statt weniger Geld bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Nachvollziehbar, dass Sie sich mit einem käuflichen Doktor die Taschen füllen wollen. Damit könnten Olaf Scholz oder die bereits einmal promovierte Wissenschaftssenatorin Stapelfeldt zu einem schönen Titel kommen. Wie wäre das?

Köttering: Super! Aber nur, wenn wir es schaffen, die bürokratischen Hürden zu nehmen und uns Stapelfeldts Behörde unseren Dr. p.c. genehmigt. Dann kann sie auf jeden Fall auch einen haben. Frau Stapelfeldt hat die Ironie übrigens erkannt und zu dem Scherz gratuliert. Aber das war nicht bei allen Behördenvertretern der Fall. Einer kam empört auf mich zu und erweckte den Eindruck, als habe er das wirklich ernstgenommen.

Das Interview führte Christoph Titz

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insgesamt 34 Beiträge
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1. Dr. p.c.
Rainer Daeschler, 20.05.2011
Eine gute Idee und sogar preiswert, wenn man es z.B. mit den Tarifen der Universität Hildesheim vergleicht, einen Dr. h.c., mit pünktlicher Lieferung zum 50. Geburtstag für 500.000 € an Carsten Maschmeyer. Klar, "p" und "h" machen hier den Unterschied. Da aber nicht wenige gern den "h.c." vergessen (kann ja mal passieren), ist der Unterschied dann gar nicht mehr so groß. Ich bin sicher, der Dr. p.c. wird ein Renner und die Hochschulleitung wird bald die Nachfrage nur noch über eine "Drive in"-Lösung auf dem Campus befriedigen können.
2. Yes We camp
emiliolojo 20.05.2011
Zitat von Rainer DaeschlerEine gute Idee und sogar preiswert, wenn man es z.B. mit den Tarifen der Universität Hildesheim vergleicht, einen Dr. h.c., mit pünktlicher Lieferung zum 50. Geburtstag für 500.000 € an Carsten Maschmeyer. Klar, "p" und "h" machen hier den Unterschied. Da aber nicht wenige gern den "h.c." vergessen (kann ja mal passieren), ist der Unterschied dann gar nicht mehr so groß. Ich bin sicher, der Dr. p.c. wird ein Renner und die Hochschulleitung wird bald die Nachfrage nur noch über eine "Drive in"-Lösung auf dem Campus befriedigen können.
Gegen die interresen der der oberen 10 000, Bildung fuer alle und echte demokratie jetzt.
3. Nur für obere Zehntausend?
Rubeanus 20.05.2011
Die Idee als solche ist schon begrüßenswert; die Preisvorstellung von 50.000 EUR für einen Doktortitel ist jedoch jenseits von gut und böse. Damit wird die soziale Spaltung der Gesellschaft auch in den akademischen Bereich getragen. Eine sozial ausgewogene Preisstruktur für Doktorgrade könnte etwa so aussehen: Dr. rer. nat: 99,95 EUR Dr. jur.: 19,95 EUR Dr. rer. pol.:9,95 EUR Für Bedürftige sowie für angehende Akademiker mit Migrationshintergrund kann die Gebühr erlassen werden. Vorteil außerdem: Dem sich in Deutschland abzeichnenden Akademikermangel wird wirksam vorgebeugt.
4. Zu wenig
niepmann 20.05.2011
Zitat von Rainer DaeschlerEine gute Idee und sogar preiswert, wenn man es z.B. mit den Tarifen der Universität Hildesheim vergleicht, einen Dr. h.c., mit pünktlicher Lieferung zum 50. Geburtstag für 500.000 € an Carsten Maschmeyer. Klar, "p" und "h" machen hier den Unterschied. Da aber nicht wenige gern den "h.c." vergessen (kann ja mal passieren), ist der Unterschied dann gar nicht mehr so groß. Ich bin sicher, der Dr. p.c. wird ein Renner und die Hochschulleitung wird bald die Nachfrage nur noch über eine "Drive in"-Lösung auf dem Campus befriedigen können.
Mit der gebotenen Freiheit der Kunst sollte es möglich sein, das Sortiment zu erweitern. Dann kann ich mir einen Bundeswirtschaftsminister mit Plugin (Pensionsanspruch) kaufen. Mögen tue ich schon!
5. .
gfh9889d3de 20.05.2011
Zitat von sysopEin gekaufter Titel von einer staatlichen Hochschule, geht das? Martin Köttering, Präsident der Hamburger Kunsthochschule, meint ja -*wenn* Bürgermeister Scholz auch gleich einen Titel kauft. Doktor "des Geldes wegen" heißt der schräge Hut,*der unernst auf ernste Sorgen hinweist. http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,763782,00.html
Damit könnten auch die Doktorväter gemeint sein, die hier in ihrer ureigensten Rolle, der qualifizierten Betreuung des Doktoranden, so eklatant versagt haben. Schuld? Iwo... Begehrlichkeiten gibt es ja nicht nur in unmittelbar monetärer Form. Und sei es nur die Begehrlichkeit, ein Promotionsrecht ausüben zu dürfen und damit das Wirken der eigenen Eleven "wissenschaftlich" etwas aufzupimpen. Da schafft sich eine Kunsthochschule dann einfach einen eigenen, sehr exklusiven Titel ("Dr. phil. in artibus"). Und schon wirken die Eleven beim Wettbewerb um die nächste Documenta-Projektstelle gleich viel leckerer....
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Zur Person
HfbK
Martin Köttering, 46, studierte Kulturwissenschaften und Ästhetische Praxis an der Universität Hildesheim und Bildende Kunst in Bath, England. Er arbeitete als Assistent von Jan Hoet für die documenta 9 und als Leiter der Städtischen Galerie in Nordhorn sowie des offenen Museums kunstwegen. Seit 2002 ist er Präsident der HFBK Hamburg .
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