Optionszwang für Zuwanderer-Kinder: Wer zögert, verliert den deutschen Pass

Von Hannah König

Das sogenannte Optionsmodell zwingt junge Deutsche mit doppelter Staatsbürgerschaft, sich für eine Nationalität zu entscheiden. Wer zu lange wartet, verliert den deutschen Pass. Jetzt wird es für die ersten Optionskinder ernst: Drei von ihnen erzählen, für welche Heimat ihr Herz schlägt.

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Doppelte Staatsbürgerschaft: Ein Pass muss weg
Sahan Kilic ist deutscher Staatsbürger. Er ist in Hannover geboren und aufgewachsen, spricht fließend Deutsch und studiert deutsche Rechtswissenschaften. Die Bundesrepublik ist seine Heimat.

Aber Kilic ist auch Türke. Seine Eltern stammen aus der Türkei, er spricht fließend Türkisch. Zu Hause feiern sie traditionelle Feste und trinken türkischen Mokka. Der 22-Jährige hat zwei Identitäten, er ist "halb deutsch und halb türkisch", sagt er.

Doch Kilic darf nicht beides sein. Denn das deutsche Einbürgerungsrecht sieht keine Mehrstaatigkeit vor. Mit 18 bekam er einen Brief von der Behörde, der ihn dazu aufforderte, eine seiner zwei Staatsbürgerschaften abzulegen. Als sogenanntes Optionskind musste Kilic sich für Deutschland entscheiden - oder er wäre mit 23 automatisch ausgebürgert worden.

Seit der Reform des Staatsangehörigkeitsrechts bekommen die Optionskinder zwar einen deutschen Pass, sind aber erst einmal Deutsche unter Vorbehalt. Zwischen dem 18. und 21. Lebensjahr müssen sie sich für eine der beiden Staatsangehörigkeiten entscheiden. Wer den Stichtag versäumt, verliert mit 23 automatisch den deutschen Pass.

Dieses Jahr wird es für die ersten Optionskinder Ernst. Denn die Reform enthielt eine Übergangsregelung, nach der auch Kinder unter zehn Jahren zusätzlich den deutschen Pass erhalten konnten. 3300 von ihnen vollenden 2013 ihr 23. Lebensjahr. Eine Deutschtürkin aus Hanau war Anfang des Jahres das erste Optionskind bundesweit, das den deutschen Pass abgeben musste. Sie hatte zwar die Entlassung aus der türkischen Staatsangehörigkeit beantragt, konnte aber die Entscheidung der türkischen Behörden nicht rechtzeitig vorlegen.

Bis zu 40.000 Kinder jährlich betroffen

In den nächsten Jahren wird die Zahl der Optionskinder deutlich steigen. 2018 werden 40.000 Kinder gezwungen sein, sich zwischen zwei Staatsangehörigkeiten zu entscheiden. Betroffen sind vor allem Jugendliche mit einer türkischen Staatsbürgerschaft und aus dem ehemaligen Jugoslawien.

In vielen anderen Fällen wird die Mehrstaatigkeit dagegen akzeptiert. Bürger der Europäischen Union und der Schweiz sind nicht betroffen. Außerdem wird von der Optionspflicht abgesehen, wenn die Aufgabe der Staatsangehörigkeit nicht oder nur sehr schwer möglich ist.

So gibt es weltweit etwa ein Dutzend Länder - darunter Marokko, Syrien und Iran - die grundsätzlich niemanden aus der Staatsangehörigkeit entlassen. In diesem Fall muss trotzdem bis zum 21. Lebensjahr ein Beibehaltungsantrag gestellt werden.

Laut einer Studie des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge wissen die Optionskinder nicht genug über ihre Rechte und Pflichten. Oft ist ihnen nicht klar, dass sie ihre deutsche Staatsangehörigkeit verlieren, wenn sie sich nicht rechtzeitig bei den Behörden melden. Für ein Fünftel der Betroffenen ist das Optionsverfahren eine Belastung, sie fühlen sich überfordert und zu jung für die Entscheidung.

Manche zögern die Entscheidung lange hinaus, weil sie auf eine Gesetzesänderung oder auf den EU-Beitritt ihres Herkunftslandes hoffen. Die allermeisten Optionskinder behalten am Ende aber ihren deutschen Pass. Pragmatische siegen schließlich über emotionale Argumente. Eine leichte Entscheidung ist es aber nur für die wenigsten.

Hier erzählen drei Optionskinder, was die Regelung für sie bedeutet, wo sie sich zu Hause fühlen und wo sie ihre Zukunft sehen. Klicken Sie auf die Überschriften, um zu den einzelnen Protokolle zu gelangen.

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Das Optionsmodell
Seit der Reform des Staatsangehörigkeitsrechts im Jahr 2000 erhalten in Deutschland geborene Kinder von Ausländern mit unbefristetem Aufenthaltsstatus neben der Staatsangehörigkeit der Eltern auch die deutsche Staatsbürgerschaft (Geburtsortprinzip). Vorher bekamen die Kinder nur dann den deutschen Pass, wenn mindestens ein Elternteil deutscher Staatsbürger war (Abstammungsprinzip). Im Rahmen einer Übergangsregelung konnten auf Antrag außerdem auch Kinder, die zwischen 1990 und 2000 geboren sind, die deutsche Staatsangehörigkeit erwerben. Die sogenannte Optionspflicht zwingt die Betroffenen jedoch, sich zwischen dem 18. und dem 23. Lebensjahr für eine der beiden Staatsangehörigkeiten zu entscheiden.
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Internationale Absolventen: Denn sie wissen nicht, wie sie bleiben sollen

Das neue Integrationsprogramm
Fast 200 Seiten stark ist das Integrationsprogramm des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Darin haben Experten die bestehenden Integrationsmaßnahmen zusammengefasst und Empfehlungen für die Weiterentwicklung gegeben. Ein Überblick:
Deutschkenntnisse
Der Bericht betont die Rolle von Deutschkenntnissen für die Integration. Die Angebote zur sprachlichen Bildung in Kindertageseinrichtungen und Schulen müssten eng aufeinander abgestimmt sein - auch zwischen den verschiedenen Bundesländern. Empfohlen werden gemeinsame Angebote zum Deutschlernen für Eltern und ihre Kinder.
Integrationskurse
Der Bericht empfiehlt, die Integrationskurse mehr zu nutzen, um die Teilnehmer für den Arbeitsmarkt fit zu machen. So sollten Migranten stärker auf berufsbezogene Deutschkurse im Anschluss an den Integrationskurs hingewiesen werden. Zudem müsse darauf geachtet werden, dass nicht zu viel Zeit vom Abschluss des Integrationskurses bis zu einem Eintritt in den Beruf vergehe.
Lehrer mit Migrationshintergrund
Die Experten plädieren dafür, mehr Lehrer mit ausländischen Wurzeln zu gewinnen. Sie seien an deutschen Schulen immer noch die Ausnahme. Sie könnten Kenntnisse in Herkunftssprachen und Einblicke in andere Traditionen und Kulturen in den Unterricht einbringen. Damit die Aufnahme eines Studiums - auch auf Lehramt - nicht am Geld scheitert, werden Stipendienprogramme angesprochen.
Verbände
Sie sollten sich stärker für junge Migranten öffnen, rät der Bericht. Angeregt wird eine stärkere Zusammenarbeit mit Schulen und Migrantenorganisationen. Menschen mit Migrationshintergrund könnten dabei eine Art "Brückenfunktion" wahrnehmen, um junge Leute für die Verbandsarbeit zu gewinnen.

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Zeitleiste: Chronik der Integration in Deutschland