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Studenten unterstützen Prostituierte: Komm, wir helfen auf dem Strich

Von Marie-Charlotte Maas

In Münster helfen Studenten Frauen, die auf den Strich gehen Zur Großansicht
Christian Pankratz

In Münster helfen Studenten Frauen, die auf den Strich gehen

Andere schauen weg, die Studenten gehen hin: In Münster kümmern sich Studenten um die Huren der Stadt. Ein trauriger, anstrengender Job. Denn die Geschichten der Frauen sind manchmal kaum zu ertragen.

Wenn es dunkel wird in der reichen Beamtenstadt Münster, verwandelt sich die Siemensstraße in den städtischen Billigstrich. Frauen in kurzen Lederröcken und engen Tops warten dann vor Autohäusern und Bürogebäuden auf die Freier.

Auch die beiden Studenten Anna und Josef sind oft in der Siemensstraße, die beiden arbeiten als ehrenamtliche Streetworker für "Marischa", ein Studentenprojekt, dem sich schon knapp 20 junge Theologen, Juristen, Philosophen und andere junge Männer und Frauen angeschlossen haben. Die Marischa-Mitarbeiter bringen den Prostituierten Kondome, schenken heißen Tee aus - und hören zu, wenn sie Probleme haben.

Wie kommt es, dass Studenten einen Job übernehmen, der an manchen Tagen nicht ganz ungefährlich ist?

Die Antwort ist einfach: Weil es sonst keiner macht in Münster, wo immer wieder über die Siemensstraße gestritten wurde, weil viele Anwohner die Frauen am liebsten loswerden würden. Und weil viele der Prostituierten sich nicht auskennen in Deutschland, bei alltäglichen Dingen überfordert sind und dringend Hilfe benötigen.

Kondome, Colaflaschen, Plastikbecher und Visitenkarten

"Uns geht es doch gut", erklärt Josef, der seinen richtigen Namen nicht nennen will - aus Angst vor Zuhältern und Freiern, denen ihre Arbeit missfallen könnte. "Wir können studieren und haben keinerlei Probleme. Also wollen wir denjenigen, die weniger Glück im Leben haben, etwas abgeben."

An einem Abend im Oktober treffen sich Anna und Josef zum Dienstantritt vor einem Cineplex-Kino in der Nähe der Siemensstraße. Während andere Menschen in die Spätvorstellung gehen, wollen die beiden Studenten in den nächsten zwei Stunden über den Strich laufen und schauen, wo sie helfen können. Ihre beiden Kollegen Christian und Alex werden ihnen langsam mit einem Auto folgen, um zur Not Hilfe rufen zu können - eine Vorsichtsmaßnahme, schließlich weiß man nie, wem man so begegnet auf Münsters sündiger Meile.

Josef öffnet den Kofferraum des Autos und zieht einen bunten Beutel voller Kondome, Colaflaschen, Plastikbecher und Visitenkarten heraus. Darauf steht eine Handynummer, die die Frauen jederzeit anrufen können, wenn sie Fragen oder Probleme haben. Zehn Minuten später geht es los.

30 Euro für einmal schnellen Sex

Wie viele Frauen genau auf dem Straßenstrich von Münster anschaffen, lässt sich schwer sagen, meist sind es an einem Abend zwischen 15 und 20. Das städtische Gesundheitsamt schätzt, dass in Münster etwa 400 Huren arbeiten, der größte Teil davon allerdings in Bordellen oder Privathaushalten. Die Siemensstraße gilt Freiern als ein Ort, an dem man vergleichsweise billig an Sex kommt: Die Prostituierten nehmen höchstens 50 Euro für eine schnelle Nummer, einige begnügen sich - je nach Dienstleistung - auch mit 30 Euro.

Viele der Prostituierten, um die sich die Marischa-Leute kümmern, kommen aus Bulgarien und Russland. Einige sind gerade mal 20 Jahre alt, andere schon Großmütter, das haben sie Anna und Josef erzählt. "Viele stammen aus bitterarmen Verhältnissen, sind nie zur Schule gegangen und bekamen sehr früh Kinder, die sie dann in ihrer Heimat zurückgelassen haben."

Die Studenten sind mittlerweile bekannt auf dem Strich, sie kennen all die Geschichten über gewalttätige Freier, kaputte Familien und Träume, die wahrscheinlich nie in Erfüllung gehen werden. Viele der Frauen vertrauen den Marischa-Leuten mittlerweile, doch es dauerte viele Monate, bis es so weit war.

"Freier sind vollkommen schamlos"

Es war am 18. April 2013, als sich Josef, der Gründer des Projekts, zusammen mit einer Kommilitonin das erste Mal auf den Weg in die Siemensstraße machte. Sie hatten von ähnlichen Projekten in anderen Städten gehört und einige Monate lang recherchiert, was man beachten muss bei dieser Form der Sozialarbeit. "Ich wusste daher, dass in großen Städten ehrenamtliche Streetworker von den Zuhältern schon mal mit Messern oder Waffen bedroht werden", erinnert sich der 34-jährige Doktorand der Theologie.

Über die münsterschen Verhältnisse wusste er damals wenig, Ordnungsamt und Polizei bezeichneten das Gebiet auf seine Nachfrage hin aber als sicher. Dennoch war er ziemlich angespannt, als er auf die Frauen zuging - und tatsächlich kam auch bald ein Typ zu ihnen herüber, der irgendwo in der Nähe gelauert haben musste.

Der Mann wollte wissen, was er und seine Kommilitonin dort zu suchen hätten. Heute kann Josef darüber lachen, "damals habe ich mir fast in die Hose gemacht". Die Situation ging gut aus, der Zuhälter warf einen Blick auf die Visitenkarte und verabschiedete sich wieder.

Die Marischa-Leute bekamen die Zuhälter danach nur noch selten zu Gesicht, und bisher gab es keine Probleme. "Aber wir wissen, dass sie sich immer irgendwo im Hintergrund aufhalten", sagt Anna. Angst macht ihr das nicht. Oder nicht mehr. Sie ist lange genug dabei, um sich an die Situation gewöhnt zu haben. Unangenehm ist aber oft das Zusammentreffen mit den Freiern. "Die sind vollkommen schamlos, greifen sich vor unseren Augen in die Hose. Da bekommt man einen Eindruck davon, wie grob die Frauen teilweise behandelt werden."

Die Geschichten sind kaum zu ertragen

Für die Huren ist die 27-jährige Anna die wichtigste Ansprechpartnerin. Sie studiert Islamwissenschaften und hat Türkisch gelernt, eine Sprache, die viele der bulgarischen Frauen ebenfalls sprechen können. Anna begleitet einige von ihnen zum Frauenarzt, zum Gesundheitsamt, zum Deutschkurs. "Ich fühle mich für die Frauen verantwortlich. Sie vertrauen mir, schließlich begleite ich sie in sehr intimen Situationen", sagt Anna.

Am Ende der rund zweieinhalb Kilometer langen Strecke über Münsters Straßenstrich warten Alex und Christian im Auto; mittlerweile ist es halb zwölf. Alle sind ein wenig erschöpft. Vom Laufen, aber auch vom Zuhören. Manche der Geschichten, die die Frauen ihnen am Abend erzählt haben, seien mal wieder nicht einfach zu ertragen gewesen.

Etwa die der jungen Frau, die gerade ihren kleinen Sohn zu Hause in Bulgarien besucht hat und mit Tränen in den Augen ein Foto von ihm zeigte: "Der Junge lebt bei seinen Großeltern, das ist für sie als Mutter natürlich sehr schwer", berichtet Anna. Die Marischa-Leute versuchen nicht, die Huren zum Ausstieg zu bewegen - das würde wahrscheinlich auch nicht funktionieren, weil viele Frauen keine Alternative für sich sehen. "Aber wir wollen ihnen das Gefühl geben, dass jemand da ist, der sich für sie interessiert und zuhört", sagt Josef.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 54 Beiträge
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1. Menschen helfen Menschen. Eine schöne Geschichte!
herrbausb 12.01.2015
"Uns geht es doch gut, also wollen wir denjenigen, die weniger Glück im Leben haben, etwas abgeben." könnte der Leitspruch für viele sein. In Essen spielten Sexarbeiter im Theater vor Publikum ohne Tabus sich selbst: http://www.bochumschau.de/pornoladen-theater-schauspiel-essen-2013.htm
2. Nett
americanangel 12.01.2015
Respekt an die zwei aufopfernden jungen Menschen. Ich wünsche euch alles beste und hoffe ihr kriegt bald eine Belohnung für diese tollen Tätigkeiten.
3.
Morrison 12.01.2015
Der Artikel musste ja von einer Frau geschrieben werden!
4.
ich2010 12.01.2015
super aktion!!! ich würde mir wünschen, dass es sehr viel mehr davon gäbe. und v.a. dass das beispiel schule macht und auch andere menschen, die von der gesellschaft an den rand gestellt werden, eine solche unterstützung finden. das wäre doch ein genialer weg vorurteile gegenüber flüchtlingen oder menschen mit anderer religionszugehörigkeit abzubauen!!
5. Warum?
u30 12.01.2015
Zitat von MorrisonDer Artikel musste ja von einer Frau geschrieben werden!
Warum? Ich kenne durchaus viele reflektierte, empathiefähige Männer (wie ja auch die Studenten in dem Artikel). Schreiben sie gerne einen Artikel über den Schwulenstrich...
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