Oh, du hinterhältiges Internet, wie hast du mich heute in Versuchung geführt! Zuerst ruft Michael von der Fachschaft an: "Kannst du bitte schnell mal deinen Flyerentwurf per Mail schicken? Wir müssen die jetzt drucken." Sorry, kein Internet, keine Mails. Dann fällt mir ein, dass ich eine Seminaraufgabe bis morgen noch nicht komplett erledigt habe: "Recherchieren Sie Daten zu Heinrich dem Seefahrer."
Solche Aufgaben gibt es in diesem Seminar immer. Wir klicken uns schnell durchs Netz und lesen einander jeden Donnerstag Wikipedia-Wissen vor. Die historischen Persönlichkeiten werden regelmäßig zu dem zurechtgestutzt, was das Online-Lexikon über sie weiß.
Wieder versuche ich mein Glück in der Bibliothek. Es gibt eine Lehrbuchsammlung, es gibt Geschichtsbereiche. Ich greife mir Überblickswerke und notiere die ersten Fakten zum Seefahrer-Heinrich. Dann versuche ich die Freizeitabteilung, dort gibt es auch eine Sparte für Biografien. Tom Cruise, John Lennon, Hitlers Klavierspieler und dann Heinrich, aber der Achte.
Genervt bettele ich bei der Information um Hilfe: Wie finde ich bloß in mehr als drei Millionen Titeln ein bestimmtes Buch, ohne im Online-Netzwerk der Bibliothek nachzuschauen?
Die Frau am Schalter schaut erst pikiert, dann amüsiert. Sie deutet auf einen Schrank mit Karteikärtchen. Dieser Schrank steht direkt im Foyer der Bibliothek, umringt von gut 50 Computern. Er war mir noch nie aufgefallen. Während ich die teils antiken handschriftlichen Kärtchen durchgehe, hallt um mich herum das Tastaturengeklapper. Fast jeder Rechner ist besetzt. Am Karteischrank stehe ich ganz alleine.
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