Ende einer Kult-Kneipe: Servus, ranziges München

Von Christopher Haarhaus

Sie ist mit das letzte schmutzige Stück München: Der Kultkneipe Schwabinger 7 droht die Abrissbirne. Drei Münchner Studenten versuchten, das Bierlokal zu retten - und legten sich mit dem Oberbürgermeister an. Beistand kam ausgerechnet von der ordnungsliebenden CSU, am Ende half alles nichts.

Ende eines Kult-Lokals: In Schwabing gab's a Kneipn... Fotos
Christopher Haarhaus

In der Schwabinger 7 ist alles dunkelbraun bis tiefschwarz, Boden, Wände, Stehtische, Bar und auch die Decke. Die Kneipe ist ein wahrhaft finsteres Loch.

Für die drei Münchner Studenten Florian, Tobias und Johanna war der Dienstag, an dem die Schwabinger 7 starb, so düster wie das Interieur der Kultgaststätte. Und es war das Ende eines langen Kampfs um eine Kneipe, die Münchner Stadtgeschichte geschrieben hat - so sehen sie es und und mit ihnen ihre Initiative "Rettet die Münchner Freiheit".

Christian Ude, Oberbürgermeister von München, gebürtiger Schwabinger und früher mal Mieteranwalt für kleine Leute, sieht es anders: Es gehe um "eine Saufkneipe in einer ehemaligen Baubaracke", ätzte Münchens ewiger OB in der "Süddeutschen Zeitung". Die Schwabinger 7 sei das völlig falsches Beispiel, wenn man sich gegen Gentrifizierung engagiere - also gegen die rein marktwirtschaftlich betriebene Aufwertung eines Stadtviertels mit Luxusbüros, Hotels und teuren Eigentumswohnungen.

Schick bauen im ehemaligen studentischen Epizentrum

Die Kampagne zur Rettung der "Schwasi", wie das finstere Kneipenloch in der Feilitzschstraße nahe der Münchner Freiheit auch heißt, begann Ende April in einer Studenten-WG. Kurz zuvor hatten Johanna Schmölders, Florian Raabe und Tobias Rutloff erfahren, dass in ihrer Nachbarschaft die legendäre Absturzkneipe abgerissen werden soll, um Platz für Luxus-Wohnungen zu schaffen.

Täter im Fall München-Schwabing: der Investor Hamburgische Immobilien Handlung. Die Firma will dort, wo bislang die Kneipe und ein Kino stehen, eine Luxus-Immobilie für 39 Millionen Euro bauen. Noch am Abend, an dem er die schlechte Nachricht erhalten hatte, setzte sich Florian an seinen Rechner, gründete erste Facebook-Gruppen und überlegte, wie der Protest funktionieren könnte.

"Ich habe mich gefragt: Wie krass will der Florian das eigentlich aufziehen?", sagt sein Mitbewohner Tobias. Die Studenten knüpften erste Kontakte zu Wirten und Kulturschaffenden im Viertel und stellten fest: Es muss schon eine Bürgerinitiative sein, um ernst genommen zu werden. Bei der ersten Pressekonferenz - stilecht in der Schwabinger 7 - waren knapp 20 Journalisten dabei, "darauf waren wir überhaupt nicht vorbereitet. Das Ganze lief dann auch entsprechend unprofessionell ab", sagt Florian Raabe. Dass anschließend noch Polizisten im Mannschaftswagen anrollte, weil sie eine illegale Versammlung vermuteten, vergrößerte das Chaos zusätzlich.

"Ein Stück Münchner Wildnis verschwindet"

Souveräner verlief der erste Aktionstag im Mai. Neben Kleinkünstlern aus dem Viertel traten Größen wie der Münchner Liedermacher Konstantin Wecker und der Kabarettist Frank-Markus Barwasser auf. "Sogar Michael Mittermaier kam vorbei und fragte spontan, ob er mitmachen darf", erinnert sich Tobias. Auch die Prominenz fürchtete die weitere Verhunzung ihres Stadtteils, der mittlerweile ohnehin nur noch außerhalb der Stadt als legendär gilt - und zwar vor allem wegen Schwabings wilder Geschichte.

Einst war das Viertel das Bayerns studentisches Epizentrum mit revolutionärem Potential. Das Party- und Kulturleben florierte, 1962 sorgten die vier Tage andauernden Schwabinger Krawalle für Schlagzeilen, ausgelöst durch einen Polizeieinsatz gegen junge Straßenmusiker. Auf den zahlreichen Schwabinger Bühnen wurden Kabarettisten wie Dieter Hildebrandt groß. Das alte Flair ist weitestgehend dahin - aber etwas hatte überlebt und blieb über Jahrzehnte gleich: die Schwabinger 7.

Seit den fünfziger Jahren haben Münchens Nachteulen hier ihre letzte Halbe verputzt, vom Künstler bis zum Komasäufer, Münchner und Zugereister gleichermaßen. Im Frühjahr wurde der Entschluss, die karge Bar dem Erdboden gleich zu machen, zum Symbol für ein absterbendes Quariers.

Gentrifizierung? Eigentlich "ein klassisches SPD-Thema"

Ein "Stück Münchner Wildnis" gehe verloren, sagte Florian Raabe, er beklagt, dass die Stadt dann noch steriler werde - "dabei braucht München seine Schmuddelecken". Aber das interessiert den Investor aus dem Norden herzlich wenig.

"Ein klassisches SPD-Thema" sei die Gentrifizierung, sagt Medizinstudent Raabe. Die Rathaus-SPD aber wollte nicht auf den Zug aufspringen, Oberbürgermeister Christian Ude positionierte sich klar pro Abriss. Ausgerechnet für die CSU stellte Kultusminister Ludwig Spaenle einen Antrag auf Denkmalschutz der Baracke, der aber scheiterte.

Dass sich die Christsozialen gegen den Abriss einsetzen, ist kurios: Schließlich stimmten CSU-Stadträte wiederholt gegen die "Erhaltungssatzungen" in München. Sie sollen verhindern, dass Einwohner aus ihren angestammten Vierteln vertrieben werden.

Jetzt ist "die Schwasi" zu, der Abriss wohl unabwendbar. Ende 2012 soll die Luxus-Immobilie an ihrer Stelle stehen. Auch wenn die Holztür der kultigen Kneipe wohl nie mehr für Gäste öffnen wird - Kampagnen-Initatorin Johanna Schmölders ist trotzdem stolz darauf, "dass wir gezeigt haben, wie viel Aufmerksamkeit man erreichen kann". Vergebens - denn in der Nacht zum Mittwoch, um zwei Uhr morgens, zapfte der Barmann das letzte Bier.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 57 Beiträge
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1.
feuercaro1 29.06.2011
Ja, es ist eine Schande. Die gleiche Schande, die sich Hamburg gerade mit dem Schanzenviertel leistet und sich auf der Fleetinsel bereits geleistet hatte. Berlin kommt auch noch dran - allein die schiere Größe und die Mittelverdichtung hat das bislang einigermaßen verhindert. Und wer bitte hat das Märchen aufgebracht, die SPD würde die Gentrifizierung nicht fördern? In Hamburg haben 44 Jahre SPD mehr Vernichtung historischer Bauten und damit auch Atmosphäre verursacht, als man sich vorstellen kann. Die paar Jahre CDU danach haben den sozialen Wohnungsbau auf nahe Null gebracht - prima. Das Ergebnis ist akute Wohnungsnot und verzweifelte innerstädtische Bewohner, die erbittert darum kämpfen, in ihren alten Vierteln wohnen bleiben zu können. Die Vorstellung, das Leute mit kleinerem Einkommen in die Schlafstädte am Stadtrand ziehen müssen, während die akademisch gebildeten Besserverdiener sich deren alte Stadtviertel krallen, weil es dort so schön kreativ und original basic duftet, ist leider Wirklichkeit geworden. Der Duft wird verfliegen, Schickiladen für Schickiladen. Es ist eine SCHANDE!
2. .
RobinB 29.06.2011
Schade, Profitgier hat wieder gegen die Anwohner gewonnen! Ich habe das jetzt schon zweimal selber mitgemacht: nachdem man ueber 10 Jahre wo wohnt und sich an die schrulligen Einzigartigkeiten des Stadtteils gewoehnt hat, kommt irgendein Investor, reisst alles nieder und baut Spekulationsobjekte mit ein Paar "Starbucks" dazwischen. Und schon sieht alles aus, wie ueberall sonst auch. Die Mittel hierzu sind oft sehr dubios. "Denkmalgeschuetzte" Bauten kann man zum Beispiel einfach verrotten lassen, bis man "aus Sicherheitsgruenden" zum Abriss "gezwungen" ist. Einzelne Widerspenstige koennen "zum Wohle der Gemeinschaft" enteignet werden. Die Anwohner werden jedenfalls selten gefragt, was sie gerne haetten. Zeit zu verschwinden!
3. Verfilzete Kneipe erhaltenswert?
README.TXT 29.06.2011
Nur weil ein paar Dauerstudenten ihr Wohnzimmer genommen wird und sie jetzt als Alternative mal nicht in der Kneipe rumgammeln sondern sich z.B. in der Bib die Nächte um die Ohren hauen könnten? Nur weil ein paar alte Promis dort vor 30 Jahren sich die Birne vollgedröhnt haben? Und sowas wird als erhaltenswerte Kultur verkauft? Ja wo samma denn? Weg mit dem versyphten Ding, ein echter Schandfleck ist das.
4. Feilitzschstraße 7
LurchiD 29.06.2011
Zitat von feuercaro1Die Vorstellung, das Leute mit kleinerem Einkommen in die Schlafstädte am Stadtrand ziehen müssen, während die akademisch gebildeten Besserverdiener sich deren alte Stadtviertel ......
Die Schwabinger Sieben war aber nie etwas "altes". Sie war ein provisorischer Schuppen in einer Brache, die der Weltkrieg geschlagen hatte, und ebenso provisorisch sahen in den guten alten Achzigern die zahnluckerten, aus den drogenhaltigen Siebzigern übriggebliebenen Stammgäste mit dem glasigen Blick denn auch aus. Das Klo war oft verstopft, und dann hat man sich halt in den Hof entleert. Die Musik war laut, und zu trinken gab es statt einem anständigen Bier Löwenbräu. Später wurden dann die Studenten und auch die Gäste der Schwabinger 7 wieder so gesittet wie vor '68 (siehe das Foto Nr.1 über dem Artikel); der Zauber des Wilden und Unbürgerlichen war dann schon vor zehn Jahren vorbei, und der Kenner fragt sich, was man denn da heutzutage noch schützen will, ist doch der Zeitgeist der Siebziger und Achziger ja schon längst in alle Winde verflogen.
5. Ein Lösungsansatz
a.weishaupt 29.06.2011
Das Gebäude wurde vermutlich mal als (Bomben-)Lückenfüller auf einem Trümmergrundstück gebaut. Also warum nicht folgendes: alte Archivfotos herausgekramt und der ursprüngliche Bau, vermutlich aus der Gründerzeit, wieder aufgebaut. Die Kneipe kann wieder ins Erdgeschoss einziehen, und für den Investor sollten die Wohnungen darüber und im Hinterhaus die gewünschte Rendite abwerfen. Wahrscheinlich wird aber wieder einer dieser gesichtslosen Glaskästen hingeklotzt. Zum Thema Gentrifizierung: man muss sich nicht wundern über überfüllte Altbauviertel, wenn 90% davon zerstört und nicht wieder aufgebaut wurden. Hammerbrook und selbst Rothenburgsort wären heute in Hamburg wohl angesagte Viertel, wenn sie nicht abgebrannt wären. Statt dessen schlagen sich die Leute auf der Ostseite um ein paar kümmerliche Reste in Winterhude und Hohenfelde. Der Rest besteht aus zu Rennstrecken ausgebauten Hauptstraßen und hellhörigen, hässlichen und nierigen 50er-Jahre-Backsteinbauten. Ab und zu erinnert mal ein wie ein Turm herausstehender Altbau an die ehemalige Pracht in Wandsbek, Eilbek und sogar Hamm oder Horn.
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4 Düsseldorf 338
5 Frankfurt-a.M. 337
6 Mainz 327
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20 Aachen 304
21 Mannheim 302
22 Braunschweig 302
23 Potsdam 301
24 Karlsruhe 300
25 Hannover 299
26 Regensburg 295
27 Marburg 294
Gilt für Standorte, für die Angaben von mindestens 50 Studierenden vorliegen; *einschließlich Nebenkosten (Bezugsgruppe "Normalstudent", arithm. Mittelwert in Euro)

Quelle: DSW/HIS 20. Sozialerhebung

...und die Plätze 28 bis 54
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Rang Standort Ausgaben für Miete*
28 Oldenburg 292
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32 Augsburg 289
33 Trier 289
34 Saarbrücken 288
35 Passau 288
36 Bamberg 286
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48 Jena 260
49 Magdeburg 253
50 Leipzig 251
51 Halle 249
52 Erfurt 248
53 Dresden 247
54 Chemnitz 211
Gilt für Standorte, für die Angaben von mindestens 50 Studierenden vorliegen; *einschließlich Nebenkosten (Bezugsgruppe "Normalstudent", arithm. Mittelwert in Euro)

Quelle: DSW/HIS 20. Sozialerhebung


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