Erst Student, dann Millionär: Das Pokerface aus der Bretagne

Von Christoph Wöhrle

Pokern kann ein ziemlich einträgliches Spiel sein. Den französischen Studenten Antoine Saout, 25, hat es zum Millionär gemacht. Sein Gesicht ist so regungslos wie das einer Echse, keiner kann darin lesen. Nun ist er Poker-Profi statt Ingenieur und nimmt die schwächeren Spieler aus.

AP

Der Schweiß perlt auf seiner Stirn. Antoine Saout lässt seine Spielchips durch die Finger gleiten. Es klingt, als zirpe eine Grille. Soll er seinen Einsatz erhöhen oder doch lieber aussteigen?

Pokern ist immer nervenaufreibend, doch für Saout, 25, geht es gerade um richtig viel. Denn der junge Franzose sitzt nicht in einer verrauchten Studentenküche in Paris, sondern am Tisch bei der World Series of Poker (WSOP) in Las Vegas und spielt um gut neun Millionen Dollar für den Sieger.

Saout ist Profispieler. Er hat es unter die letzten neun von anfangs knapp 6500 Mitspielern der Poker-WM geschafft, er sitzt am letzten Tisch des Wettkampfs, am sogenannten "Final Table". Es ist seine ganz große Chance. Saout grübelt, stützt die Stirn auf die Hand und blickt starr über den Tisch. Seine Beine stecken in einer weiten bequemen Jeans, auf dem Kopf trägt er ein Basecap mit französischer Flagge.

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Ja, ich zocke: Tschüß Ingenieurstudium, hallo Millionen

Fünf Stunden spielt Saout schon gegen die anderen acht Finalisten, er hat die meisten Chips von allen, er ist der "Chipleader". Sie türmen sich vor ihm wie Miniaturen von Hochhäusern, die Stockwerk um Stockwerk wachsen. Er kann das Ding jetzt wirklich gewinnen. Einer nach dem anderen scheidet aus. Doch am Ende wird Saout Dritter - und gewinnt dreieinhalb Millionen Dollar.

Zwei Könige auf der Hand, ein feiner Start

Zwei Monate nach seinem großen Erfolg in Las Vegas sitzt Saout in Wien und nippt an seinem Kaffee. Vor ein paar Monaten hat er noch in Paris studiert, Saout wollte Ingenieur werden. Jetzt ist er ein reicher Mann und Poker-Profi, sein Studium hat er abgebrochen. "Beides geht eben nicht", sagt er. Hier, im prunkvollen Wiener Auersperg Palais, läuft ein Spieler-Casting der Online-Poker-Plattform Everest. Bei dem Anbieter ist Saout unter Vertrag. Everest hat 200 zumeist junge, gute Spieler hierher eingeladen, zehn von ihnen sollen einen Profivertrag bekommen. "Genau so bin ich damals auch reingerutscht", sagt Saout.

Dass er einmal Millionär werden würde, hat ihm kaum einer zugetraut. Er ist ein schüchterner junger Mann, wirkt fast zart, seine Sätze sind kurz. "Man muss nicht immer reden", sagt Saout mit leiser Stimme. Aufgewachsen ist er im Städtchen Morlaix in der Bretagne, hat als Kind gern Fußball gespielt oder etwas mit seiner zwei Jahre jüngeren Schwester unternommen. In der Schule war er gut, vor allem in Mathe und Physik - was ihm heute beim Poker zu Gute kommt.

Denn Poker ist kein reines Glücksspiel. Das Einmaleins des Spielers ist die Wahrscheinlichkeitsrechnung. "Deswegen braucht man in manchen Spielen eine gewisse Bedenkzeit", sagt der Franzose. Ein Beispiel aus Saouts Millionen-Zock in Las Vegas: In einem Spiel hat er zwei Könige auf der Hand. Mit einem Paar liegt die Gewinnchance schon bei mindestens 54 Prozent. Saout muss nur hoffen, dass kein Mitspieler noch ein höheres Paar in der Hand hält. Und tatsächlich gewinnt er den Pot, also alles Geld, das in der Mitte liegt.

Wo einer viel gewinnt, müssen viele andere verlieren

Ein paar Spiele darauf hält er eine sechs und eine sieben als Startkarten. Auch hier bestimmen Wahrscheinlichkeiten die Strategie: In knapp 13 Prozent der Fälle erhält man nach den ersten drei Gemeinschaftskarten einen Straight Draw, also die Möglichkeit, mit einer weiteren Gemeinschaftskarte eine Straße bilden zu können.

Doch die Kartenkombination ist riskant. Saout entscheidet sich, die Hand aufzugeben und auszusteigen. Er investiert sein Kapital wie in einem Unternehmen. Er betreibt aktives Risikomanagement. Beim Spieler-Casting in Wien pokert er zum Spaß ein wenig mit. Wieder hat er eine gute Hand mit einem Ass und einem König. Er erhöht den Einsatz, drei weitere Spieler gehen mit.

Das kann schiefgehen, vielleicht verliert Saout jetzt. "Aber auf lange Sicht gewinnt man immer mehr, als man verliert, wenn die Gewinnschance bei über 50 Prozent liegt." Das klingt so, als könnte jeder, was er kann, und als wäre die einzig rationale Entscheidung, nicht mehr zu lernen, sondern nur noch zu spielen. Das ist allerdings ein gefährlicher Irrglaube. Laut Poker-Experten gewinnen nur etwa fünf Prozent aller Spieler mehr, als sie verlieren. Den großen Rest nehmen Spielern wie Saout aus wie fette Weihnachtsgänse.

Auch Psychologie ist wichtig beim Pokern; die bloße Fähigkeit, Wahrscheinlichkeiten und Erwartungswerte auszurechnen, reicht nicht aus. Ein guter Spieler stellt sich auf die Konkurrenten am Tisch ein und schnitzt sich ein Image. "Ich versuche, meine Gegner zu studieren", sagt Saout. Im Jargon der Zocker nennt man das den "Read", den anderen Spieler lesen. Saout versucht, seinem Gegenüber Unsicherheiten, Ängste, Vorlieben abzuspüren. Und damit das den anderen bei ihm nicht gelingt, setzt er das sprichwörtliche Pokerface auf.

Kartensport mit Koks, Sonnenbrille, MP3-Player

Oder Saout greift zu einem weiteren Mittel: zum Bluff. Er täuscht ein starkes Blatt vor, obwohl er nur Graupen auf der Hand hat. Saout lässt jetzt keine Gesichtsregung zu, erhöht den Einsatz ein ums andere Mal. Am Ende geht die Show auf, denn sie bewegt die Gegner in dem Wiener Probespielchen, aus dem Spiel auszusteigen - einer nach dem anderen.

Am Pokertisch gibt es keine Freundschaften. Manche Spieler nehmen Koks, um Müdigkeit zu bekämpfen, andere Tranquilizer, um emotionslos zu erscheinen. Neben Sonnenbrillen sind auch MP3-Player beliebt, um sich gegen die Mitspieler und Gefühlsregungen abzuschotten. Außerdem soll das sagen: Ich kann alles gleichzeitig. Saout braucht kaum Hilfsmittel, sein ausdrucksloses Gesicht ist sein bestes Werkzeug, es wirkt wie das einer Echse.

Poker und das viele Geld haben Saout, der noch bei seinen Eltern wohnt, ein wenig erwachsener gemacht. Sein Preisgeld hat er erstmal angelegt, doch ein wenig Pomp soll es für den unscheinbaren Jungen aus der Bretagne dann doch sein: "Vielleicht kaufe ich mir ein Apartment in Paris. Und einen Porsche gönne ich mir vielleicht auch." Sonst aber wolle er am Boden bleiben, Luxus sei ihm nicht so wichtig.

Bei der Poker-WM im November 2010 will Antoine Saout wieder dabei sein. Das Hotel Rio in Las Vegas, der Austragungsort, wird wieder in Rot und Pink strahlen und blinken wie eine gigantische Lichtorgel. Drinnen im Kasino werden die einarmigen Banditen im Dauereinsatz rattern. Eine Welt für Spieler.

Saout hofft, dann wieder ganz vorn dabei zu sein. Wenn einer gewinnen kann, dann doch wohl der Newcomer vom vergangenen Jahr, der regungslose Saout aus dem rauen Nordwesten Frankreichs. Aber ganz ohne Glück wird es nicht einmal er schaffen.

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insgesamt 7 Beiträge
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1. naja...
general_winter 05.03.2010
...als jemand, der was von dem spiel versteht, hab ich so meine probleme mit dem artikel, das ist doch alles arg vereinfacht beschrieben. wahrscheinlichkeitsrechnung und psychologie soll das geheimnis sein? spielt auf jeden fall ne große rolle, aber so simpel ist die sache dann doch nicht. da spielen noch bedeutend mehr faktoren hinein. aber okay, wenigstens schreibt ihr überhaupt was zu dem thema ;)
2. ein weiterer schlechter artikel über poker
elysian 05.03.2010
was soll die message dieses artikels sein? das man sein studium aufgeben sollte, um pokerprofi zu werden? dass fähigkeiten in mathematik und physik beim poker helfen? totaler unsinn. die paar zahlen und prozente, die man beim poker wissen muss, kann man an zwei händen abzählen und erlernt man in ein paar tagen, dazu benötigt man kein abitur. was man hingegen braucht, sind schlechte gegner, die es heutzutage kaum noch gibt, da jeder pokerneuling ein buch liest. und man braucht eine bankroll (bankrollmanagment), mit der man das jeweilige limit halbwegs risikofrei spielen kann. das ist eigentlich das wichtigste im poker, darauf geht aber niemand ein. daran scheitern die meisten. von psychische abgründen (tilt) mal ganz zu schweigen. den final table der WSOP (6500 teilnehmer) zu erreichen ist ungefähr so wahrscheinlich wie ein sechser im lotto - egal wie gut man ist. das ist hauptsächlich glück (trotz guter spielweise), man kann es auch varianz nennen. das buy-in des main events der WSOP kostet übrigens 10.000 dollar, vielleicht sollte man das den interessierten studenten noch mitteilen. man könnte den studenten auch empfehlen: geht ins casino und setzt euer ganzes vermögen bei roulette auf Rot...knapp unter 50% chance, zu verdoppeln. auch nicht schlecht. wahrscheinlicher, als bei der WSOP zu cashen. träumt weiter.
3. Poker nicht reines Glück
unbreakable 05.03.2010
Wenn der Artikel dazu dienen soll Poker in ein besseres Licht zu setzen und aus der Ecke des Glückspiels herauszuholen, hat der Autor meinen Segen dazu. Es wird an der Zeit die alte Rechtsprechung Poker=Glückspiel auszubessern. Die heute gespielte Texas Holdem Variante hat viel mit Geschiklichkeit zu tun als nur bloß mit den Karten die man zugedealt bekommt. Auch wie mein Vorredner schon richtig bemerkte gehört Bankrollmanagment, Disziplin, Geduld, Gegnereinschätzung und Tiltresistenz dazu um mit Poker auf lange Sicht Erfolg zu haben. Genau diese Eigenschaften sind nicht jedem in die Wiege gelegt worden und genau deshalb kann auch nicht jeder Pokerprofi werden nur weil er etwas spielen oder rechnen kann.
4. Geld
Sascha Dressler 06.03.2010
Dieser junge Pokerstar braucht keinen Luxus, nur ein Appartement in Paris und einen Porsche. Ein ganz normaler Mensch eben, der mit Mitte Zwanzig noch glaubt, mit drei Million auf dem Konto bräuchte man nie wieder ernsthafter Arbeit nachgehen... Tja. Wieder jemand der lernen wird, dass man sich Verstand nicht kaufen kann. Die deutsche Pokerszene ist in meiner Wahrnehmung ein zockender Karnevalsverein, voller James Bonds und Le Chiffres, die so tun als sei Englisch ihre Muttersprache. Dazu noch Plastik-Chip-Herumklapper-Fetisch und Imponiergehabe wie auf dem Pavian-Felsen des Kölner Zoos.
5. Na, sind wir ein wenig neidisch?
fredclausen 06.03.2010
Zitat von Sascha DresslerDieser junge Pokerstar braucht keinen Luxus, nur ein Appartement in Paris und einen Porsche. Ein ganz normaler Mensch eben, der mit Mitte Zwanzig noch glaubt, mit drei Million auf dem Konto bräuchte man nie wieder ernsthafter Arbeit nachgehen... Tja. Wieder jemand der lernen wird, dass man sich Verstand nicht kaufen kann. Die deutsche Pokerszene ist in meiner Wahrnehmung ein zockender Karnevalsverein, voller James Bonds und Le Chiffres, die so tun als sei Englisch ihre Muttersprache. Dazu noch Plastik-Chip-Herumklapper-Fetisch und Imponiergehabe wie auf dem Pavian-Felsen des Kölner Zoos.
Na Herr Dressler, ein wenig neidisch? Der eine pokert halt ein wenig und freut sich dann des Lebens - der andere arbeitet sein Leben lang und freut sich dann evtl. ein wenig ... ... ist doch Klasse, wenn einer diesem Hamsterrad entfliehen kann! Ein schönes Wochenende, es folgt wieder eine harte Arbeitswoche! Fred
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