Von Doris Anselm und Julia Riedhammer
Sie mögen sich ja. Klar. Respektieren einander. Aber auf Familienfeiern dürfen Max und seine Tante schon lange nicht mehr nebeneinander sitzen. Ärger an der Kaffeetafel ist dann so gut wie sicher. Und fast immer geht es um Politik.
Aber heute dürfen die beiden aufeinander losgehen. Vor der Kamera, hinterm Rednerpult. Inge hebt die Faust auf Höhe der Schulter und streckt das Kinn nach vorn: "Venceremos!", sagt sie mit dickem Pathos, "wir werden siegen!" Max lässt sich nicht provozieren. Oft antwortet er mit einem ähnlich strammen Spruch. "Mittlerweile begrüßen Max und ich uns immer so", lacht Inge. Der Kampf ist eröffnet.
Zuerst das Plädoyer der Kommunistin: Inge will einen gesetzlichen Mindestlohn. Sie stützt sich aufs Pult und richtet den Blick entschlossen auf ihren Neffen. "Wenn ein Mensch von seinem Lohn nicht leben kann, dann tangiert das seine Würde", fängt sie an. Ihre Stimme ist fest - wie die politische Überzeugung, die schon zu DDR-Zeiten hatte. Eine Gesinnung legt man eben nicht einfach ab. Erst recht nicht, wenn man 75 Jahre alt ist.
Max sieht die Sache mit dem Lohn ganz anders. "Wenn ein Betrieb die Gehälter nicht zahlen kann und seine Mitarbeiter entlässt, ist keinem geholfen", beginnt er seine Rede. Seit neun Jahren ist Max Mitglied der Jungen Union. Aufgewachsen ist er in Ostberlin. Vielleicht ist das seine Rebellion: konservativ sein. Und dem Staat nicht zu viel Macht überlassen - vor allem, wenn es um Wirtschaft geht.
Seine Tante kann sich da nur die grauen Haare raufen. Sie rüstet sich für den verbalen Gegenangriff. Aber im Grunde ist ihr klar: Schuld ist sie selbst. Schließlich hat Max seinen Spaß am Polit-Streit vor allem bei ihr gelernt.
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