Fernbeziehungskisten: Globalisierte Liebe

Johanna: 498 Kilometer, Oli: 864 Kilometer, Micke: 464 Kilometer; ich: 8401 Kilometer. Keiner von uns mag Fernbeziehungen. Keine von uns mag den Partner missen. Aber irgendwie überbrücken wir alle Raum und Zeit. Luise Strothmann spricht aus Erfahrung.

Man sucht sich den Mann, den man liebt, ja nicht nach der Adresse aus. Und der Mann, den man liebt, sucht sich den Arbeitsplatz auch nicht unbedingt nach seiner Freundin aus. Was wir in Ordnung finden, denn wir sind alle jung, emanzipiert, intelligent. Und wollen alle alles: jeder seine Selbstverwirklichung und eine Beziehung dazu.

Wir wohnen zu fünft in unserer Altbauwohnung in Leipzig (einer ist Single). Unsere Partner in Kaiserslautern, London, Ulm und Hangzhou.

Johanna studiert Buchkunst, die beste Schule ist in Leipzig. Ihr Freund Christoph wollte schon immer Theatermaler werden, jetzt hat er einen Ausbildungsplatz. In Kaiserslautern. Der ICE braucht fünf Stunden und zwanzig Minuten, zweimal umsteigen.

Wo die Liebe hinfährt

Manchmal rettet man sich damit, sich selbst abenteuerlich-exotisch zu finden. Zwei Städte, zwei Leben, rumkommen, unterwegs sein - Fernbeziehungen gehören zum mobilen Studentenleben wie Praktika und Erasmus.

Als ich Niklas kennenlernte, dachte ich manchmal: Es passt zu meinem Lebensgefühl, mit Anfang 20 einen Freund zu haben, der Philosophie studiert und in Kreuzberg wohnt. Berlin nannte ich meine Zweitstadt, es gefiel mir so.

Das ist jetzt zwei Jahre her. Leipzig-Berlin, Berlin-Breslau, Leipzig-Hangzhou. Erst 195 Kilometer, dann 347, jetzt weit über 8000. "Wir leben seit zwei Jahren zusammen", würde ich gern sagen. Darf aber das Wort nicht benutzen. Es ist reserviert für Paare, die zusammenleben.

Wir leben getrennt. Gemeinsam.

Es gibt da dieses Gefühl, wenn man sich vorkommt wie ein Paradebeispiel für seine Generation. Generation Fernbeziehung. Generation Globejetter. Wir trotten nicht, wir jetten um die Welt, auch wenn wir das nicht gern hören. Daniel (12.418 Kilometer) fliegt in den Semesterferien zu seiner Raquel nach Chile. Drei Monate Äthiopien, zehn Monate England, ein paar Wochen Kaliningrad, alle sprechen mehrere Sprachen, alle kennen viele Länder, alle haben im Ausland studiert, Praktika gemacht.

Was bei der Generation Globejetter auf der Strecke bleibt

In den letzten 15 Monaten bin ich achtmal umgezogen. Ich habe es aufgegeben, die Fotos meiner Freunde an ihren Wohnort auf einer Deutschland- und Weltkarte zu kleben - das Papier geht durchs viele Abreißen und Umsetzen kaputt.

Der Ausgleich ist eine Hysterie um Alltäglichkeit. Ich bin neidisch auf Beziehungsroutine, auf Normalität, auf Banalität. Darauf, einfach gemeinsam am Frühstückstisch zu sitzen, die nackten Füße auf dem Schoß des anderen, und schweigend Kaffee zu trinken. Man muss nicht immer sprechen, wenn man zusammen ist. Wenn nicht, ist es das einzige was bleibt.

Petra (1276 Kilometer) hat sich noch nicht entschieden, in welcher Sprache sie lieben will: Manchmal Englisch, manchmal Deutsch, manchmal Französisch. Sie haben sich in Frankreich kennengelernt, Petra aus Leipzig und Andy aus Nordirland. Einmal im Monat steigen sie ins Flugzeug, beim Telefonieren schauen sie sich über eine Kamera an. Wenn man gerade erst richtig zusammen war, ist es am schlimmsten.

Letzte Woche hat sich Johanna über den Hochschulaustausch mit Straßburg erkundigt, das ist in der Nähe von Kaiserslautern. Ich buche bald einen Flug nach China. Flexibilität hält nachts nicht warm.

Was mitnehmen, was nicht? Koffer packen: eine Checkliste

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Forum - Fernbeziehungen - was hält die Liebe aus?
insgesamt 176 Beiträge
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1. Meine Liebe war ganze 23.500 km von mir entfernt
Wins 08.11.2007
In Japan 2003 hatten wir uns im Studium kennengelernt. Meine Freundin kam aus Neuseeland (kommt aber aus Hongkong) und ich aus Deutschland zum Studium nach Japan fuer ein ganzes Jahr. 2004 mussten wir dann zurueck in unsere Laender und dies bedeutete fuer uns 23500 km voneinander entfernt. In den Semesterferien haben wir uns dann immer besucht. Eine Reise dauerte mehr als 50 Stunden. Alles Geld haben wir in die Fluege gesteckt und dann einfach die Zeit zusammen genossen. Die Beziehung war auch einmal gebrochen aber nur fuer wenige Wochen. Sonst haben wir uns der Zeitverschiebung angepasst und viel vor der Webcam gesessen. 2005 hatten wir beide unser Studium beendet. Meine Freundin ging zurueck nach Hongkong und ich bin direkt nach Hongkong gefolgt. Einfach in den Flieger gesetzt und in HK auf Jobsuche gegangen. Die Suche war auch erfolgreich und nun wohnen wir endlich zusammen in Hongkong. Dies war die kurze Version :) Also wenn die Liebe stark genug ist, dann kann auch diese nicht durch Welten getrennt werden.
2. alles kann geregelt werden
thomas21de 08.11.2007
Hi, ich selber habe eine Fernbeziehung seit fast sieben Jahren. Damals hatte ich nach meinem Abitur den Schritt unternommen ein Jahr ins Ausland zu gehen. Das war 2001, kurz vor dem 11 September entschied ich mich fuer ein Jahr als Au pair in die USA gehen zu wollen. Ich lernte damals meine Nachbarin kennen, bei der sich spaeter herausstellte, das es meine Freundin werden wuerde. Alles lief super, bis irgendwann mein Jahr vorueber war und ich meine Koffer packen musste. Der Abschied war sehr schwer, aber wir hatten uns entschieden es zu versuchen laenger zusammen zu bleiben. Ich selber fing mein Studium an. Dank der "Semesterferien" war ich im Stande jedesmal in die USA zu fliegen (Denver). Natuerlich hatte das zur Folge, das ich zum Ende der Semesterferien meinen Flug um weitere zwei bis drei Wochen nach hinten verschieben mussste um etwas laenger mit meiner Freund sein zu koennen. Meine Freunde in Deutschland konnten mir aber jedesmal aushelfen, indem ich ihre Notizen kopieren konnte. Zwar wurde es immer stressig die ersten Tage in der Uni, weil alles nachgearbeitet werden musste, aber irgendwann hatte man sich daran gewoehnt :). Jetzt bin ich wieder in Denver, diesmal aber nicht fuer zwei-drei Monate, sondern sage und schreibe 8 Monate als Student :):). Mein Tipp noch an alle, hoert nicht auf eure Freunde wenn die sagen : Das klappt sowieso nicht !.....:) So, jetzt muss ich schlafen gehen, jute nacht :), oder guten morgen Deutschland.
3.
zoddy 08.11.2007
Ich lebe jetzt seit etwa einem Jahr mit meiner Freundin, die einst 680km entfernt wohnte, glücklich zusammen. Ich bin über ein Jahr lang jedes Wochenende zu ihr gefahren. Diese Zeit war sehr schön, aber zugleich auch ungemein belastend. Man hat plötzlich keine Zeit mehr, am Wochenende den gewohnten Tätigkeiten nachzugehen, die Freunde stehen hinten an. Man richtet sein Leben so aufs Wochenende aus, dass man schon am Montag wieder an den Freitag denkt. Es ist alles andere als einfach, eine Fernbeziehung zu führen. Natürlich bietet es auch Vorteile. Unter der Woche führt man ein absolut normales Leben. Das Leben selbst hat sich unter der Woche nicht geändert, bis zum Tag der Abreise. Ich habe die Strecken mit dem Auto zurückgelegt und innerhalb eines Jahres gut zwei Sätze Reifen gebraucht, von den Spritkosten will ich gar nicht erst anfangen. An die 100000 Kilometer fordern eben ihren Tribut... Ich würde mich nicht mehr freiwillig in die Situation begeben, da der Abschied am Sonntag und die Teils endlosen Arbeitswochen doch sehr auf das Gemüt gedrückt haben. Wir sind beide begeisterte Anhänger des Online-RPGs World of Warcraft, über selbiges haben wir uns kennen gelernt. Ich kannte sie bereits mehrere Monate übers Internet, bevor wir uns überhaupt getroffen haben. Der einzige Vorteil, den ich der Fernbeziehung abgewinnen konnte, ist, dass die Beziehung durch die nur kurzen gemeinsamen Zeiten immer so bleibt, wie eine Beziehung in den ersten vier Wochen. Das ist sehr schön, dennoch sollte sich kein Paar dazu entscheiden, zusammenzuziehen, bevor man sich nicht mindestens einen Monat "Life" erlebt hat. Sowas könnte böse enden. Wichtig für Personen in dieser Lage finde ich auf jeden Fall, dass man sich ein Ziel setzt. Das Ziel Zusammenziehen. Auf Dauer brauchen beide etwas, woran sie sich in den harten Stunden der Einsamkeit festhalten können. Und ganz ehrlich, eine dauerhafte Fernbeziehung sägt sehr an den Nerven und ich glaube nicht, dass wir heute noch zusammen wären, wenn wir nicht zusammengezogen wären. Ich wünsche allen, die ähnliches durchmachen, viel Erfolg und ein Happy End. Grüße Zoddy
4.
torgum, 08.11.2007
ne Menge hält man aus... ob's schön ist, ist die andere Frage. Wir hatten 3 Jahre mit ca. 600 km. Das war hart (und teuer), aber es hat uns stark gemacht. Ich gönne es aber niemandem. Es ist nicht schön und macht viel durch. Es sind mehr Tränen, als das in einer Beziehung sein muss.
5.
Padderie, 08.11.2007
aus eigener Erfahrung: so einiges ;-)
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