Von Christina Schmitt
"Fuck", brüllt der junge Häftling und tritt gegen das Handballtor. Es scheppert, die anderen stehen starr.
Für einen Moment wird es still, nur das Metall schwingt nach, ein leises Surren schwebt durch die Halle, auf deren Boden sich die Gitterstäbe spiegeln.
Der Fußballer kneift die Augen zusammen, presst die Lippen aufeinander und greift mit einer Hand nach dem Torpfosten. Die andere hält er sich nach dem Volltreffer zwischen die Beine schützend in den Schritt.
"Tut mir leid, Alter. Geht's wieder?", fragt der, der den Ball geschossen hat. Der Angeschossene richtet sich auf, atmet tief durch, klatscht in die Hände - und weiter geht das Spiel.
"Früher wäre das ein Grund gewesen, sich zu prügeln", sagt Benedikt Lang, 26. Er ist nur zu Besuch hier im Freiburger Gefängnis. Eigentlich studiert er Theologie, und seine Kommilitonen, die mitspielen, ebenfalls. Für eine Stunde in der Woche, immer donnerstags, gehen sie freiwillig hinter Gitter. Dann sind sie für die inhaftierten Jugendlichen Gleichgesinnte, Mitspieler, Schiedsrichter.
"Manchmal fragen die Jungs, ob wir Geld dafür bekommen. Sie können es wohl nicht glauben, dass wir freiwillig kommen", sagt Benedikt und lächelt.
"Untersuchungshaft ist die schlimmste Art von Haft"
Die jüngsten Insassen sind 14, die ältesten 21. Sie alle sind in Untersuchungshaft, also noch nicht verurteilt. Im richtigen Knast landen nur wenige. "Der Großteil der Jugendlichen wird entlassen, manche kommen in Therapie oder stationäre Jugendhilfeeinrichtungen", also Auslandsprojekte, Drogentherapie oder ambulante Betreuungsmöglichkeiten, sagt Benedikt. Im Gefängnis leben müssen sie bis dahin trotzdem, wegen der sogenannten Verdunklungsgefahr: Beweismittel könnten verschwinden oder die mutmaßlichen Straftäter untertauchen.
Kontakt nach außen haben die Jugendlichen während ihrer Haft kaum. Telefonieren dürfen sie nur wenig, Besuch haben sie zweimal im Monat für eine halbe Stunde. "Untersuchungshaft ist die schlimmste Art von Haft, sie sind noch viel stärker isoliert als normale Strafgefangene", sagt Benedikt.
Wenn er erklären soll, warum er hier mit Jugendlichen im Knast Sport macht, zitiert er aus der Bibel. Im Hebräerbrief 13,3 stehe schließlich ein Satz, der perfekt passe: "Denkt an die Gefangenen, als wäret ihr Mitgefangene." Oder bei Matthäus, 25,36, da sagt Jesus: "Ich war im Gefängnis, und ihr seid zu mir gekommen."
Als Theologen wollten sie "einfach da sein" und zeigen, dass die Jugendlichen trotz ihrer Straftaten nicht automatisch abgeschrieben sind. "Wir wollen aber auf keinen Fall missionieren", sagt Benedikt. Sie könnten nur zeigen, dass man Streit nicht mit Gewalt lösen müsse, sondern auch anders reagieren könne. Vielleicht könnten die Studenten bis zum gewissen Grad auch Vorbilder sein: "Ich möchte mit den Menschen an ihren Schwächen arbeiten - wenn sie das denn wollen. Und ich biete ihnen dabei mein Ideal an: Jesus Christus."
Moritz sagt, er habe es verdient, hier zu sein
Ulrike Bühler, Sozialpädagogin der Jugendlichen, sieht das Engagement der Studenten kritisch: "Ich finde es gut, dass sie zum Fußballspielen kommen. Aber auch nur dafür haben sie eine Genehmigung. Alles andere dürfen sie nicht." Alles andere, damit meine sie Gespräche über Straftaten oder gar das Erledigen von Gefälligkeiten. Sie macht sich Sorgen, dass die Theologen ihren Kompetenzen überschreiten könnten.
"Ich sehe das Problem nicht. Wir fragen, wie es ihnen und ihrer Familie geht. Über ihre Straftaten reden wir nicht, das machen die Jugendlichen eh schon", sagt Benedikt. Für ihn ist es wichtig, einfach da zu sein: Die Jungs können mit den Studenten reden, die hören zu.
Heute bleibt weniger Zeit für Fußball. Zehn Minuten haben die Studenten auf dem Weg von draußen durch Schleusen und Kontrollen bis in die Halle verloren. Die Wachleute machen lieber pünktlich Schluss, das wissen alle. Sie sitzen neben der Halle in ihrem Raum, zugestellt mit Wimpeln und Pokalen. Durch Scheiben können sie die Gefangenen beaufsichtigen. Aber gerade sind ja die Theologen da.
Die Jungs spielen schnell, ihre T-Shirts spannen an den Oberarmen. Benedikt kickt zu Moritz, der 19-Jährige stoppt den Ball, dribbelt, zieht ab - und macht das Tor. Benedikt reißt die Arme nach oben. Sie schlagen ein, klopfen sich auf die Schultern. An seinem linken Knöchel hat Moritz ein Tattoo, auf dem Rücken seines T-Shirts Flügel.
Moritz heißt nicht wirklich so, er möchte später nicht mit der U-Haft in Verbindung gebracht werden. Nach seinem Prozess in einer Woche kann er seine Vergangenheit abstreifen, die Zeit hier, hofft er zumindest. Wieder alles hinbiegen. Und noch ist er ja nicht verurteilt.
Sie wollen nicht wieder her - oder wollen sie sich nur nicht erwischen lassen?
"Ich hab es ja verdient, hier zu sein", sagt er. Ein Kumpel und er seien in ein Haus eingestiegen. Sie hätten gewusst, dass die Besitzer im Urlaub sind, und den LCD-Bildschirm "mitgenommen" - "uns war eben langweilig".
Die Langeweile draußen hat er nun gegen Langeweile im Gefängnis getauscht. Moritz teilt an die Mitgefangenen Essen aus; am Montag, Mittwoch und Donnerstag kann er in den Kraftraum. Offiziell hat er eine Stunde Freizeit am Tag, doch auch so hängt er nach getaner Arbeit meist mit den anderen U-Häftlingen im Trakt rum. Ab 17 Uhr muss er zurück in die Zelle.
Eine große Abwechslung ist das Fußballspiel einmal in der Woche. Seit drei Monaten ist Moritz hier. Er blickt auf den Hallenboden und faltet die Hände. "Vor drei Monaten kam meine Tochter zur Welt", sagt er dann.
"Man lernt schnell, dass diese Menschen nicht nur Täter, sondern auch Opfer sind", sagt Benedikt. Viele kämen aus zerrütteten Familien mit trinkenden und prügelnden Eltern. Manche seien auch wegen Fahren ohne Fahrerlaubnis hier. "Ich versuche den Menschen zu sehen und nicht seine Fehler."
Auch das sieht Ulrike Bühler kritischer. Sie sagt: "Natürlich haben die Jungs auch ihre guten Seiten. Aber wegen ihrer guten Seiten sind sie nicht hier." Viele leugneten lange ihre Taten. "Sie sagen oft, dass sie nie wieder hierher wollen. Das heißt gar nichts. Oft heißt das nur, dass sie sich das nächste Mal lieber nicht erwischen lassen wollen", sagt Bühler. Viele seien schon mal im Gefängnis gewesen. "Bei manchen fällt mir einfach nichts mehr ein. Das sind grenzenlose Jugendliche." Und Sport allein könne diese Jugendlichen nicht resozialisieren.
Ein gutes Team, der Häftling und der Nachwuchstheologe
Ob die Jugendlichen mitspielen, ist ihnen freigestellt. Die anderen können dann zum Beispiel an die Fitnessgeräte an der Seite der Halle. Heute haben drei keine Lust auf Fußball. Der eine sitzt auf der Hantelbank und zieht langsam die Gewichte an den Körper. "Ecstasy macht müde", sagt er. "Und ich sag dir: Dein Körper macht Sachen, die du gar nicht machen willst." Dann erzählt er, was sein Körper gemacht hat, wie er auf der Straße herumtorkelte. Sie lachen.
Ein Wärter deutet auf die Uhr, die Stunde ist um. Die Theologiestudenten und die Häftlinge traben in die Umkleidekabine. Zeit zum Reden hatten sie auf dem Feld nicht. Benedikt findet das nicht schlimm: "Es ist zwar nur eine Stunde Fußball. Aber es ist eine Stunde mit Menschen, denen sie vertrauen." Bühler und die Wachleute seien vor Gericht zur Aussage verpflichtet; ihnen könnten die Jugendlichen Persönliches nur unter Vorbehalt erzählen.
Moritz hat heute die meisten Tore geschossen, oft hat Benedikt vorbereitet. Sie sind ein gutes Team. Und sehen sich heute zum letzten Mal, denn in einer Woche hat Moritz seinen Prozess. Zusammen gehen sie nach draußen, auf den Hof zwischen dem Gefangenentrakt und Ausgang. Hier trennen sich ihre Wege. Die Gruppe bleibt stehen, die Wachleute müssen auch innehalten.
"Ich wünsch dir alles Gute", sagt Benedikt. Er gibt Moritz die Hand, die zweite legt er auf seine Schulter. Moritz lächelt. Und so bleiben sie ein paar Sekunden stehen.
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