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Geteilte Uni in Belgien Warum der Löwe mit dem Hahn nicht kann

Uni Löwen: Ein Riss geht durch die Hochschule
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Amélie Servotte

Ein Erasmus-Semester im eigenen Land? In Belgien geht das: Seit die ehrwürdige Uni in Löwen in zwei Hälften geteilt wurde, bemühen sich flämische und wallonische Studenten um Wiederannährung. Doch gegen die tiefe Spaltung des Landes helfen nicht einmal Bier und Knuffel-Aktionen.

Nein, eine Teilung komme nicht in Frage, da gab sich der akademische Rat der katholischen Universität Löwen, rund 30 Kilometer von Brüssel entfernt, rigoros. Er bestand 1968 auf der Einheit der Hochschule, wollte sie nicht aufspalten in einen flämisch- und einen französischsprachigen Teil. Doch die Uni-Leitung war nicht gefasst auf die Wut der Studenten: Sie schleuderten Möbel aus Fenstern, errichteten Straßensperren, schmissen Steine auf Polizisten. Die Uni-Leitung musste nachgeben.

Während in den sechziger Jahren überall in Europa Studenten auf die Straße gingen, um für mehr Mitbestimmung zu demonstrieren, für offenere Gesellschaften, freie Liebe, Sozialismus und gegen den Vietnam-Krieg, wollten die Löwener Studenten aus ihrer Uni zwei machen. Die Teilung der Hochschule, das war das Ziel - und sie erreichten es.

Die innere Zerrissenheit des Landes spaltete auch die Hochschule in dieser eigentlich beschaulichen Universitätsstadt, in der überall Fahrräder vor historischen Altbauten herumstehen. Ein Drittel der knapp 90.000 Einwohner sind Studenten, für sie ist die Teilung schon lange nichts Besonderes mehr. Der Flame Brecht Spileers studiert Elektrotechnik in Löwen und hält die damalige Entscheidung noch immer für richtig: "Löwen war ein Zeichen. Auch wenn es schade war, musste man damals einfach etwas machen, um den Druck abzulassen."

Belgien ist zwar ein eigener Staat, seit es sich 1830 von den Niederlanden abspaltete. Es ist allerdings ein ziemlich instabiles Staatsgebilde, in dem neben dem offiziell zweisprachigen Brüssel zwei sehr unterschiedliche Landesteile miteinander auskommen müssen: im Norden Flandern und im Süden das französischsprachige Wallonien.

Wer französisch sprach, wurde vertrieben

Die katholische Universität Löwen ist die älteste und wohl auch renommierteste des Landes, hier wurde lange die Elite des jungen Königreichs ausgebildet - eine französischsprechende Elite. Doch die Flamen setzten nach und nach mehr Autonomie durch, ab 1911 konnte man auch auf Flämisch studieren. Und 1968 vertrieben sie schließlich die französischsprechenden Studenten von der Uni.

Löwen wurde zum Symbol des Scheiterns einer gemeinsamen belgischen Nation. Der französische Teil der Uni wurde ausgegliedert und in eine komplett neu errichtete Retortenstadt in Wallonien überführt: Louvain-la-Neuve, was übersetzt etwa Neu-Löwen bedeutet. Seitdem gibt es die Uni zweimal.

Nadine Gödecke, BWL-Studentin aus Göttingen, verbringt gerade ein Auslandssemester in Löwen. In ihrem Studentenwohnheim ist sie die einzige Ausländerin und lebt zusammen mit 15 Flamen. Von der Teilung der Uni hatte sie schon in Deutschland gehört, ihre Mitbewohner sprechen mit ihr allerdings nicht so gern darüber: "Mit der jetzigen Situation sind sie zufrieden, besonders stolz auf die damalige Entscheidung aber nicht." Sie wunderte sich zunächst, dass sich die meisten ihrer Kommilitonen nicht als Belgier bezeichnen: "Für viele ist Belgien nur eine bürokratische Hülse, ihre gefühlte Nationalität ist Flämisch."

Was allerdings häufig diskutiert wird, ist das ökonomische Nord-Süd-Gefälle in Belgien. Die Flamen fürchten, zu viel für ihre südlichen Nachbarn zahlen zu müssen. Auch Louvain-la-Neuve wurde damals zum Teil mit Mitteln aus Flandern errichtet.

Marc Derez, 55, kann sich noch gut an die Tumulte in den Sechzigern erinnern, die zur Teilung führten. Er war damals noch Schüler und demonstrierte zusammen mit den Studenten für mehr Rechte der Flamen. Inzwischen arbeitet er als Dozent für Geschichte und leitet das Archiv der Universität. Seine Meinung hat er bis heute nicht geändert: "Die bilinguale Universität war ein schönes, idealistisches Konzept, leider hat sie nie wirklich funktioniert." Für ihn war Löwen wie ein Labor, ein Mikro-Belgien in dem sich schnell zeigte, dass es so nicht weiterging. Wie viele Flamen würde auch Derez sich mehr Autonomie wünschen, persönlich würde er sogar noch weitergehen und hätte auch nichts dagegen wenn Flandern sich an die Niederlande angliedern würde.

Eins für dich, eins für mich - wie die Bücher aufgeteilt wurden

Dass es gar nicht so leicht ist, aus einer Uni zwei zu machen, zeigte sich an der Universitätsbibliothek. Als Derez in den Siebzigern mit seinem Studium in Löwen begann, war die Bibliothek der Geisteswissenschaften nur halb voll. Die Bücherbestände wurden damals nach und nach aufgeteilt - und zwar nach einem gerechten, aber ziemlich unsinnigen System: Bücher mit gerader Signatur gingen an die eine, Bücher mit ungerader Signatur an die andere Uni. Ein Bücher-Shuttle fährt Einzelstücke bis heute hin und her.

Doch während die Teilung für die Flamen als Symbol ihrer Emanzipation gilt, bedauern viele Wallonen auch heute noch die Entscheidung die traditionsreiche Hochschule zu trennen. Gauthier Lejeune studiert VWL in Louvain-la-Neuve. Er bedauert die Uni-Teilung: "Es ist wirklich sehr schade, dass es damals so weit gekommen ist. Die Chance, unsere Akademiker gemeinsam auszubilden, wurde vertan. Seit der Trennung haben sich Flamen und Wallonen noch schneller voneinander entfernt."

Die Landesteile driften weiter auseinder, und viele Wallonen fühlen sich als Verlierer dieses Prozesses. Die Arbeitslosigkeit im französischen Teil ist deutlich höher als im Norden, Wallonien ist auf Hilfe aus Flandern angewiesen. Für Gauthier beginnen die Probleme schon bei der Sprache. Viele Wallonen sprächen kein Flämisch, auch die Französischkenntnisse der Flamen sind eher mau. Oft verständige man sich im jeweils anderen Landesteil auf Englisch. Gauthier bezeichnet sich zwar als Belgier, fühlt sich in der Gegenwart von Flamen oft wie ein Ausländer. "Eine der wenigen Gemeinsamkeiten ist die Leidenschaft für Bier", sagt er nach kurzem Überlegen.

Erasmus im eigenen Land

Die studentische Trinkfreude soll nun zur inneren Völkerverständigung beitragen. Unter dem Motto "Belgie knuffelt - les belges s'embrassent" (Belgien umarmt sich) versammelten sich Studenten beider Unis auf dem Platz vor der alten Bibliothek in Löwen und verteilten Freibier an Kommilitonen, die jemanden aus der anderen Volksgruppe demonstrativ in den Arm nahmen.

Hoch offiziell, aber mindestens ebenso skurril ist das Ersamus-Programm der beiden Unis: Wer möchte, kann sein "Auslands"-Semester an dem jeweils anderen Uni verbringen, die früher einmal eine war.

Viele Versuche finden auch auf Verwaltungsebene statt, kommen aber bei den Studenten kaum an. So wurde die Vergabe der Ehrendoktortitel in diesem Jahr zum ersten Mal wieder gemeinsam abgehalten. Für Amélie Servotte, Mitarbeiterin des Studentenparlaments in Louvain-la-Neuve, sieht diese kleinen Schritte jedoch schon als große Erfolge. Sie setzt sich für eine verstärkte Zusammenarbeit ein und hofft, dass so langsam wieder eine gemeinsame Identität entsteht.

Doch wenn man ihre flämischen und wallonischen Studenten fragt, wie sie die Zukunft Belgiens einschätzen, fallen die Prognosen meist düster aus. Einige fürchten gar, es könnte dem Staat Belgien drohen, was vor 40 Jahren schon mit der berühmten Uni geschah - die komplette Teilung.

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A. K-D 09.12.2009
... ist meines Erachtens in dem Artikel etwas schraeg dargestellt. Un die Teilung der Loewener Universitaet spiegelt diese nur bedingt wieder! Ich selber lebe als Deutscher seit 3,5 Jahren an der Grenze zwischen Wallonie und [...]
... ist meines Erachtens in dem Artikel etwas schraeg dargestellt. Un die Teilung der Loewener Universitaet spiegelt diese nur bedingt wieder! Ich selber lebe als Deutscher seit 3,5 Jahren an der Grenze zwischen Wallonie und Flandern und hatte die Gelegenheit die Situation aus der Naehe zu betrachten. Sprache: Ja, es gibt die Sprachbarriere - wobei sie eher mentaler als intellektueller Natur ist! Man muss als Deutscher - nicht ohne Neid - festellen wie sprachbegabt der durchschnittliche Belgier ist. In der kleinen germanophonen Gemeinschaft im Osten Belgiens ist Franzoesisch quasi zweite Lebenssprache. Flamen sprechen fast immer perfektes Englisch und teilweise auch Franzoesisch. In der Wallonie ist Englisch und Flaemisch auch recht verbreitet, wenn auch nicht soweit wie das Franzoesisch in Flandern. Englisch wird daher haeufig als der neutrale Boden gesehen, erst recht wenn Auslaender in die Konversation eingebunden werden sollen. Ich kenne zahllose viersprachige Belgier - wie viele Deutsche koennen das von sich behaupten? Die Amtssprache ist klar regional verteilt, was bspw. in den frankophonen Vororten Brussels die im flaemischen Gebiet liegen zu aberwitzigen Konstellationen fuehren kann. Wirtschaft: Der belgische "Laenderfinanzausgleich" fliesst heute (!) von Flandern in die Wallonie! Frueher war das andersherum. Alleine Luettich war einst einer der weltgroessten Schwerindustriestandorte. Mit Untergang der klassischen Industrialisierungszweige erst hat sich das wirtschaftliche Kraefteverhaeltnis Belgiens umgedreht. Die ueberwiegend auf flaemischer Seite verbreiteten Seperationsgelueste werden daher in der Wallonie oft als Undankbarkeit angesehen. Ein guter Vergleich auf deutscher Seite war der Vorstoss Bayerns (mittlerweile von der Nehmer- auf die Geberseite gewechselt) den Laenderfinanzausgleich zu revidieren. Mentale/Sprachliche/Politische "Teilung": In der Zeit der Regierungskrise konnte man in Belgien zwei Arten von Flaggen in den Fenstern wehen sehen: In Flandern ueberwiegend den flaemischen Loewen und in der Wallonie die belgische Staatsflagge, keinen Gockel! Die Seperationsgelueste sind in der Tat eher einseitig. Die Sprachgesetzgebung aus den sechziger Jahren hat ein Umschwenken auf radikale Trennung erst erzeugt, nicht beseitigt. Wenn man die Gebietsgrenze betrachtet, stellt man fest wie scharf die Trennlinie geworden ist. Identifikationsfoerdernd nennen das belgische Soziologen. Meine Erfahrung bestaetigt dies. Die Mentalitaet der Flamen und Wallonen ist unterschiedlich - wenn man sich erlaubt in Klischees zu denken. Haben die Wallonen einen Touch der "mediteranen Gelassenheit", so sind die Flamen etwas "spiessbuergerlicher". Diese Facetten beinhaltet die Teilung der Uni Loewen nicht konkret! Ich hoffe etwas beigetragen zu haben. A.K-D P.S.: Belgien ist ein wahnsinnig interessantes Land, erst recht fuer uns Deutsche!
Achim 09.12.2009
Läge Belgien in Afrika oder Asien, hätten USA und NATO sicher schon lange von einem "Failed State" gesprochen und wären entsprechend vorgegangen. Läge Belgien in Osteuropa, hätte man es so zerlegt wie die CSSR oder [...]
Läge Belgien in Afrika oder Asien, hätten USA und NATO sicher schon lange von einem "Failed State" gesprochen und wären entsprechend vorgegangen. Läge Belgien in Osteuropa, hätte man es so zerlegt wie die CSSR oder Jugoslawien. Die dortigen Trennungen sind geradezu aberwitzig, und es ist sehr zu bedauern, dass die Tschechen und Slowaken einerseits und die Slowenen, Kroaten, Serben, Montenegriner und Mazedonier nicht dieselbe Toleranz der "internationalen Gemeinschaft" genießen durften wie die Flamen und Wallonen. Aber sie waren halt nicht in der NATO, und "divide et impera" wird bei einem NATO-Staat wie Belgien natürlich nicht angewandt.
brux 09.12.2009
Belgien ist das Ergebnis der Ränkespiele unter Fürst Metternich. Die Situation zeigt, dass der Nationalstaat den Europäern eigentlich wesensfremd ist. Probleme wie in Belgien gibt es auch anderswo, weil die europäische Identität [...]
Belgien ist das Ergebnis der Ränkespiele unter Fürst Metternich. Die Situation zeigt, dass der Nationalstaat den Europäern eigentlich wesensfremd ist. Probleme wie in Belgien gibt es auch anderswo, weil die europäische Identität eben eher an der Region hängt als am Nationalsstaat. Man kann das auch in Deutschland gut beobachten. Ein Badener kommt sicher besser mit einem Elsässer zurecht als mit einem Friesen, der wiederum mit einem holländischen Friesen einiges gemeinsam hat, usw. usw. Andererseits gibt es natürlich riesige Gemeinsamkeiten aller Europäer, die man vor allem erkennt, wenn man den Kontinent verlässt. Belgien hat ein besonderes Problem wegen der Sprachgruppen und wegen des wirtschaftlichen Wandels der letzten 50 Jahre. Aber es gilt leider auch, dass die Wallonen arrogant ihrer vormaligen Bedeutung als Elite nachtrauern, obwohl sie fast nichts gebacken kriegen, während die Flamen in bäuerlicher Sturheit ihre Minderwertigkeitskomplexe pflegen. Trotzdem muss man anerkennen, dass das Land reich ist, die Leute zu leben verstehen und keine Gewalt aus dieser Problematik resultiert. Das Muster eines post-modernen Europas eben.
BonChauvi 09.12.2009
... weiß ich immer noch nicht. Belgien ist ein wunderbares Land. Ich bin im wallonischen Teil von Belgien aufgewachsen und zur Schule gegangen, hatte dort Freunde und auch meine erste Freundin. Ich bin Belgien sentimental deswegen [...]
... weiß ich immer noch nicht. Belgien ist ein wunderbares Land. Ich bin im wallonischen Teil von Belgien aufgewachsen und zur Schule gegangen, hatte dort Freunde und auch meine erste Freundin. Ich bin Belgien sentimental deswegen noch heute sehr verbunden. Das schlechte Verhältnis der Gemeinschaften untereinander habe ich nie nachvollziehen können. Natürlich sind mir die historischen Hintergründe bekannt. Wir leben aber in der Gegenwart und die Flamen und Wallonen sind sich tatsächlich viel ähnlicher als sie es wahrhaben wollen; dies nicht nur beim Bier. Zum Glück gibt es viele junge Belgier in beiden Gemeinschaften, die sich mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln gegen die, vor allem von den Eliten, betriebenen Spaltung des Landes wehren. Was man von Belgien für Deutschland lernen kann: "Multikulturelle" Gesellschaften mit unterschiedlichen Sprachen sind und bleiben ein Problem.
Montanaman 09.12.2009
? Was heisst denn bitte in diesem Zusammenhang "divide et impera"? Ist das jetzt die Verschwörung, dass die NATO die Tschecheslowakei und J.slawien auf dem Gewissen hat?
Zitat von AchimLäge Belgien in Afrika oder Asien, hätten USA und NATO sicher schon lange von einem "Failed State" gesprochen und wären entsprechend vorgegangen. Läge Belgien in Osteuropa, hätte man es so zerlegt wie die CSSR oder .....
? Was heisst denn bitte in diesem Zusammenhang "divide et impera"? Ist das jetzt die Verschwörung, dass die NATO die Tschecheslowakei und J.slawien auf dem Gewissen hat?
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