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Ghostwriter vor Gericht: "Das verstößt gegen die guten Sitten"

Ein wissenschaftlicher Ghostwriter behauptete auf seiner Homepage, der größte zu sein. Das stank seinem Konkurrenten, schließlich hält der sich auch für ziemlich groß. Sie landeten vor Gericht und wurden nun beide gerügt.

Zweifelhaftes Angebot: Der Ghostwriter verlangt bis zu 20.000 Euro für eine Arbeit Zur Großansicht
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Zweifelhaftes Angebot: Der Ghostwriter verlangt bis zu 20.000 Euro für eine Arbeit

Das Oberlandesgericht Düsseldorf hat einen wissenschaftlichen Ghostwriter getadelt. Er hatte auf seiner Webseite damit geworben "Marktführer in der wissenschaftlichen Ghostwriterbranche" zu sein. Das missfiel einem Kollegen, ebenfalls ein Ghostwriter, der ihn deswegen vor Gericht zerrte.

Sein Vorwurf: Der angebliche Marktführer gehöre weder nach Umsatz noch nach seinem Angebot zur Spitzengruppe. Erst behelligte er damit das Landgericht Wuppertal, doch das lehnte seinen Antrag auf Unterlassung ab. Danach zog er vor das Oberlandesgericht in Düsseldorf.

Sein Konkurrent, der angebliche Marktführer, verlangt je nach Umfang etwa für eine Dissertation zwischen 10.000 Euro und 20.000 Euro. Selbstverständlich beziehe sich sein Angebot aber nur auf wissenschaftliche Texte für Übungszwecke, schrieb er auf seiner Internetseite. Die Arbeiten dürften natürlich nicht als Prüfungsleistung bei einer Hochschule eingereicht werden.

Das Gericht zweifelte am angeblichen Geschäftsmodell des Ghostwriters

20.000 Euro für Übungszwecke? Ziemlich merkwürdig, fanden auch die Düsseldorfer Richter. Sie untersagten dem Beklagten nun, für sich als "Marktführer" zu werben. Er könne schon deshalb nicht zu den Marktführern des wissenschaftlichen Ghostwritings gehören, weil er ausschließlich verbotene Dienstleistungen anbiete: Er erstelle für Dritte Abschlussarbeiten zum Erwerb akademischer Grade.

"Diese Tätigkeit verstößt gegen die guten Sitten. Daran hindert auch der Disclaimer nichts, wonach die Leistungen nur zu Übungszwecken angeboten werden", heißt es im Urteil. "Es ist lebensfremd, dass jemand für einen reinen Übungstext (…) über 10.000 Euro ausgeben würde." Alle Beteiligten wüssten, dass die Arbeiten auch eingereicht werden. Das Gericht befasste sich jedoch nur mit dem Unterlassungsantrag, die Tätigkeit selbst war nicht Gegenstand der Klage.

Der selbsterklärte Marktführer sitzt mit seinem Unternehmen in Berlin. Er hat seine Webseite inzwischen weitestgehend aufgeräumt. "Mein Unternehmen (…) ist einer der etabliertesten Anbieter in der akademischen Ghostwriterbranche", schreibt er nun. Zum Urteil wollte er sich nicht äußern.

fln

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1. .
Rubeanus 18.02.2011
Jeder, der jetzt einen Guttenberg-Kalauer zum besten gibt, muss dafür einen Euro in die Forums-Kaffeekasse einzahlen. Nur damit das klar ist!
2. Euro für die Forums-Kaffeekasse
kreeweible 18.02.2011
Zitat von RubeanusJeder, der jetzt einen Guttenberg-Kalauer zum besten gibt, muss dafür einen Euro in die Forums-Kaffeekasse einzahlen. Nur damit das klar ist!
Hier ist mein Euro: http://www.eu-info.de/static/common/wfimage/25ce6b4b3c0f45b28f87c2d4f411d46e.jpg
3. Plagiat - google
Umbriel 18.02.2011
Im Prinzip sollta man all ads nicht überbewerten. Doktortitel sind in den Schriftwissenschaften eher als Karriere - Ettikett gedacht, der engere wissenschaftliche Nutzen ist nicht so wichtig. Geschummelt wird leider überall auch mal, kommt auch in den Naturwissenschaften vor. Allerdings darf man nicht vergessen, daß es in vielen anderen Ländern wesentlich leichter ist, an akademische Titel zu kommen als hier.
4. Stimmt
gsm900, 18.02.2011
Zitat von UmbrielIm Prinzip sollta man all ads nicht überbewerten. Doktortitel sind in den Schriftwissenschaften eher als Karriere - Ettikett gedacht, der engere wissenschaftliche Nutzen ist nicht so wichtig. Geschummelt wird leider überall auch mal, kommt auch in den Naturwissenschaften vor. Allerdings darf man nicht vergessen, daß es in vielen anderen Ländern wesentlich leichter ist, an akademische Titel zu kommen als hier.
http://de.wikipedia.org/wiki/Berufsdoktorat Österreich In der Studienrichtung Humanmedizin wird der akademische Grad „Dr. med. univ.“ und für Zahnmedizin der Grad „Dr. med. dent.“ vergeben. Diese Grade werden aber durch Abschluss von Diplomstudien erworben (§ 54 Abs. 2 Universitätsgesetz 2002) und sind daher trotz der Bezeichnung seit 2002 Diplomgrade. Nordamerika Berufsdoktorate (professional degrees), die in manchen Studiengängen nach Abschluss ohne zusätzliche Promotionsleistung vergeben werden, zum Beispiel „Medical Doctor“ (Abk.: M.D.) der dem Staatsexamen in Medizin entspricht.
5. Und
ellereller 18.02.2011
Zitat von kreeweibleHier ist mein Euro: http://www.eu-info.de/static/common/wfimage/25ce6b4b3c0f45b28f87c2d4f411d46e.jpg
wo bleibt der Kalauer?
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Plagiate - wissenschaftliches Diebesgut
Veröffentliche oder verrecke
"Copy & paste" gilt als Trendsport bei Studenten, die sich Seminar- oder Abschlussarbeiten mitunter aus dem Internet zusammenräubern. Wie sauber aber arbeiten Professoren? "Publish or perish" verlangt die akademische Tradition: Als erfolgreich gilt, wer viele bedeutsame Fachartikel veröffentlicht. Da können auch gestandene Hochschullehrer der Versuchung erliegen, Ideen oder Texte zu klauen.
Sünder im Verborgenen
Geistiger Diebstahl bleibt der Natur der Sache nach verschwiegen und wird nur ausnahmsweise aufgedeckt. Vor allem das Internet verlockt als unendliches Dokumentengrab Hochschullehrer wie Studenten zu Grabräubereien. Heraus kommt das am ehesten durch Bestohlene, die auf den Widerhall ihres Werkes achten, oder Kollegen im selben Arbeitsbereich, häufig belesene Doktoranden. Immer wieder werden schlechte Beispiele von wissenschaftlichen Promis bekannt: aus der Philosophie und Theologie, der Mathematik und Medizin, den Rechts- wie den Wirtschaftswissenschaften.
Spielarten des geistigen Diebstahls
Ein Plagiat ist genaugenommen die geklaute Kopie eines fremden Textes, ohne Angabe der Fundstelle - von einzelnen Passagen bis zu kompletten Texten. Schwerer nachweisbar ist der bloße Ideenklau im kollegialen Austausch. Im Hochschulbetrieb ist anonymes Ghostwriting für einen anderen unzulässig, aber kaum auszurotten. Alles andere als selten ist auch die bloße "Ehrenautorschaft" eines Chefs, der sich von seinen Wasserträgern, den wahren Autoren, huckepack nehmen lässt, obwohl er bei der Publikation selbst keinen Finger gerührt hat - nach der alten Devise "Der Geist des Instituts schreibt immer mit".

Bernd Wegner, Chefredakteur des internationalen "Zentralblatt MATH", erzählt SPIEGEL ONLINE Beispiele aus dem schmuddeligen Nähkästchen der Naturwissenschaften: "Unabgeschlossene Diskussionsbeiträge, Pre-Prints, von einer öffentlichen Internetplattform kopieren und dann damit schneller als der wahre Autor in Druck gehen; oder als Gutachter fremde Arbeiten ablehnen und die dann selber, natürlich 'verbessert', zur Veröffentlichung einreichen; oder eine Arbeit auf Russisch in englischer Version als Innovation zu verkaufen - das sind die wirklich harten Fälle!"

Amtliche Aufklärung
An manchen Hochschulen werden studentische Prüfungsschriften automatisch mit einer handelsüblichen Plagiat-Software durchleuchtet. An jeder Hochschule gibt es einen Ansprechpartner für wissenschaftliches Fehlverhalten, außerdem einen bundesweit tätigen Wächterrat (www.ombudsman-fuer-die-wissenschaft.de). Diese Prüfstellen zielen auf eine gütliche Einigung zwischen den Streitparteien. Ansonsten steht der Rechtsweg offen, ein Hinweis an den Disziplinarvorgesetzten eines Hochschullehrers und eine Straf- oder Betrugsanzeige bei der Polizei.
Der Schaden der Opfer
Der geistige Dieb betrügt an zwei Stellen - dort, wo er klaut, und dort, wo er den Text weiter verhökert. Der wahre Autor oder sein Verlag können gerichtlich durchsetzen, dass als Buch veröffentlichtes Diebesgut nicht länger im Handel bleibt. Der Verlag, der das Plagiat zurückholen und vernichten muss, kann für seinen finanziellen Schaden den Plagiator selber haftbar machen. Es bleibt der immaterielle Schaden des Bestohlenen: Sein eigener Text, etwa eine Doktorarbeit, spukt oft im Internet unter dem Namen des Diebes weiter - und wird von ahnungslosen anderen mit der falschen Autorenangabe zitiert.
Strafen für die Täter
An der Uni Münster wurde 2009 ein Examenskandidat wegen Plagiats rechtskräftig exmatrikuliert. In Nordrhein-Westfalen müssen abschreibende Studenten mit bis zu 50.000 Euro Geldstrafe rechnen. Neuerdings verfolgen Staatsanwaltschaften plagiierte Doktorarbeiten "im öffentlichen Interesse", ganz ohne Anzeige eines Betroffenen; die Strafe liegt durchweg bei drei Monatsgehältern oder 90 Tagen Haft. Beamteten Hochschullehrern drohen Disziplinarstrafen von der (gängigen) Ermahnung bis zur (theoretischen) Entlassung aus dem Dienst, Angestellten böse Briefe von der Abmahnung bis zur außerordentlichen Kündigung. Gleichwohl gilt der geistige Diebstahl unter Professoren oft noch als Kavaliersdelikt. Deswegen ist noch niemand aus dem Deutschen Hochschulverband, der Standesvertretung der Uni-Dozenten, ausgeschlossen worden.
Weitere Infos
Zum Schutze der persönlichen Autorenrechte gelten an allen Hochschulen Richtlinien der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

Rechtsprofessor Volker will neu auftauchende Missbrauchsfälle laufend auf einer eigenen Webseite dokumentieren: www.wissenschaftsplagiat.de