Glanz und Elend der Uni-Architektur: So schön kann Studieren sein
Blätternder Putz, Schimmel an den Wänden, hässliche Zweckbauten - Deutschlands Hochschulen waren jahrzehntelang eine unästhetische Zumutung. Bis jetzt: Plötzlich entsteht ambitionierte Architektur, durchgestylt bis zur letzten Lampe. SPIEGEL ONLINE zeigt die Höhepunkte.
Glanz verlangt ja keiner mehr bei Universitätsgebäuden. Studierende und Lehrende sind heute schon froh, wenn sie unversehrt an Leib und Leben aus Mensa, Bibliothek oder Vorlesungssaal herauskommen.
Der Zustand der meisten Hochschulen ist desolat. Da blättert der Putz, da schimmeln die Wände, auf den Fluren flackert Neonlicht - eine passende Szenerie für Horrorfilme.
An der TU Berlin hat sich jüngst eine schwere Außenjalousie selbständig gemacht, und man kann von Glück sagen, dass sie nur auf einem weiter unten gelegenen Dach landete und nicht auf dem Kopf eines Nachwuchsdenkers. An der Uni Regensburg wäre ein Professor beinahe von einem Stein erschlagen worden, der sich jäh aus der Fassade löste.
Es geht also ums Überleben, nicht um Ästhetik - schade eigentlich. Bei den wenigen neuen Uni-Gebäuden, die in der chronisch finanzschwachen Bildungslandschaft entstanden sind oder (mit Glück) entstehen werden, zeigt sich, dass es in Deutschland - anders als in den USA oder Großbritannien - gar keine eigene Tradition im Bildungsbau mehr gibt. Und deshalb kaum noch Kriterien dafür, was eine schöne Uni ist und was nicht.
Da ist etwas verlorengegangen in jenen Zeiten, in denen im Osten Universitäten in Plattenbauweise entstanden und im Westen während der Bildungsexplosion der siebziger Jahre Massenabfertigungsanstalten im Billigstil fabriziert wurden. Hätte ein Investor Lust, das schaurige Gebäude der Uni Bochum zu sanieren, wäre er schnell eine Milliarde Euro los.
Und würde die Stadt Hamburg ihre Universitätsgebäude wieder instand setzen und aufhübschen, müsste sie 1,3 Milliarden Euro investieren. Diese Zahl liegt deswegen so genau vor, weil die dortige Wissenschaftssenatorin und die Uni-Präsidentin zurzeit überlegen, ob sie die Uni sanieren, auf dem bisherigen Standort neu bauen oder ob sie gar einen nagelneuen Campus in die Nähe der derzeit entstehende Hafencity pflanzen sollten.
Wie solch ein neuer, gigantischer Campus - der in der deutschen Uni-Landschaft eine Sensation wäre und Maßstäbe setzen würde - aussehen könnte, ist noch unklar. Bisher wurden zwei Varianten vorgeschlagen, eine mit dichter, eine mit lockerer Bebauung.
Planer und Architekten, die den Zuschlag für ein solches Projekt erhielten, dürften Mühe haben, in Deutschland geeignete Vorbilder zu finden. Bei etlichen Neubauten zeigt sich die Ratlosigkeit aller Beteiligten. Da entsteht, auch wenn der Wille da ist, selten Herausragendes. Fluch (manchmal auch Segen) der Architektur: Meist sprechen zu viele Leute mit.
Die Uni Leipzig leistet sich eine Art Wiederaufbau der im Jahr 1968 von durchgedrehten SED-Bonzen gesprengten Universitätskirche St. Pauli in prominenter Lage am Augustplatz, wo auch die Oper und das Gewandhaus liegen. Das neue "Paulinum" (Architekt Erick van Egeraat) soll einen kleinen Andachtsraum beherbergen, aber auch eine große Aula für die wissenschaftlichen Veranstaltungen und in den Dachgeschossen Räume für die Fakultäten Mathematik und Informatik.
Da es eine historische Vorlage gibt, kamen sich Traditionalisten und Modernisten in die Quere, wie immer in solchen Fällen. Gebaut wird zurzeit also ein Mischmasch aus dem historischen Vorbild und modernen Ideen. Schön ist das nicht. Der Innenraum wird, so legen Pläne und Animationen nahe, ein Disneyland-Alptraum, bei dem gotisches Vokabular zitiert wird - Bündelpfeiler, Netzgewölbe -, das aber aus Beton besteht. Einige Säulen sind Attrappen. Damit der Raum besser genutzt werden kann, enden sie fünf Meter über dem Boden. Hilfe!
Auch an der Frankfurter Goethe-Universität hat man offenbar einen Hang zur Retro-Ästhetik. Hier soll der geistes-, wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Campus Westend erweitert werden. Ein Gebäude wurde vor einem Jahr feierlich eröffnet: eine interdisziplinäre Forschungsstätte mit dem hochtrabenden Namen "House of Finance", entworfen vom renommierten Berliner Architekturbüro Kleihues + Kleihues.
Außen Natursteinverkleidung, innen Marmorböden, auch sonst alles vom Feinsten - ein Glück für die Uni, dass das Gebäude vor dem Ausbruch der Wirtschaftskrise eingeweiht wurde. Andernfalls hätten die Bauherren wohl spöttische Kommentare erdulden müssen über die neoklassizistisch-amerikanisierten Vorlieben der damals noch neokonservativen Finanzklientel.
An der Universität Lüneburg wünschen sich der Präsident und sein Stellvertreter ebenfalls einen neuen Campus, vor allem aber ein weithin über die Grenzen des Städtchens strahlendes Hauptgebäude mit Audimax. Das wiederum soll ganz und gar nicht retro, sondern hypermodern und dekonstruktivistisch werden. Architekten-Weltstar Daniel Libeskind hat - was vorbildlich klingt - mit den Studierenden zusammen ein Konzept entwickelt.
Schönheit muss nicht immer auftrumpfen
Komisch nur, dass der Entwurf für das Zentralgebäude nun vor allem nach Libeskind aussieht, wie ein Ableger all seiner asymmetrischen Blitz-Gebilde. Die expressive 38 Meter hohe Hülle macht zwar für sich genommen durchaus etwas her, doch an diesem komischen Standort in einem Wohngebiet einer eher kleinen Stadt wirkt das Ensemble doch etwas seltsam. Außerirdisch. Mehr als um Architektur geht es hier ums Image, ums sogenannte Branding: die Uni Lüneburg als Marke.
Schönheit muss nicht auftrumpfen, jedenfalls nicht immer. Schlicht und effektvoll wirkt etwa die Bibliothek der Jura-Fakultät in Hamburg. Ein durchsichtiger Kasten mit sonnig gelborangenen Glaselementen. Auch die Bibliothek der Cottbuser Uni wirkt auf hintergründige Weise außergewöhnlich.
Der eigentliche Clou zeigt sich erst auf den zweiten Blick: Die Glasfassade wirkt, als sei sie mit einem geheimnisvollen Zeichengespinst bedruckt, sieht man genauer hin, dann erschließt sich, dass die Zeichen Buchstaben sind - Buchstaben verschiedener Sprachen. Kühl und vornehm wie eine Eisburg thront die Bibliothek auf einem Hügel, im Inneren aber ist Schluss mit Noblesse, da explodieren die Farben.
Universitäten können gut aussehen. Die schlechte Nachricht: Dafür braucht es viel Geld. Die gute: Dafür braucht es keine allzu großen Gesten.
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