Von Nicole Basel
Eigentlich ist es zwischen Matthew und Sandrine ganz einfach: Sie sind verliebt. Sehr sogar. Sie sehen sich täglich, manchmal gucken sie DVD zusammen, oft frühstücken sie gemeinsam, ab und an verabreden sie sich zum Tee. Dann träumen sie von der Zukunft, von gemeinsamen Reisen und innigen Küssen im Sonnenuntergang.
Und abends, da nimmt Sandrine ihren Matthew mit ins Bett. Dann zieht sie den Stecker raus, stöpselt ihn am Bett wieder ein, schlägt die Decke zur Seite und stellt ihren Freund neben sich.
Sandrines und Matthews Liebe besteht derzeit aus einem Datenstrom zwischen zwei Laptops, aus zwei pixeligen Skype-Videobildern und aus der Hoffnung, sich bald wiederzusehen. Bis dahin trägt Sandrine ihren Computer durch die Wohnung. Zum Sofa, zum Frühstückstisch und abends ins Bett. Morgens weckt Matthew Sandrine nicht mit einem Kuss, sondern über Skype, das beide die ganze Nacht laufen lassen. Sie kaufen sich DVDs immer doppelt, damit sie zusammen Filme schauen können: er in Dubai, sie in Hamburg.
Sandrine hat sich das nicht ausgesucht, genauso wenig wie Johannes, Jenni, Tina und Alexandra. Niemand mag Fernbeziehungen. Keiner von ihnen wollte sich je Gedanken machen über Roamingpreise, Billigflüge oder arabische Grammatik. Und erst recht nicht über Visa und Regeln zum Ehegattennachzug.
Erasmus steht für Anbandeln und unverfängliches Rumknutschen
Schuld ist das Auslandsstudium, die Weltreise, der Ferienjob als Animateurin. Oder wie bei Sandrine das Praktikum in Dubai, eine Party am Strand und Matthew, ein Engländer mit strahlendem Lächeln.
Wir reisen durch die Welt, treffen Menschen aus anderen Ländern, anderen Kulturen. Allein mit Erasmus, dem Austauschprogramm der Europäischen Union, gehen jedes Jahr mehr als 30 000 deutsche Studenten ins Ausland. Gut 47 Millionen Euro fließen dafür vom Deutschen Akademischen Austauschdienst. Wie sich die Weltenbummelei auf unser Liebesleben auswirkt, hat noch niemand untersucht.
Denn nirgendwo sind Anbandeln und unverfängliches Rumknutschen so einfach wie in internationalen Studentenwohnheimen, ob in Rom oder in Helsinki. Unterwegs im Auftrag der grenzüberschreitenden Bildung wird geflirtet und fremdgegangen.
Doch wenn aus Spaß Ernst, aus Flirten Liebe wird, dann sitzt man plötzlich im Flugzeug, und es fliegt in die falsche Richtung. Es fliegt nach Hause, weg von dem, bei dem man so gern wäre. Im Kopf rotieren dann die offenen Fragen. Roamingpreise. Visaregeln.
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