Glosse "Elfenbeinturm, 1. Stock": Der Burschenschafter
Ein echter Teutone muss sich keine Sorgen um seine Zukunft machen. Die wird verschafft. Und um die Vergangenheit auch nicht. Die wird ihm erklärt. Außerdem ist das Zimmer billig und das Bier auch. Kurzum: ein Mann mit Verbindungen.
Männer mit und ohne Mensuren: Burschenschafter unter sich
Nun galt es für Uwe. Holger hatte ihm grinsend Bier eingeschenkt. Eine Flasche, zwei Flaschen, drei Flaschen. Bis der Stiefel voll war. Die Kameraden und die Alten Herren waren aufgestanden und klopften rhythmisch auf den Tisch. Uwe setzte das Glas an und begann zu trinken. Ein eindrucksvoller Start, dann aber musste Uwe husten und dann ging nichts mehr. Uwe setzte das Glas ab, es war nicht einmal zur Hälfte leer. Die Tischrunde wartete. Doch Uwe setzte sich erschöpft und blickte um sich.
Alles nette Jungs, wirklich, die Jungs von der Teutonia. Der Axel, der Holger, der Ludger und der Christian. Chef war der Axel. Schließlich war Axel ein von und zu. Uraltes Adelsgeschlecht, der Vater ein hoch dekorierter Admiral und alter Herr der Teutonia. Axel hatte Uwe auch angesprochen. Damals, ganz am Anfang des Studiums. Als er neu war in der Stadt, niemanden kannte und auf der Suche nach einer Wohnung war.
Billig sei das Zimmer, hatte Axel gesagt, und die Kameradschaft im Haus sei einmalig. Uwe hatte genickt und eine Woche später das Zimmer bezogen. Auf Probe. Die ersten Wochen bei der Teutonia gefielen Uwe. Die Kameraden machten Ausflüge, und Ludger half ihm bei der Hausarbeit. Abends wurde gemeinsam im Keller gefeiert, Christian tanzte mit freiem Oberkörper zu Britney Spears. Irgendwann hatte auch einer mit Monokel einen Vortrag über das Sudetenland gehalten. Das fand Uwe aber langweilig, er ging früher ins Bett. Nach einem Monat beschloss er zu bleiben.
Bald kam die erste Fechtübung. Holger hatte ihm gezeigt, wie der Säbel zu führen ist. Links, rechts, Finte und zack. Der Säbel war schwer, und Uwe holte sich sofort eine Sehnenscheidenentzündung. Sehr schmerzhaft. Ruhig halten, sagte der Arzt und verschrieb Bandagen. Eine Woche später war dann Axel an der Reihe, gegen einen von der Saxonia. Im Keller hatten sie sich getroffen. Irgendwann rief einer "Abführen", mit blutigem Kopf saß Axel dann auf dem Stuhl, und die Kameraden machten stolz Fotos. Weil der Teutone sogar genäht werden musste, mit fünf groben Stichen und einem Rosshaar in der Wunde. "Gibt eine schöne Narbe", meinte der Arzt, auch ein Alter Herr der Teutonia.
Hinterher waren sie mit Mützen und Bändchen durch die Stadt marschiert. Der dicke Holger, der Axel mit Kopfverband und Uwe selbst. Uwe hatte auch einen Verband, wegen der Sehnenscheidenentzündung. Die hatte sich verschlimmert. Während des Spaziergangs grüßten die entgegenkommenden Mädchen anerkennend. Vielleicht lachten sie aber auch. Uwe war sich nicht mehr ganz sicher.
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Uwe blickte auf. Noch immer warteten die Kameraden auf Uwes zweiten Versuch. Der Stiefel stand vor ihm, die Schaumkrone war zusammengefallen. Uwe stand auf, setzte ein zweites Mal an und trank hastig. Irgendwann war der Stiefel leer. Axels Vater klopfte ihm anerkennend auf die Schulter, Uwe rülpste beherzt und lächelte stolz.
Demnächst bei UniSPIEGEL ONLINE: weitere Folgen der Serie "Elfenbeinturm, 1. Stock"
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