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Go-Spielen als Studienfach: Das Brett ruft

Von Bernd Klopfer

Louis Hacker hat eine Mission: Er will das uralte Brettspiel Go außerhalb Asiens populär machen, Nachwuchs ausbilden, damit Geld verdienen. Darum geht er für vier Jahre nach Südkorea - nur an einer einzigen Uni weltweit kann man Go studieren.

Für seinen Lebenstraum hat Louis Hacker, 25, alles getan. 10.000 US-Dollar aufgetrieben, viele Dokumente beglaubigt übersetzen lassen, Koreanisch gelernt und nebenbei noch das alte Leben in Deutschland aufgegeben.

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Bernd Klopfer

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Jetzt sitzt Louis in einer Wohnung in einer südkoreanischen Großstadt, bei seinem Meister Cho Seok-Bin, vertreibt sich die Zeit mit seinen Go-Strategiebüchern und erwartet nur noch eines sehnsüchtig: die erste Märzwoche. Denn dann beginnt sein Go-Studium an der Myongji-Universität. "Es war vor Go nie so, dass mir Spiele persönlich etwas gebracht haben", sagt er. In vier Jahren, wenn alles gut geht, will er mit seinem Studium fertig sein. Und dann mit Go Geld verdienen.

In Asien, vor allem aber in Südkorea, funktioniert das. Profispieler erhalten dort soviel wie ein durchschnittlicher Fußballspieler der deutschen Bundesliga. Es gibt in Südkorea zwei Pay-TV-Sender, die ausschließlich Ligaspiele zeigen und fünf Millionen Abonnenten haben. Go ist ein Geschäft, für Kommentatoren, Redakteure, Buchautoren, Lehrer. Und gleichzeitig das Spiel der Spiele, das für viele mehr ist als nur ein Hobby.

Willkommen im Go-Paradies

In Deutschland fristet Go ein Nischendasein, 50.000 spielen es nach Angaben des Deutschen Go-Bundes. Den Sprung nach Asien wagen wenige. Aus praktischen Gründen. Denn die dort üblichen Go-Schulen bereiten nur auf eine Karriere als Profispieler vor und nehmen meist nur Kinder sowie Jugendliche auf.

Anlaufpunkt für Go-Fans aus dem Westen ist daher die Großstadt Yongin, 35 Kilometer südlich von Seoul. Hier ist das Department of Baduk Studies der privaten Myongji-Universität - an keiner anderen Hochschule auf der ganzen Welt gibt es Go, das auf Koreanisch Baduk heißt, als reguläres Studienfach.

Dass er dort einen anerkannten Abschluss erhält, hat Louis von seinem Freund Cho Seok-Bin erfahren. Damals, im November 2006, in einer finnischen Sauna. "Ich habe ihn gefragt, ob er noch Platz für einen Schüler hat", sagt Louis. Cho Seok-Bin sagte spontan Ja, wurde sein Meister.

Go nach Deutschland importieren

Fortan kümmerte sich der Südkoreaner um alles, gab Louis Unterricht und half ihm, seinen Traum von einem Studium umzusetzen. Er verschaffte ihm auch einen Nebenjob als Englischlehrer in einer kleinen Privatschule, ein Zimmer in der Wohnung einer Bekannten. "Kost und Logis sind sogar frei", freut sich Louis.

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Hilfe bekommt er zudem von der Berlinerin Daniela Trinks, 30. Sie ist seit dem Sommer 2006 auf dem Campus und hat zuvor schon als selbstständige Go-Lehrerin in Deutschland gearbeitet. "Mich hat der interdisziplinäre Ansatz sehr interessiert", sagt Daniela: Pädagogik, Psychologie, Kultur, Geschichte des Spiels.

19 Wochenstunden besucht sie Vorlesungen und Seminare, dazu kommt die Zeit für Studiengruppen und Koreanischunterricht, um die Vorlesungen zu verstehen. Als ausländische Studentin zahlt Daniela pro Semester nur 1100 Euro Studiengebühren, 2300 Euro weniger als ein Koreaner. Im Sommer 2008 will die Berlinerin ihren Bachelor absolvieren. "Mein Traum ist es, später mit Freunden in Deutschland ein Go-Zentrum zu gründen, in dem täglich gespielt und studiert werden kann", sagt sie.

"Man kann am Anfang nichts berechnen"

Martin Stiassny, Manager der deutschen Go-Bundesliga und Vizepräsident der Europäischen Go-Förderation, freut sich über den aufkeimenden Go-Boom. Dennoch ist er skeptisch: "Wenn Sie davon leben wollen, geht das in Europa im Prinzip nicht." Deutschlands einflussreichster Go-Funktionär kennt nur eine Frau, die es schafft, weil sie via Internet unterrichtet. "Aber die hat viele ausländische Schüler", sagt Stiassny.

Louis Hacker macht sich trotzdem keine Sorgen. "Was willst du damit machen?", fragen ihn seine Freunde dauernd. Für Louis ist das klar: um die Welt reisen, Go bekannt machen, Schüler unterrichten, Geld verdienen. Irgendwie eben.

"Für mich ist Go eine Lebensphilosophie. Man kann am Anfang nichts berechnen", sagt Louis. Eindeutig sinnvolle oder sinnlose Züge gibt es nicht. Im Spiel wie im Leben.

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