Von Almut Steinecke
Leipzig um 12 Uhr mittags, die Sonne brennt, die Frisur sitzt noch nicht. Die 27-jährige Nicole ist gerade auf dem Zeltplatz auf dem Messegelände angekommen und unzufrieden. Sie hat sich ihre Haarteile noch nicht in ihre langen schwarzen, glänzenden Haare eingeflochten, himmelblaue Schläuche aus Plastik, sogenannte "Cyberloxx". "Ich bin erst perfekt gestylt, wenn ich die drin habe", sagt sie.
Nicole ist eine von rund 20.000 Besuchern des "Wave-Gotik-Treffens (WGT)". Dafür pilgern wie immer über Pfingsten Gothics aus ganz Deutschland und Europa nach Leipzig. In diesem Jahr jährt sich das WGT zum 20. Mal.
Wenn man zeltet, ist es eigentlich normal, dass man nicht ständig perfekt aussieht. Normalerweise geht es auf Festivals beim Pendeln zwischen Bühne und Zelt darum, Spaß zu haben, und vor allem nach Einbruch der Dunkelheit möglichst unfallfrei das eigene Zelt und dessen Eingang zu finden. Wie man dabei aussieht, ist egal.
Nicht so beim "Wave-Gotik-Treffen". Hier ist Zelten harte Arbeit, schließlich erschaffen sich die Schwarzen durch stundenlanges Styling ein höchst kunstvolles, aufwendiges Aussehen, so wie Nicole. Sie arbeitet als Verkäuferin im Einzelhandel, ihren Nachnamen will sie nicht verraten. "Meine Kollegen wissen nicht, dass ich in der schwarzen Szene bin, und das soll auch so bleiben", sagt sie.
"Ich musste mich überwinden, ohne Haarteile auf den Zeltplatz zu kommen"
Nicole bezeichnet sich selbst als "Cybergoth". Damit gehört sie zu jener Untergruppierung innerhalb der schwarzen Szene, deren Anhänger technoide Musik wie zum Beispiel Industrial-Electro-Noise hören. Sie kombinieren in ihren Outfits das obligatorische Schwarz mit Neonfarben und sehen mit Schweißerbrillen und Accessoire-Schnick-Schnack aus Plastik spacig aus wie kreative Aliens.
Es ist eine Herausforderung, sich mit den ganzen Utensilien, die fürs Zurechtmachen nötig sind, zu organisieren - in einem engen, heißen, niedrigen Zelt. Nicole seufzt. "Wenn alles durcheinanderfliegt, kriege ich Anfälle", sagt sie und rollt mit den großen Augen, an denen falsche blaue Wimpern kleben. Ohne Schminke geht Nicole nicht aus dem Zelt. "Es hat mich schon totale Überwindung gekostet, ohne meine Haarteile hier auf dem Zeltplatz anzukommen", sagt sie. Deswegen haben sie und ihr Freund Jens, 33, schnell das Igluzelt in Tarnfarben aufgebaut und fix hinter sich den Reißverschluss zugezogen. Eigentlich ist Nicole schon perfekt geschminkt, aber im Zelt flechtet sie sich die Haarteile ein und zupft noch einmal an ihrem Outfit.
Auch Isabell Kluge, 18, aus Dresden würde sich niemals ungeschminkt zeigen. "Ich geh' noch nicht mal nachts ungeschminkt aufs Dixie-Klo", sagt sie. "Dann ziehe ich mir eine Kapuze über den Kopf." Ungeschminkt fühle sie sich nackt, sagt sie. "Alleine deshalb, weil ich keine Augenbrauen habe." Den Haarflaum über ihren Augen hat sie sich abrasiert und ersetzt ihn durch dünne geschwungene Striche mit dem Eyeliner.
Spontane Toilettengänge sind nicht drin - das macht das Kleid nicht mit
Isabell, die eine Ausbildung als Kauffrau im Einzelhandel macht, teilt sich ihr Zelt mit Jenny Kretschmar, 20, aus Dresden, ebenfalls Verkäuferin im Einzelhandel. Die beiden sind nicht ganz freiwillig auf dem "WGT"-Zeltplatz gelandet: "Unser Wunschhostel war schon ausgebucht", sagt Isabell traurig. Da hätten sie eine eigene Dusche und ein eigenes Bett gehabt. Das wäre für sie praktischer gewesen - schließlich brauchen die Freundinnen zwei Stunden, bis sie geschminkt und angezogen sind, falsche Wimpern angeklebt, gruselige Kontaktlinsen eingesetzt und die weißen Perücken übergezogen haben, unter denen es umso mehr juckt, desto länger die Sonne darauf brennt.
Aber die Arbeit lohnt sich: Nach zwei Stunden ist aus Jenny "Miss Monster" und aus Isabell "Lady Zombie" geworden. "Wir können auf ein ziemlich gut eingespieltes Teamwork vertrauen", sagt Jenny. "Die eine hält den Spiegel, während die andere sich schminkt, wir schnüren uns gegenseitig unsere Korsetts." Spontane Toilettengänge sind nicht drin - das machen ihre Kleider nicht mit.
Auch Maria Fritz, 22, Krankenschwester, und Melanie Wernecke, 23, Metallbauerin, beide aus Würzburg, benötigen reichlich Vorlauf, bevor sie das Zelt verlassen. Die beiden stylen sich gerne schwarzromantisch im viktorianischen Stil. Melanie trägt heute ein Kleid mit einem ausladenden Reifrock und Maria eines mit "Hummerschwanz", also ein Kleid, das am Hinterteil sehr ausladend absteht.
"Mit einem Reifrock kommt man noch nicht mal ins Behinderten-Dixieklo", sagt Maria. Allein das Anziehen der alten Kleider dauert eine halbe Stunde, da kommt dann noch das Schminken obendrauf. "Deshalb duschen wir nachts, um Zeit zu sparen", sagt Melanie.
Patrick schläft nicht auf dem Rücken, sonst zerstört er seine Frisur
Im Vergleich dazu hat es Punk Patrick Brunner, der in einer anderen Ecke auf dem Zeltplatz campiert, richtig gut. Auch er ist gerade erst angekommen, der 20-Jährige hat eine weite Reise hinter sich, er kommt aus einem Dörfchen namens Weibern in Oberösterreich. Patrick hat mal eine Ausbildung zum Friseur angefangen, diese aber abgebrochen und orientiert sich gerade neu.
Beguckt man sich seine Friseur, einen imposanten, dichten, hoch aufgestellten Irokesenschnitt in Schwarz und Lila, fragt man sich, wie er damit auf einem Zeltplatz überleben will. Erfordert das Stylen eines Iros nicht erst recht ein voll ausgestattetes Badezimmer? "Nö", sagt Patrick. Der Iro eigne sich sogar überraschend gut als Zeltplatzfriseur, vorausgesetzt, man schläft ausschließlich auf der Seite und dreht sich im Schlaf möglichst nicht auf den Rücken. "Aber das macht man instinktiv nicht."
Wenn Patrick morgens aufsteht, braucht er den Haarkamm immer nur ein bisschen nachzujustieren, und gewaschen werden müssen die Haare sowieso nicht zwingend jeden Tag: Die Tonnen an austrocknendem Haarspray, die Patrick beim Stylen darauf sprüht, verzögern das Nachfetten verlässlich. Der Punk braucht noch nicht mal einen Spiegel. "Toupieren kann ich blind. Ich gehe einfach büschelweise vor", sagt er. "Ich habe mir mit der Zeit ein Gefühl dafür antrainiert, wann der Kamm nicht mehr weitergeht, wann genug Haarspray drin ist und der jeweilige Büschel steht."
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