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Guttenberg-Brief an Uni Bayreuth: "Überblick über Quellen teilweise verloren"

Karl-Theodor zu Guttenberg hat die Universität Bayreuth gebeten, seinen Doktorgrad wieder einzuziehen. SPIEGEL ONLINE dokumentiert den Wortlaut des Briefes. Darin schreibt der Verteidigungsminister, nicht mit Absicht geschummelt zu haben.

Guttenberg: "Zu keinem Zeitpunkt vorsätzlich oder absichtlich getäuscht" Zur Großansicht
DPA

Guttenberg: "Zu keinem Zeitpunkt vorsätzlich oder absichtlich getäuscht"

"Mit diesem Schreiben möchte ich Sie bitten, die Verleihung meines Doktorgrades zurückzunehmen.

In den letzten Tagen habe ich meine Dissertation nochmals selbst gründlich geprüft. Dabei kam ich zu dem Ergebnis, dass mir bei der Erarbeitung gravierende handwerkliche Fehler unterlaufen sind, die ordnungsgemäßem wissenschaftlichen Arbeiten widersprechen. Die Arbeit besitzt nach meiner Überzeugung dennoch ihren eigenen wissenschaftlichen Wert.

Eine Ursache für mein Fehlverhalten ist darin zu sehen, dass ich über einen zu langen Zeitraum, über sieben Jahre hinweg, mit zahlreichen Unterbrechungen an der Arbeit geschrieben und offensichtlich den Überblick über die Verwendung von Quellen teilweise verloren habe. Eine abschließende Stellungnahme kann ich im Moment leider noch nicht abgeben. Aber festhalten will ich doch, dass ich zu keinem Zeitpunkt vorsätzlich oder absichtlich getäuscht habe.

Dieser Schritt ist für mich besonders schmerzhaft, aber er ist eine Konsequenz aus meinen Fehlern. Er ist auch notwendig, um bereits eingetretenen Schaden für den hervorragenden Ruf der Universität Bayreuth, für meinen überaus honorigen Doktorvater und meinen so geschätzten Zweitkorrektor zu begrenzen. Zum anderen verlangt mein Amtsverständnis, dass ich mich mit ungeteilter Aufmerksamkeit den großen Herausforderungen meines Ministeriums annehme.

Aus den genannten Gründen bitte ich die Promotionskommission der Universität Bayreuth, meiner Bitte um Rücknahme der Verleihung meines Doktorgrades zu entsprechen und danke Ihnen sehr für Ihre Bemühungen."

otr/dapd

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1. Lesefrüchte
landloper 22.02.2011
Immerhin hat nun Herr zu Guttenberg seine Arbeit einmal aufmerksam durchgelesen. Das halte ich für eine Voraussetzung dafür, dass er versteht, womit er es zu tun hat - falls er das Geschriebene versteht. Wünschen wir es ihm!
2. Eingeständnis
iketchup 22.02.2011
Zitat von sysopKarl-Theodor zu Guttenberg hat die Universität Bayreuth gebeten, seinen Doktorgrad wieder einzuziehen. SPIEGEL ONLINE dokumentiert den Wortlaut des Briefes. Darin schreibt der Verteidigungsminister, nicht mit Absicht geschummelt zu haben. http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,747141,00.html
Nun, ich habe auch Anfang der 80er Jahre eine Diplomarbeit geschrieben, hatte ein Semester dafür Zeit. Ich hatte eine Schreibmaschine und musste meine Arbeit 3 mal neu schreiben, da mein Dipl.-Vater mit der Länge und Inhalt nicht einverstanden war. Auch ich habe mich vezettelt, habe mit Fußnoten und Nachweisen gekämpft, habe meine Arbeit durch 3 verschiedene Personen durchlesen lassen (die auch Ahnung von dem Stoffgebiet hatten, Physik). Wenn z.G. 7 Jahre für seine Dissertation Zeit hatte, glaube ich ihm schon, das er sich verzettelt hat, ungewollt. Auch ich hatte Familie (Frau und Kind) während meiner Diplomarbeit. Er räumt Fehler ein, aber in einer Einleitung darf so ein Fehler nicht passieren. Die Quelle hätte eindeutig gekennzeichnet werden müssen, wie alle anderen auch. Nur auffallend ist, das er seine Dissertation am WE noch einmal durchgelesen hat und er zum Schluss kam, das die Dissertation nicht mehr haltbar ist. Das hätte er auch noch vor seiner mündlichen Prüfung merken können, denn dort wird das geschriebene auch noch einmal abgefragt, so war es jedenfalls bei mir.
3. Das Chaos hätte er bemerken müssen und die Arbeit gar nicht abgeben dürfen
roadcrew 22.02.2011
Zitat von sysopKarl-Theodor zu Guttenberg hat die Universität Bayreuth gebeten, seinen Doktorgrad wieder einzuziehen. SPIEGEL ONLINE dokumentiert den Wortlaut des Briefes. Darin schreibt der Verteidigungsminister, nicht mit Absicht geschummelt zu haben. http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,747141,00.html
Er schreibt gerafft "...habe ich meine Dissertation nochmals selbst gründlich geprüft. ... Ergebnis: gravierende handwerkliche Fehler. Eine Ursache für mein Fehlverhalten ist darin zu sehen, dass ich über einen zu langen Zeitraum, über sieben Jahre hinweg, mit zahlreichen Unterbrechungen an der Arbeit geschrieben und offensichtlich den Überblick über die Verwendung von Quellen teilweise verloren habe... festhalten will ich doch, dass ich zu keinem Zeitpunkt vorsätzlich oder absichtlich getäuscht habe." Letzteres ist einfach nicht glaubwürdig. Der Umfang des Betrugs ist so umfassend, dass er seine Arbeit gar nicht hätte abgeben dürfen - denn *es muss ihm doch unterwegs irgendwann aufgefallen sein, dass er sich verzettelt.* Jeder, der so eine Art von Arbeit schon gemacht hat, erschaudert doch angesichts der Behauptung, dass Herr Guttenberg "offensichtlich den Überblick über die Verwendung von Quellen teilweise verloren" habe. In was für einem Chaos hat er denn das Machwerk zusammengeschustert? Offensichtlich hat Herr Guttenberg noch nicht einmal eine separate Quellendatei geführt und seine Quellen aufbewahrt. Wir leben doch nicht mehr im Zeitalter von mechanischen Schreibmaschinen und Matrizen. Hätte er die banalste Geschäftsgrundlage des wissenschaftlichen Arbeitens eingehalten, dann wäre ihm aufgefallen, dass viele der klugen Sentenzen in diesem Durcheinander gar nicht von ihm selber stammen... UND DAS IST DIE GUTWILLIGE ANNAHME, DASS BEI DER ARBEIT ALLES MIT RECHTEN (WENN AUCH HEILLOS CHAOTISCHEN) DINGEN ZUGEGANGEN IST. Das ganze Verhalten Herrn Guttenbergs lädt auch leider eben genau nicht dazu ein, ihm zu glauben. Statt insgeheim nach dem ersten Vorworf darauf zu kommen, dass womöglich in den sieben Jahren etwas durcheinander geraten sein könnte (und folglich sofort ins Krisenmanagement überzugehen), riskiert der Herr sogar noch eine dicke Lippe und nennt die Vorwürfe abstrus, gibt dann ein bisschen nach, wo die Wellen der Beweise bereits hereinbrechen, und will den Titel vorübergehend ruhen lassen. Bevor er, sicher von kompetenter Seite massiv gedrängt, diesen Jux-Doktor fahren lässt. Der Mann ist bis ins Mark unglaubwürdig. *Um sich zu retten, sollte Herr Guttenberg seinen Computer zwecks Beweissicherung seiner Unschuld für Experten zur Verfügung stellen. Man glaubt ja nicht, was Fachhleute auf so einem Computer alles an Protokollen und Abläufen herausfiltern können.* Wenn er ein reines Gewissen hat, dürfte das kein Problem sein. Wie verbohrt er ab er ist zeigt der Satz "Die Arbeit besitzt nach meiner Überzeugung dennoch ihren eigenen wissenschaftlichen Wert." Er hat es immer noch nicht kapiert, dass eine mit Plagiaten durchsetzte Arbeit gar nicht bewertet wird. Das ist fast schon krank.
4. Aufarbeitung hat erst begonnen
mh01973 22.02.2011
Zitat von landloperImmerhin hat nun Herr zu Guttenberg seine Arbeit einmal aufmerksam durchgelesen. Das halte ich für eine Voraussetzung dafür, dass er versteht, womit er es zu tun hat - falls er das Geschriebene versteht. Wünschen wir es ihm!
Nun, es ist ein gutes Buch. Wenn man nicht gerade darauf kommt, dass es ein Plagiat ist. Ich habe die Dissertation für eigene Zwecke gelesen und fand den Inhalt jedenfalls anregend. Dass er versteht, worum es geht, glaube ich ohne Weiteres, allerdings habe ich dieselbe Frage wie Sie. Und ich hoffe nicht, dass diese und andere Anschlussfragen nun ganz seicht begraben werden, dadurch dass er selbst den Titel abschüttelt. Und wiederum an alle, die das nicht wissen wollen und glauben, dass links-grüne Tagediebe hier in Wunden bohren wollen: natürlich sterben täglich auf der ganzen Welt Menschen, aber das ist kein Grund, eine Diskussion über unsere Werte, unseren Wohlstand und Redlichkeit nicht zu führen. Immerhin hat KT, der nicht vor den Bundestag wollte, auch geschafft, sich in der BUNTEN dieser Woche wieder groß zu produzieren.
5. Verfahren
scipio, 22.02.2011
Dieser Brief, da fehlen mir die Worte............... Den Zeitpunkt eines Freitods (Doktortitel zurücknehmen) ist lange verpasst. Ein Ordnungsgemäßes Aberkenungsverfahren seines Doktortitels und die damit verbundenen Konsequenzen, sollte der Herr zu Gutenberg erdulden. Eine Abkürzung in dieser Situation, wirft nur noch mehr Fragen auf. Vielleicht sollte jemand, seine vorherigen Examensarbeiten überprüfen, ob Unregelmäßigkeiten vorliegen. Wenn er weiterhin nur "in Relativierungen schreibt und spricht".
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Guttenbergs Kehrtwende
Erst bezeichnete er die Vorwürfe als "abstrus", später gab er dann doch Fehler in seiner Doktorarbeit zu. Karl-Theodor zu Guttenberg hat in den vergangenen Tagen äußerst unterschiedliche Aussagen zu den Plagiatsvorwürfen gegen ihn gemacht. Eine chronologische Übersicht über die Kehrtwende des Ministers.
Schriftliche Erklärung am Mittwoch, 16. Februar:
"Der Vorwurf, meine Doktorarbeit sei ein Plagiat, ist abstrus. Ich bin gerne bereit zu prüfen, ob bei über 1200 Fußnoten und 475 Seiten vereinzelt Fußnoten nicht oder nicht korrekt gesetzt sein sollten, und würde dies bei einer Neuauflage berücksichtigen. Und sollte jemand auf die Idee kommen zu behaupten, Mitarbeiter meiner Büros hätten an der wissenschaftlichen Erarbeitung meiner Dissertation mitgewirkt, stelle ich fest: Dies trifft nicht zu. Die Anfertigung dieser Arbeit war meine eigene Leistung."
Mündliche Erklärung am Freitag, 18. Februar:
"Für diese Stellungnahme bedurfte es keiner Aufforderung, und sie gab es auch nicht. Meine von mir verfasste Dissertation ist kein Plagiat, und den Vorwurf weise ich mit allem Nachdruck von mir. Sie ist über etwa sieben Jahre neben meiner Berufs- und Abgeordnetentätigkeit als junger Familienvater in mühevoller Kleinstarbeit entstanden, und sie enthält fraglos Fehler. Und über jeden einzelnen dieser Fehler bin ich selbst am unglücklichsten.

Es wurde allerdings zu keinem Zeitpunkt bewusst getäuscht oder bewusst die Urheberschaft nicht kenntlich gemacht. Sollte sich jemand hierdurch oder durch inkorrektes Setzen und Zitieren oder versäumtes Setzen von Fußnoten bei insgesamt 1300 Fußnoten und 475 Seiten verletzt fühlen, so tut mir das aufrichtig leid. Die eingehende Prüfung und Gewichtung dieser Fehler obliegt jetzt der Universität Bayreuth.

Ich werde selbstverständlich aktiv mithelfen festzustellen, inwiefern darin ein wissenschaftliches, ich betone: ein wissenschaftliches Fehlverhalten liegen könnte. Und ich werde gerne bis zum Ergebnis dieser Prüfung vorübergehend, ich betone: vorübergehend, auf das Führen des Titels verzichten, allerdings nur bis dahin, anschließend würde ich ihn wieder führen.

Ich werde mir keine anderen Maßstäbe anlegen, als ich bei anderen angesetzt hätte. Jede weitere Kommunikation über das Thema werde ich von nun an ausschließlich mit der Universität Bayreuth führen. Die Menschen in diesem Land erwarten, dass ich mich um das fordernde Amt des Verteidigungsministers mit voller Kraft kümmere, und das kann ich auch. Wir stehen vor einer historischen Bundeswehrreform. Und ich trage die Verantwortung für die Soldaten im Einsatz, wie ein Ereignis an dem heutigen Tag einmal mehr auf bittere Weise zeigt."
Rede bei einer CDU-Veranstaltung in Kelkheim am Montag, 21. Februar:
"Meine Damen und Herren, es hat ja so ein bisschen gemunkelt an der einen oder anderen Ecke: Kommt er denn überhaupt, drückt er sich? Soweit kommt es noch, meine Damen und Herren, dass man sich nach einem solchen Sturm drücken würde. Soweit kommt's noch. Und hier oben steht zu Ihrer aller Versicherung auch das Original und nicht das Plagiat (...).

Mir ist in diesen Tagen auch einfach noch mal wichtig zu sagen, dass ich nicht als Selbstverteidigungsminister gekommen bin (...), sondern als Bundesminister der Verteidigung der Bundesrepublik Deutschland, als Freund, als Nachbar (...) und insbesondere als einer, der in diesen Tagen auch deutlich macht, dass eine oberfränkische Wettertanne solche Stürme nicht umhaut.

(...) Da verlässt man nicht irgendwelche Schiffe, sondern da bleibt man an Deck und hält die Dinge entsprechend durch, und wenn es gelegentlich etwas absurd wird, dann hält man die Dinge auch einfach aus. Auch das ist, glaube ich, eine Erwartungshaltung, die Sie an jemanden haben, der in Verantwortung steht. Und so soll's auch sein.

Ich möchte das Thema gerne aufgreifen, weil es dieser Tage doch sehr, sehr interessiert, und ich weiß, dass man auch den Anspruch hat, dass jemand, der sich in die Öffentlichkeit begibt, dann auch in der Öffentlichkeit zu gewissen Dingen Stellung nimmt.

Und ich mache das mit großer Freude und von Herzen gerne vor Ihnen heute Abend - und nicht alleine vor der Hauptstadtpresse in Berlin. Sondern bewusst und gerne vor Ihnen, weil dieser Bezugspunkt, glaube ich, einer ist, der deutlich macht, dass uns die Öffentlichkeit als Öffentlichkeit wichtig ist. Und dass Sie erfahren können aus erstem Munde, was mir am Herzen liegt und in meinen Augen mitteilenswert ist und Sie nicht erst wieder durch Kommentierung letztlich erreicht. (...)

Ich habe in der - wenn man so will: "Affäre" um Plagiat: ja oder nein - an diesem (...) besonders gemütlichen Wochenende mir auch die Zeit nehmen dürfen, nicht das zu lesen und anzusehen, was da alles so geschrieben wurde und gesendet wurde, sondern mich auch noch einmal mit meiner Doktorarbeit zu beschäftigen. Ich glaube, dass war auch geboten und richtig, das zu tun. Und nach dieser Beschäftigung, meine Damen und Herren, habe ich auch festgestellt, wie richtig es war, dass ich am Freitag gesagt habe, dass ich den Doktortitel nicht führen werde.

Ich sage das ganz bewusst, weil ich am Wochenende, auch nachdem ich diese Arbeit noch einmal intensiv angesehen habe, feststellen musste, dass ich gravierende Fehler gemacht habe. Gravierende Fehler, die den wissenschaftlichen Kodex, den man so ansetzt, nicht erfüllen. Ich habe diese Fehler nicht bewusst gemacht, ich habe auch nicht bewusst oder absichtlich in irgendeiner Form getäuscht und musste mich natürlich auch selbst fragen, meine Damen und Herren: Wie konnte das geschehen? Und wie konnte das passieren?

Und so ist es, nach einem Blick, den man zurückwirft, dass man feststellt, man hat sechs, sieben Jahre an einer solchen Arbeit geschrieben und hat in diesen sechs, sieben Jahren möglicherweise an der ein oder anderen Stelle, an der ein oder anderen Stelle auch zu viel, auch teilweise den Überblick über die Quellen verloren.

Das ist eine Feststellung, die darf man treffen, und die muss man treffen. Und dann gibt es ganz besonders peinliche Beispiele dabei, etwa dass die "Frankfurter Allgemeine" so prominent in der Einleitung einer Doktorarbeit erscheint, das ist im Umfeld von Frankfurt am Main natürlich eher schmeichelhaft, meine Damen und Herren, aber es ist weniger schmeichelhaft in einer Doktorarbeit.

Und das sind selbstverständlich Fehler. Und ich bin selbst auch ein Mensch mit Fehlern und Schwächen. Und deswegen stehe ich auch zu diesen Fehlern. Und zwar öffentlich zu diesen Fehlern, meine Damen und Herren. Und ich bin auch ganz gerne bereit, dies in die hier stehenden Kameras zu sagen, die ja de facto heute hier wegen einer Kommunalwahl gekommen sind.

Und ich sage ebenso und mit der notwendigen (...) und mir in diesen Tagen gerne abgesprochenen Demut (...), dass ich mich von Herzen bei all jenen entschuldige, die ich mit Blick auf die Bearbeitung dieser Doktorarbeit verletzt habe. Das ist eine Entschuldigung, die von Herzen kommt und die als solche auch zu sehen ist. (...)

Die Entscheidung, meinen Doktortitel nicht zu führen, schmerzt, insbesondere wenn man sechs, sieben Jahre seines Lebens daran gearbeitet hat und insbesondere wenn man weiß, was die Familie da auch durchgemacht hat. Ich kann auch eines sagen: Ich habe diese Arbeit selber geschrieben, weil: Ich stehe auch zu dem Blödsinn, den ich da geschrieben habe. Ich habe sie selber geschrieben. (...)

Von daher ist das eine schmerzliche Entscheidung. Aber es ist eine wichtige Entscheidung, weil es auch gleichzeitig darum geht, dass man auch bereits eingetretenen Schaden, etwa für eine Universität, eingetretenen Schaden beim honorigen, hochgeschätzten Doktorvater, beim Zweitkorrektor zu begrenzen weiß. (...)

Dass wir am vergangenen Freitag in der Bundesrepublik, wenn man den Fernseher eingeschaltet hatte oder wenn man sich am nächsten Tag die gesamte Medienlandschaft in diesem Land angesehen hat, den Hauptaugenmerk mit Sondersendungen und allem Pipapo auf die gegebenen oder nicht gegebenen Fußnoten in einer ministeriellen Doktorarbeit gelegt haben und gleichzeitig der Umstand, dass in Afghanistan drei Soldaten gefallen sind und zehn Soldaten mitunter schwer verwundet worden sind und immer noch zwei mit dem Leben ringen, dieser Umstand zur Randnotiz verkommen ist, ist in meinen Augen kein wirkliches Beispiel für exzellenten Journalismus."

Fotostrecke
Inflation der Uni-Ehrentitel: Die Abräumer
Plagiate - wissenschaftliches Diebesgut
Veröffentliche oder verrecke
"Copy & paste" gilt als Trendsport bei Studenten, die sich Seminar- oder Abschlussarbeiten mitunter aus dem Internet zusammenräubern. Wie sauber aber arbeiten Professoren? "Publish or perish" verlangt die akademische Tradition: Als erfolgreich gilt, wer viele bedeutsame Fachartikel veröffentlicht. Da können auch gestandene Hochschullehrer der Versuchung erliegen, Ideen oder Texte zu klauen.
Sünder im Verborgenen
Geistiger Diebstahl bleibt der Natur der Sache nach verschwiegen und wird nur ausnahmsweise aufgedeckt. Vor allem das Internet verlockt als unendliches Dokumentengrab Hochschullehrer wie Studenten zu Grabräubereien. Heraus kommt das am ehesten durch Bestohlene, die auf den Widerhall ihres Werkes achten, oder Kollegen im selben Arbeitsbereich, häufig belesene Doktoranden. Immer wieder werden schlechte Beispiele von wissenschaftlichen Promis bekannt: aus der Philosophie und Theologie, der Mathematik und Medizin, den Rechts- wie den Wirtschaftswissenschaften.
Spielarten des geistigen Diebstahls
Ein Plagiat ist genaugenommen die geklaute Kopie eines fremden Textes, ohne Angabe der Fundstelle - von einzelnen Passagen bis zu kompletten Texten. Schwerer nachweisbar ist der bloße Ideenklau im kollegialen Austausch. Im Hochschulbetrieb ist anonymes Ghostwriting für einen anderen unzulässig, aber kaum auszurotten. Alles andere als selten ist auch die bloße "Ehrenautorschaft" eines Chefs, der sich von seinen Wasserträgern, den wahren Autoren, huckepack nehmen lässt, obwohl er bei der Publikation selbst keinen Finger gerührt hat - nach der alten Devise "Der Geist des Instituts schreibt immer mit".

Bernd Wegner, Chefredakteur des internationalen "Zentralblatt MATH", erzählt SPIEGEL ONLINE Beispiele aus dem schmuddeligen Nähkästchen der Naturwissenschaften: "Unabgeschlossene Diskussionsbeiträge, Pre-Prints, von einer öffentlichen Internetplattform kopieren und dann damit schneller als der wahre Autor in Druck gehen; oder als Gutachter fremde Arbeiten ablehnen und die dann selber, natürlich 'verbessert', zur Veröffentlichung einreichen; oder eine Arbeit auf Russisch in englischer Version als Innovation zu verkaufen - das sind die wirklich harten Fälle!"

Amtliche Aufklärung
An manchen Hochschulen werden studentische Prüfungsschriften automatisch mit einer handelsüblichen Plagiat-Software durchleuchtet. An jeder Hochschule gibt es einen Ansprechpartner für wissenschaftliches Fehlverhalten, außerdem einen bundesweit tätigen Wächterrat (www.ombudsman-fuer-die-wissenschaft.de). Diese Prüfstellen zielen auf eine gütliche Einigung zwischen den Streitparteien. Ansonsten steht der Rechtsweg offen, ein Hinweis an den Disziplinarvorgesetzten eines Hochschullehrers und eine Straf- oder Betrugsanzeige bei der Polizei.
Der Schaden der Opfer
Der geistige Dieb betrügt an zwei Stellen - dort, wo er klaut, und dort, wo er den Text weiter verhökert. Der wahre Autor oder sein Verlag können gerichtlich durchsetzen, dass als Buch veröffentlichtes Diebesgut nicht länger im Handel bleibt. Der Verlag, der das Plagiat zurückholen und vernichten muss, kann für seinen finanziellen Schaden den Plagiator selber haftbar machen. Es bleibt der immaterielle Schaden des Bestohlenen: Sein eigener Text, etwa eine Doktorarbeit, spukt oft im Internet unter dem Namen des Diebes weiter - und wird von ahnungslosen anderen mit der falschen Autorenangabe zitiert.
Strafen für die Täter
An der Uni Münster wurde 2009 ein Examenskandidat wegen Plagiats rechtskräftig exmatrikuliert. In Nordrhein-Westfalen müssen abschreibende Studenten mit bis zu 50.000 Euro Geldstrafe rechnen. Neuerdings verfolgen Staatsanwaltschaften plagiierte Doktorarbeiten "im öffentlichen Interesse", ganz ohne Anzeige eines Betroffenen; die Strafe liegt durchweg bei drei Monatsgehältern oder 90 Tagen Haft. Beamteten Hochschullehrern drohen Disziplinarstrafen von der (gängigen) Ermahnung bis zur (theoretischen) Entlassung aus dem Dienst, Angestellten böse Briefe von der Abmahnung bis zur außerordentlichen Kündigung. Gleichwohl gilt der geistige Diebstahl unter Professoren oft noch als Kavaliersdelikt. Deswegen ist noch niemand aus dem Deutschen Hochschulverband, der Standesvertretung der Uni-Dozenten, ausgeschlossen worden.
Weitere Infos
Zum Schutze der persönlichen Autorenrechte gelten an allen Hochschulen Richtlinien der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

Rechtsprofessor Volker will neu auftauchende Missbrauchsfälle laufend auf einer eigenen Webseite dokumentieren: www.wissenschaftsplagiat.de