Halbzeitpause für Marc: Der Bachelor im Speedboot

Bachelorstudent Marc Röhlig, 21, hat gerade erst angefangen und ist schon fast wieder fertig: Mit seinem dritten Semester ist das halbe Studium rum, die ersten Headhunter bieten Jobs. Dabei will Marc nur eines: mehr Zeit, verdammt.

Marc Röhlig

Draußen vor meinem Fenster überziehen Regentropfen die Birken mit einem Perlenkleid, die Schwarzwaldberge sind mit einer Schicht Puderzuckerschnee überzogen. Und über allem hängt ein Himmel, so leicht wie eine Betonbrücke. Es ist zum Seufzen.

Ich klebe hinter dem Schreibtisch und schaue, alle Semesterenden wieder, in Bücher und Mitschriebe. Doch dieses Mal schwurbelt mir eine schreckliche Wahrheit durch den Kopf: Mein Studium ist schon zur Hälfte rum. Als Bachelor rast man in sechs Semestern durch die Uni, ich befinde mich am Ende vom dritten. Bergfest, Halbzeit. Ich habe: Lateinschein, Arabischschein, drei Hausarbeiten, Überblicksklausuren, Proseminarprüfungen, Exkursion. Jetzt noch Übung, Hauptseminar, Abschlussarbeit.

Abschluss. Aus. Vorbei, drei Augenschläge, nachdem es erst angefangen hatte.

Lästern und Loben

Da das "Bätsch" vom Bachelor nun sowieso schon erarbeitet ist, kann ich ja mal lästern. Oder loben. Oder beides.

Es gibt Anwesenheitspflicht: Meine Unterschrift oder mein Kreuzchen oder mein Häkchen bezeugen, dass ich im Kurs mindestens körperlich anwesend war. Die Sache ist natürlich nicht fälschungssicher, aber sie will etwas Grundlegendes: Respekt gegenüber dem Dozenten und seiner Lehrveranstaltung erzeugen.

Finde ich gut. Klar, auch ich reize meine zwei Fehlstunden pro Kurs aus, aber fester Stundenplan mit fester Anwesenheit – diese Art Verschulung bewahrt viele vor größerem Unheil.

Es gibt Veranstaltungszwang: Als Bachelor habe ich ein festes Schema an Pflichtveranstaltungen und Wahlpflichtterminen. Es gibt zwar relative Freiheit, wann ich was besuchen kann – aber die Themen sind insgesamt in ein enges Korsett gezwängt. Wenn ich zum Beispiel ein Proseminar zur deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert besuche, darf ich keines mehr zu deutscher Geschichte im 16. bis 19. Jahrhundert einbringen. Oder umgekehrt.

Der kleine Glücksfall am Veranstaltungszwang ist: Ich komme in Seminare, von denen ich nie erwartet hätte, dass sie interessant sind. Der große Fehler ist: Ich verpasse viele Seminare, bei denen ich mir sicher bin, dass sie interessant sind. Das, was studere ausmacht, wird hier radikal geköpft. Dem Geisteswissenschaftler wird das genommen, was er zum Lesen, Lesen, Lesen am meisten braucht: Zeit und Freiraum.

"Ihre Fähigkeiten als Bachelor"

Es gibt – oh mein Gott – Klausuren: Bachelorstudenten klagen, dass sie am Semesterende soooo viel zu tun haben. Fünf Klausuren, manchmal an direkt aufeinander folgenden Tagen. Und danach gleich Hausarbeit. Jeder normal arbeitende Mensch, der diese Sorgen hört, greift sich an den Kopf. Wie sind die bloß durchs Abi gekommen?

Klar, die Uni bietet ein anderes Lernpensum als die Penne. Aber eigentlich ging’s mir nie so gut: nicht mehr täglich halb sieben aufstehen, Prüfungen nur einmal im Halbjahr, und für Fehlen oder Quatschen schreibt der Prof nicht gleich einen Elternbrief.

Es gibt: keine Zeit. Das Studium, besonders in der Geisteswissenschaft, wird im Rekordtempo durchgezogen. Drei Jahre: Kopf auf, Wissen rein, auf die Arbeitsplätze, fertig, los! Das halte ich für das angeschossene Bein vom Marathonläufer Bachelor. Ich habe die erste Hälfte meines Studiums beendet, schon warten in meinem Briefkasten die ersten Headhunter: "Sie sind auf der Suche nach einem herausfordernden Berufseinstieg, der optimal auf Ihre Erfahrungen und Ihre Fähigkeiten als Bachelor ausgerichtet ist?"

Wat? Nein, verdammt. Ich bin auf der Suche nach… Ja, was eigentlich? Auf der Suche nach Fragen? Oder Antworten? Eine habe ich schon: "zefix, es geht mir zu fix!"

Nussschale gegen Speedboot

Was bringt die Turbo-Ausbildung eigentlich? Managerkurse im Kindergarten, Chinesisch in der Grundschule, Abi im Eiltempo, Bachelor – erwachsen mit 21. In anderen Ländern darf man mit 21 gerade Alkohol trinken; dann soll man Entscheidungen treffen, in Firmen einsteigen und Familien gründen. Schön, dass die Wirtschaft den Turbostudenten will – aber was will eigentlich der Turbostudent? Vielleicht mal ins Ausland? Geht in so einem engen Stundenplan leider überhaupt nicht. Wissen sammeln, gar forschen? Bitte erst nach dem Studium.

Die Hälfte ist rum, die Bücher stapeln sich. Ich mag das Fordernde am Bachelor, es zeigt mir, dass mein Studium auch Leistung bedeutet. Verschult ist der Bachelor noch lange nicht. Aber ich vermisse ein Gefühl, dass ich als "neuer" Student gar nicht kennen kann. Dieses universitäre Gefühl. Dieses Gefühl von maximaler Freiheit. Dieses "Lern was und wann du willst"-Ding – manchmal wabbert es noch durch die Hörsäle. Dieser Ozean voll Wissen und Weite, denn man mit einer Nussschale bereisen darf. Doch das ist vorbei, der Student von heute steigt ins Speedboot um. Es ist zum Seufzen.

Die Sonne zeichnet einen Lichtteppich auf meinen Schreibtisch, hat mittlerweile den Betonhimmel zerbrochen. Ich hab' doch noch so viel Zeit. Kann ich die zweite Halbzeit vielleicht auf die Bank?

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