Handschriften zum Gruseln: Junge, wie du wieder schreibst!

Ärzte haben eine Sauklaue, Notare schreiben wie Schulmädchen. Zeig mir deine Handschrift, und ich sage dir, wer du bist - wenn's nur so einfach wäre! Im Hochschulmagazin "duz" sinniert Juraprofessor Thomas Hoeren über Schriftbild, Wortschatz und Rechtschreibung seiner Studenten.

Was wollen uns diese Zeilen in des Autors Handschrift sagen? Seine Studenten werden sehr deutlich: "Ihre Handschrift ist gruselig" Zur Großansicht
Thomas Hoeren

Was wollen uns diese Zeilen in des Autors Handschrift sagen? Seine Studenten werden sehr deutlich: "Ihre Handschrift ist gruselig"

Oh Junge, wie du wieder schreibst - aus dir kann nur ein Mediziner werden", sagte mein Opa als Kind oft zu mir. "Handschrift ausreichend" - so stand es als Kopfnote in meinem Grundschulzeugnis. Und die studentische Vorlesungskritik zeigt, dass sich nichts geändert hat: "Ihre Handschrift ist gruselig", "Wer soll das lesen können?", "Üben, üben, üben".

Und so einer schreibt hier also was über Handschriften. Aber der Kritiker der Elche ist eben nicht selber einer. Und damit geht es mit der Lästerei auch schon los. Klausur Sachenrecht, ich sitze ratlos vor einem Konvolut von Textpassagen, mit Pfeilen verbunden, "siehe S. 3 unten", "hier weiter X1", "jetzt S. 1 unten weiterlesen".

In meinen fiebrigen Tagträumen zieht Arno Schmidts Zettels Traum vorbei; ich beginne zu schwitzen. Und entnervt gebe ich nach zwei Stunden auf. Was mache ich nur?

Da kam mir die Idee: Vorlesen lassen! Ich bestellte den Studenten nach Hause, nahm mir ein Glas Rotwein und schloss die Augen. Doch was dann kam, war noch ärger: ein rotangelaufener, stammelnder Blondschopf, der vor lauter Pfeilen und Kreuzen seine eigene Arbeit selbst nicht rekonstruieren konnte. Kein Wunder, dachte ich, bei Jungen gibt es unleserliche Handschriften häufiger als bei Mädchen, da bei den Mädchen die Feinmotorik schon früher und besser ausgeprägt ist. Aber zum Trost: Es gibt berühmte Intellektuelle mit fatalen Handschriften, wie zum Beispiel Tolstoi oder James Joyce.

Gerade Jurastudenten trainieren eine schöne Unterschrift

Kommen wir zur Kulturkritik. Handschriftenhasserin Anne Trubek glossierte vor einigen Monaten in der "Neuen Zürcher Zeitung": "Die Handschrift ist eine unnatürliche Art zu schreiben. Wir sollten sie auf den Müllhaufen der Geschichte werfen und nicht mehr unsere Kinder drangsalieren." Die Studenten können heute nicht mehr mit der Hand schreiben. Die SMS-Generation verweigert sich Tinte und Feder und beschränkt sich selbst aufs Tippen möglichst kurzer Nachrichten in Blackberrys und Laptops. Die Unis ziehen hinterher: Seminararbeiten müssen elektronisch eingereicht werden (was wäre eigentlich, wenn jemand seine Arbeit handschriftlich erstellt?).

So wehklagen viele der Kulturpressimisten über den Niedergang der Handschrift, bemerken aber nicht, daß es auch die Gegenbewegung gibt. Es werden teure Füller gekauft, mit Handaufzug für die Tinte und japanischem Washi-Papier. Studenten schicken sich Briefe, füllen Tagebücher, beschenken sich mit selbst geschriebenen Gedichten.

Trainiert wird eine schöne Unterschrift gerade bei Jurastudenten, den künftigen Notaren und Richtern, die eines Tages mit ihrer Unterschrift viel bewirken können. So entdeckte ich in der Vorlesung einen äußerst fleißigen Studenten, der mit großem Eifer seinen Notizblock beschrieb. Ich fragte, was er da schreibe: "Ich schreibe das Vorwort zur Beckschen Textausgabe des BGB ab, und das schon zum achten Mal." Fein säuberlich hatte er sein Heft mit ziselierten Lettern gefüllt, angeblich für ihn die beste Möglichkeit, um sich zu konzentrieren.

Menschen sterben, weil ihre Ärzte unleserliche Rezepte ausstellen

Die Schrift-Expertin Kitty Burny Florey scheint recht zu haben, die in ihrem 2009 veröffentlichten Buch "Script and Scribble: The Rise and Fall of Handwriting" eine Renaissance der Handschrift im Entstehen sieht. Und so dürfte ihr Petitum auf viele, weit geöffnete studentische Ohren stoßen: "Ich schlage vor, Sie nehmen sich eine halbe Stunde Zeit, greifen zu einem Blatt Papier und einem Füller und schreiben in Ihrer schönsten Schrift ein Gedicht, beginnen ein Tagebuch, schicken einen Gruß an einen Freund oder ... verfassen einen Liebesbrief."

Rätsel aber bleiben. Wieso haben eigentlich tatsächlich Ärzte eine so unleserliche Handschrift? Und Apotheker eine so gute? Warum unterschreiben Rechtsanwälte so schlecht, dass es eine eigene Rechtsprechung zur Lesbarkeit von anwaltlichen Paraphen gibt? Und Notare haben majestätische Unterschriften, während die Signatur von Theologen dem Gekritzel eines schüchternen zwölfjährigen Mädchens ähnlich sieht. Im Internet wird diskutiert: "Wie erkennt man die Handschrift Satans in Usenetartikeln?" Ist eine unleserliche Signatur Ausdruck von Intelligenz oder von Legasthenie oder von beidem? Und wer bedenkt die Folgen schlechter Handschriften?

Nach Berechnungen des Institute of Medicine der National Academies of Sciences sterben in den USA jedes Jahr 7000 Menschen, weil ihre Ärzte unleserliche Rezepte ausstellen.

Sauklaue als Selbstschutz

Eine unleserliche Handschrift kann aber auch ein Selbstschutz sein, wie das Bundesverwaltungsgericht im Oktober 2005 entschied. Das Gericht lehnte disziplinarrechtliche Maßnahmen gegen einen Beamten ab, der seine gehässigen Bemerkungen über Kollegen in schlecht lesbaren Kladden in seinem Dienstzimmer notierte: Die "ausgesprochen unleserliche Handschrift des Beamten" lasse "ein Auffinden und Verbreiten durch Dritte nicht erwarten".

Angesichts dieser Ambivalenzen machen mir die Rechtschreib- und Grammatikkenntnisse der Studierenden mehr Sorgen. Immer wieder tauchen die gleichen Fehler auf, sei es "Vorraussetzung" oder "Entgeld". Dann wieder fehlen Kommata, Punkte, und das Semikolon gibt es auch so gut wie nie. Bandwurmsätze, Substantivierungen, abenteuerliche Brüche im Satzbau.

In meiner Not habe ich eine Liste verbotener Wörter ins Netz gestellt:

  • Ich gehe davon aus
  • hinterfragen
  • Innovation
  • macht Sinn
  • der aufzufächernde Grundsatz
  • ein Grundsatz kommt zum Tragen
  • ein Argument bleibt noch außen vor
  • relevant
  • diesbezüglich
  • nichtsdestotrotz
  • adäquat
  • eigentlich
  • zum Kern der Sache kommen
  • auflisten; grundsätzlich
  • zweifelsohne
  • bzw.
  • ohnehin
  • irgendwie
  • quasi
  • zum einen (es sei denn im nächsten Satz kommt "zum anderen")

Und so stellt sich nicht die Frage nach dem Niedergang der Handschrift, sondern allgemein nach dem Niedergang der Schriftsprache im Orkus des Internet-Denglish. Der Rechtswissenschaftler Felix Dahn hat einfach recht, wenn er das Problem der schlechten Handschrift als kleines Übel beschreibt: "Bücher zu schreiben ist leicht, es verlangt nur Feder und Tinte und das geduld'ge Papier. Bücher zu drucken ist schon schwerer; weil oft das Genie sich erfreut unleserlicher Handschrift. Bücher zu lesen ist noch schwerer von wegen des Schlafs. Aber das schwierigste Werk, das ein sterblicher Mann bei den Deutschen auszuführen vermag, ist zu verkaufen ein Buch."

Der Text von Thomas Hoeren erschien im Hochschulmagazin "duz"

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1. Die allgemeine Verwässerung der Qualität ist standard, ...
Sapientia 10.01.2011
Zitat von sysopÄrzte haben eine Sauklaue, Notare schreiben wie Schulmädchen. Zeig mir deine Handschrift, und ich sage dir, wer du bist*- wenn's nur so einfach wäre! Im Hochschulmagazin "duz" sinniert Juraprofessor Thomas Hoeren über Schriftbild, Wortschatz und Rechtschreibung seiner Studenten. http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,736490,00.html
damit die Ackermann oben ihre Ruhe haben. Rechtsprofessoren stellen sich im Spiegel selbst aus, Studenten kopieren statt studieren, Rechtschreibung ist nebensächlich geworden, Schriftbilder sind an der Tagesordnung, die eher dem Bild, als habe ein Huhn in den Sand gekratzt ähneln, als dass man davon ausgeht, ein Mensch habe hier versucht, über irgend etwas zu informieren. Der Spiegel, SPON, verleiht ihm dann noch die Absolution, in dem irgendwelche Selbstaussteller sich ein Podium schaffen dürfen. Warum berichten Sie nicht gleich aus dem Kindergarten aus der Sicht des Kindes? Ackermann wird sich freuen
2.
Bobby Shaftoe, 10.01.2011
Unverständlich, warum der Autor in seinen eigenen PDF-Leitlinien mit merkwürdigen Prefix-Punkten innerhalb seiner Auflistung auf Seite 7 um sich wirft.
3. Schlampige Handschrift
synapse-xy 10.01.2011
Mein Cousin war auch Jurastudent und bekam ständig Ärger und schlechtere Noten wegen seiner Handschrift, 1 1/2 Jahre vor seinem Examen hat er angefangen ein Handschrift-Coaching zu machen und siehe da, es hat geholfen. Er schreibt jetzt größer und leserlich und ist froh. Das reicht doch. Aber es ist wohl schwer, dort Termine zu bekommen. Ich würde es versuchen: Handschrift-Institut www.europhi.de Ich hätte auch nicht gedacht, dass man das als Erwachsener noch ändern kann. Es geht wohl auch mit dem Buch "Lesbar schreiben" von Susanne Dorendorff - aber da hat man dann leider keine persönliche Beratung und die ist m. E. sehr wichtig dabei.
4. schöner Artikel
Fackus 10.01.2011
der einiges vom aktuellen Zeitgeist widerspiegelt. Nach 20 Jahren am PC fällt es einem manchmal ja schon schwer, seine Unterschrift hinzukritzeln. Nach 'ner ganzen Seite Text hat man das Gefühl, die Hand fault einem ab. 'Schön' schreiben ist passé. Ein Stück Kultur ist schon verlorengegangen durch den PC, erst recht aber durch die unselige Erfindung der SMS. Und die Liste der 'verbotenen Wörter' liesse sich um ein Vielfaches erweitern. Meine aktuellen Favoriten zum Ekeln: Die im Text eingestreute Pestbeulen 'aka', 'imo' und am schlimmsten 'imho'. Wer hat das bloss aufgebracht !?
5. Fürchterliche Schriftsprache
hepra 10.01.2011
Aus dem Artikel: "Und so stellt sich nicht die Frage nach dem Niedergang der Handschrift, sondern allgemein nach dem Niedergang der Schriftsprache im Orkus des Internet-Denglish." Um den Niedergang der deutschen Schriftsprache zu erkennen, muss man nur die Leserkommentare zu den Artikeln der Online-Ausgaben der deutschen Presse lesen. Aber nicht nur das. Auch bei vielen Artikeln selbst graust es einem - besonders was die Syntax betrifft. Für den Deutschunterricht müssen Inhaltsangaben, Zusammenfassungen, Charakteristiken, Analysen usw. usf. angefertigt werden, aber wie ein Satz in deutscher Sprache korrekt zusammengesetzt wird, lernen die Schüler anscheinend nicht mehr.
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duz - Deutsche Universitätszeitung
Magazin für Forscher und Wissenschaftsmanager
Heft 1/2011

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Zur Person
DPA
Thomas Hoeren ist Professor für Informationsrecht und Rechtsinformatik an der Uni Münster, bekennt sich offen zu seiner etwas unleserlichen Handschrift. Vielleicht ein Trost: Sagt man solchen Menschen doch vielerlei (geniale) Talente nach. Geboren wurde der Vater zweier Töchter - von denen die jüngere übrigens seine Handschrift geerbt hat - 1961 in Dinslaken. Hoeren studierte Theologie und Rechtswissenschaften in Münster, Tübingen und London und promovierte 1989 über "Softwareüberlassung als Sachkauf". Er beriet in den 90erJahren die EUKommission und ist seit 1996 auch Richter am Oberlandesgericht Düsseldorf. Nach einer Professur an der Uni Düsseldorf lehrt er seit 1997 an der Uni Münster, wo er sich mit seiner unterhaltsamen Vortragsweise eine beachtliche Fangemeinde schuf.
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