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Deutschlands beste Profs: Erstsemester-Frühsport mit Heather Hofmeister

Von Caroline Schmidt

Professorin Heather Hofmeister: Bestnoten auf MeinProf.deZur Großansicht
Silja Götz

Professorin Heather Hofmeister: Bestnoten auf MeinProf.de

Qualität kommt von Qual - so in etwa lautet Heather Hofmeisters Schlachtruf fürs Studieren. Die Professorin für Soziologie in Frankfurt am Main lehrt an der Universität Horkheimers und Adornos und fühlt sich diesen Koryphäen verpflichtet. Von ihren Studenten verlangt sie Höchstleistungen.

Das Kleid der Soziologieprofessorin ist dunkelgrau, kurz und elegant. Und wenn Heather Hofmeister darin an diesem Morgen vor 800 Studenten in der Vorlesung auf- und abläuft, das Mikrofon in der Hand, könnte der Unterschied zu den alten Zeiten nicht größer sein. Hier an der Universität Frankfurt lehrten in den fünfziger und sechziger Jahren einige Giganten der Soziologie: knorrige Charaktere wie Jürgen Habermas, Max Horkheimer und Theodor Adorno, die mit ihren Theorien die 68er befeuerten.

Heather Hofmeister will der großen Vergangenheit eine große Zukunft folgen lassen. Gerade spricht sie über die vielen Essays und Aufsätze, die die Studenten im Laufe des Semesters anfertigen müssen. Ein missbilligendes Murmeln geht durch die Reihen. Hofmeister erwidert: "The times you struggle are often when you learn the most." Frei übersetzt: Qualität kommt von Qual. Es klingt wie ihr Schlachtruf.

Viel kritisieren und viel verlangen

Heather Hofmeister ist eine Art Trainerin. Sie spornt ihre Studenten an, sie kritisiert viel und verlangt viel. Am Ende der Vorlesung lässt sie die Studenten oft in ein paar Absätzen aufschreiben, was sie gelernt haben. In der Einführungsvorlesung müssen ihre Schüler zudem jede Woche dreiseitige Essays und Aufsätze abliefern, etwa über die Kunst des Analysierens oder wichtige Fragen der Forschung. Und am Ende des Semester sollen sie sogar "Portfolios" zusammenstellen mit all ihren Texten und Mitschriften. Damit Hofmeister überprüfen kann, wie weit sie schon "soziologisch denken". Auch das elegante Kleid ist Teil ihres Lehrplans: "Für mich ist es ein Erfolg, wenn die Studierenden gelernt haben, dass nicht nur graubärtige Männer Soziologie lehren können."

Soziologie versucht unter anderem, die verdeckten Strukturen der Gesellschaft aufzuspüren, die Machtverhältnisse, die Zusammenhänge. Wie verändert sich zum Beispiel ein Land, in dem nicht nur fast alle Männer arbeiten gehen, sondern auch fast alle Frauen? Was bedeutet das für die Kindererziehung?

Hofmeister betreibt die Suche nach Antworten genauso leidenschaftlich, wie andere Forscher das menschliche Genom entschlüsseln. Den Studenten versucht sie ihre Faszination durch anschauliche Beispiele aus dem Alltag zu vermitteln, zum Beispiel durch die Produkte einer großen Kaffeehauskette. Woher bezieht die Kette diese? Und was heißt das für die Erntehelfer und ihre Familien? Damit auch wirklich jeder mitkommt, wird alles in kleinen Tutorien nachher noch einmal wiederholt.

So lange üben, bis es klappt

Nicht viele Professoren engagieren sich in Deutschland so für die Lehre. Oft rasseln sie in den Vorlesungen nur den Stoff herunter - und wenn einer etwas nicht verstanden hat, muss er selbst sehen, wie er klarkommt. Die Studenten danken es Hofmeister auf ihre Art: zum Beispiel auf der Internetseite MeinProf.de, da bekommt sie stets Bestnoten.

Die 40-jährige Amerikanerin wuchs in Houston, Texas, auf. Sie studierte an der dortigen Rice University. Ihren amerikanischen Doktor - den Ph.D. - machte sie an der Cornell University in Ithaca, New York. An beiden Unis gibt es Lerngruppen, in denen sich die Professoren viel Zeit für jeden Einzelnen nehmen können. Dort werde alles getan, so Hofmeister, dass die Studenten ihr Studium möglichst erfolgreich abschließen könnten. Wenn einer Schwierigkeiten habe, übe man eben so lange, bis es klappt. "Hier wird dagegen immer noch erwartet, dass die Studenten alles schon mitbringen." Was sie meistens nicht täten, sagt Hofmeister: Viele deutsche Schulabgänger könnten kaum schwierige Texte analysieren, geschweige denn Essays schreiben.

Um ihren Studenten einen guten Start zu ermöglichen, trainiert Hofmeister gerade die Erstsemester besonders hart. Der Unmut, den das mitunter auslöst, irritierte die Amerikanerin anfänglich. "Aber dann denke ich immer, starke negative Gefühle bringen bessere Lernergebnisse und bleiben viel länger in Erinnerung als Gleichgültigkeit, oder?"

Heather Hofmeister, 40, studierte Soziologie in Houston und promovierte an der Cornell University in Ithaca. 2002 zog sie nach Deutschland und wurde wissenschaftliche Assistentin an der Uni Bielefeld. Nach Aufenthalten als Dozentin in Bamberg und Aachen wurde sie 2011 Professorin in Frankfurt am Main.

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insgesamt 14 Beiträge
hlschorsch 15.04.2013
Wie will sie denn 800 Portfolios bzw. Essays pro Woche korrigieren?
Wie will sie denn 800 Portfolios bzw. Essays pro Woche korrigieren?
return33 15.04.2013
Seit wann korriegiert ein Prof Aufsätze selbst? Dein Prof. liest mit viel Glück deine Diplomarbeit sofern er Ersprüfer ist (und das oft nur in Teilen). Alles andere davor wird von einer studentischen Hilfskraft, einem [...]
Zitat von hlschorschWie will sie denn 800 Portfolios bzw. Essays pro Woche korrigieren?
Seit wann korriegiert ein Prof Aufsätze selbst? Dein Prof. liest mit viel Glück deine Diplomarbeit sofern er Ersprüfer ist (und das oft nur in Teilen). Alles andere davor wird von einer studentischen Hilfskraft, einem akademischen Mitarbeiter oder sonst nem "Hiwi" geprüft. Üblicherweise werden bei längeren Sachen noch Kurzzusammenfassungen am Anfang verlangt. Merkregel: Ist die Zusammenfassung gut und der Rest der Seiten beschrieben hat man bestanden. (Ich habe mal scherzhaft auf den 20 Seiten hinter den 1,5 Seiten Zusammenfassung ein Skript einer anderen Vorlesung angefügt ... hat keiner gemerkt...)
zensorsliebling 15.04.2013
zeigen, dass sie es sich nochmal überlegen sollten. Während meines Chemiestudiums mussten alle Studenten fortwährend Vorlesungs- und Praktikumsmappen führen. Stichprobenartig wurde man zum Gespräch gebeten und die Qualität der [...]
zeigen, dass sie es sich nochmal überlegen sollten. Während meines Chemiestudiums mussten alle Studenten fortwährend Vorlesungs- und Praktikumsmappen führen. Stichprobenartig wurde man zum Gespräch gebeten und die Qualität der eigenen Protokolle hinterfragt. Mit Schlendrian und Bummelitis infizierte Erstsemester braucht keine Uni.
lafrench 15.04.2013
Im amerikanischen Studiensystem wird häufig jede Woche in einer Veranstaltung erwartet, 500 Seiten zu lesen. Das Manko der Methode ist: diese 500 Seiten werden dann nur oberflächlich in 2 Stunden besprochen. Das ist reiner, [...]
Im amerikanischen Studiensystem wird häufig jede Woche in einer Veranstaltung erwartet, 500 Seiten zu lesen. Das Manko der Methode ist: diese 500 Seiten werden dann nur oberflächlich in 2 Stunden besprochen. Das ist reiner, amerikanischer Pragmatismus. In Deutschland wird halt nur ein oder zwei Werke im Semianr besprochen - aber dafür in die Tiefe (und das dauert dann halt länger). Systemrelevant ist hierbei: in den USA hat der Student pro Woche nur 4 Veranstaltungen, damit ist es kein Problem, wenn der Aufwand pro Lehrveranstaltung ENORM ist. In Deutschland sehen die Studienpläne heute hingegen weit mehr als 4 Stunden pro Woche vor. Ich will sagen: darum sollten wir uns als Dozenten Gedanken machen, denn häufig packen wir die eigenen Seminare zu voll und vergessen, dass die Studierenden eben einfach noch viel mehr Seminare machen müssen. Wenn dann jeder Seminarleiter 500 Seiten Lesen, Quizzes und Essays verlangt, kommen die Studenten nie aus der Uni raus. Hier wird wieder ein Schritt zurück gemacht zum alten System - vor der BA/MA Reform: Studienzeitverlängerung durch Aufplustern des Programms. Und eigentlich sollten die Studenten nur schnell durchkommen um zu arbeiten. Nicht jeder Studenten hat das Zeug zum Wissenschaftler!
r.wawer 15.04.2013
Anderntags fragt sich diese Professorin, die besondere Höchstleistungen einfordert, warum wir in einer recht ungerechten Höchstleistungsgesellschaft leben und welche Gegenmodelle dagegen existieren könnten (ha ha)
Anderntags fragt sich diese Professorin, die besondere Höchstleistungen einfordert, warum wir in einer recht ungerechten Höchstleistungsgesellschaft leben und welche Gegenmodelle dagegen existieren könnten (ha ha)
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Heft 2/2013 Das große Schummeln Warum so viele Studenten bei anderen abschreiben



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