SPIEGEL ONLINE: Herr Professor Winkler, kann man Sie mit Wissensfragen aus Ihrem Fachgebiet überraschen?
Heinrich August Winkler: Mit Sicherheit ja, weil alles historische Wissen fragmentarisch ist und ich schon als Student gelernt habe, dass es in der Geschichtswissenschaft mehr auf Erkenntnis als auf Kenntnis ankommt. Das heißt, erst wenn man eine Frage an die Geschichte hat, ergibt sich daraus, welche Fakten wichtig sind und welche weniger.
SPIEGEL ONLINE: Der Laie denkt natürlich, ein Geschichtsprofessor weiß eigentlich alles - das stimmt aber offenbar nicht.
Winkler: Das stimmt in keiner Weise. Wir haben gerade auch in der Geschichtswissenschaft eine erhebliche Spezialisierung erlebt, mit dem Ergebnis, dass wir über immer weniger immer mehr wissen, und das ist eine durchaus problematische Entwicklung. Das führt dann dazu, dass wir den größeren, europäischen Zusammenhang der deutschen Geschichte aus den Augen verlieren, von der globalen Geschichte ganz zu schweigen. Dasselbe gilt für die Spezialisierung auf einzelne Epochen. Wer nur von der Zeitgeschichte etwas versteht, versteht auch die nicht ganz, könnte man in Anlehnung an ein berühmtes Wort von Lichtenberg sagen, das im Original lautet: "Wer nur die Chemie versteht, versteht auch die nicht ganz."
SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie einmal zurückschauen auf Ihre akademische Lehrtätigkeit: Haben die jungen Studenten früher mehr gewusst als heute?
Winkler: Ich kann nicht in den Chor der Klagenden mit einstimmen. Ich finde, dass diese Studentengeneration so motiviert ist wie frühere Generationen von Studierenden, mit denen ich seit Beginn meiner Assistententätigkeit im Jahr 1964 zu tun hatte. Das Wissen von der jüngsten Vergangenheit verschiebt sich natürlich. Die Namen aus dem "Dritten Reich", die man in den fünfziger- und sechziger Jahren noch aus dem Effeff kannte, weil die Akteure zum Teil sogar noch lebten, kann man heute nicht mehr als bekannt voraussetzen. In den Vorlesungen der letzten Jahre habe ich mich daran gewöhnt, auch den Namen Erich Honecker an die Tafel zu schreiben, weil er längst nicht mehr allen geläufig war, und vermutlich wissen auch nicht alle, die im ersten Semester Geschichte studieren, was es mit Walter Ulbricht auf sich hatte. Das alles hängt natürlich in hohem Maße vom Schulunterricht ab. Ansonsten wissen Studierende heute oft sehr viel mehr von der Welt außerhalb Deutschlands, als das bei den Studenten vor einigen Jahrzehnten der Fall war, die noch kein Internet hatten.
SPIEGEL ONLINE: Das heißt also, die Vorkenntnisse sind nicht mehr nur auf deutsche Geschichte konzentriert, sondern man kennt die Welt insgesamt ein bisschen besser?
Winkler: Ja. Und gleichzeitig müssen wir festhalten, dass die Universitäten hinter den enormen Herausforderungen der Globalisierung zurückgeblieben sind. Viele deutsche Universitäten haben immer noch keine Lehrstühle für amerikanische Geschichte, von der Geschichte Asiens und Afrikas ganz zu schweigen. Das können wir uns einfach nicht mehr leisten. Man muss sich vorstellen, dass es bis heute an vielen Universitäten möglich ist, ein Studium der Geschichte zu absolvieren, ohne sich je mit der Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika befasst zu haben. Ein Unding, ein Zeichen von Provinzialisierung, die wir dringend überwinden müssen.
SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielen Geschichte und historisches Wissen heute im Bewusstsein des politisch denkenden Zeitgenossen?
Winkler: Historische Kenntnisse aus länger zurückliegenden Epochen sind heute wahrscheinlich schwerer abrufbar als noch vor einigen Generationen, weil sich unser Begriff von Bildung verändert hat. Aber das betrifft nicht nur historische Kenntnisse. Im Bundestag der fünfziger Jahre konnten Redner noch mit lateinischen Zitaten um sich werfen, ohne sie übersetzen zu müssen. Das wäre heute völlig undenkbar und würde lächerlich wirken, als Bildungsprotzerei angesehen werden. Wir müssen also sehr viel mehr begründen, warum Geschichte wichtig ist, und zwar nicht nur die Geschichte des eigenen Landes, sondern die unserer Nachbarländer und der wichtigsten Akteure der multipolaren Welt. Es ist von existentieller Bedeutung für jedes Land, dass sich die Politiker dieses Zusammenhanges bewusst sind.
SPIEGEL ONLINE: Und sind sie es? Handeln die Politiker in Deutschland mit einem historischen Bewusstsein?
Winkler: Einige schon. Es gibt jedenfalls in allen großen Parteien Politiker, die versuchen, historische Literatur zur Kenntnis zu nehmen, auf dem Laufenden zu bleiben.
SPIEGEL ONLINE: Man sieht das manchmal in den Zeitungen, wenn Politiker nach ihrer Ferienlektüre gefragt werden. Dann geben sie an, sie hätten die neueste Churchill- oder Bismarck-Biografie gelesen ...
Winkler: Genau, ich weiß das zum Beispiel von Peer Steinbrück und Wolfgang Schäuble. Und jede Partei ist gut beraten, solche Politiker zu fördern, denn für das politische Handeln ist ein Bewusstsein für den historischen Ort des eigenen Landes und der eigenen Gegenwart von überragender Bedeutung. Man muss nicht Geschichte studiert haben, um sich so weit selbst zu historisieren, wie das für einen guten Politiker notwendig ist.
SPIEGEL ONLINE: Sie galten einige Jahre als historischer Berater der rot-grünen Regierung, man hat Ihnen zugeschrieben, Sie hätten einen guten Draht zu Bundeskanzler Gerhard Schröder und zu Außenminister Joschka Fischer gehabt. Was haben Sie den beiden denn empfohlen?
Winkler: Ich habe tatsächlich mit beiden diskutiert, aber nur ein einziges längeres Vieraugengespräch mit Gerhard Schröder geführt, übrigens über die Frage, ob Beitrittsverhandlungen mit der Türkei aufgenommen werden sollten. Aber da haben meine Argumente, die gegen eine Vollmitgliedschaft der Türkei in der EU gerichtet waren, nichts bewirkt. Richtig ist, dass einige Politiker, und zwar parteiübergreifend, meine deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts mit dem Titel "Der lange Weg nach Westen" gelesen und dieses Buch auch als Orientierungshilfe wahrgenommen haben.
SPIEGEL ONLINE: Aber woran liegt es, dass offenbar nur wenige Politiker eine solche Beratung in Anspruch nehmen? Sind andere Dinge im politischen Alltag einfach wichtiger?
Winkler: Offenbar. Aber es liegt auch an den Historikern selbst, ob sie versuchen, über die Fachwelt hinaus ein breiteres an Geschichte interessiertes Publikum anzusprechen. Ich versuche in meinen Lehrveranstaltungen den Studierenden klarzumachen, dass sie stets so formulieren sollten, dass sie auch von Laien verstanden werden, und dass sie eines scheuen müssen wie der Teufel das Weihwasser, und das ist der Fachjargon ...
SPIEGEL ONLINE: Den deutsche Historiker in der Regel immer noch bevorzugen.
Winkler: Wenn auch nicht so stark wie manche Politologen und Soziologen. Im Übrigen beweisen uns angelsächsische, französische und italienische Historiker durch ihre Veröffentlichungen, dass Lesbarkeit in keiner Weise den Tiefgang einer Darstellung gefährden muss. Im Gegenteil, ich glaube, dass die Verständlichkeit der Darstellung eher dafür spricht, dass ein Autor versucht hat, ein Problem zu Ende zu denken.
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