Bereits beim Schnelldurchlauf durch ein Kunstmuseum mit nur kurzem Blick nach links und rechts wird man erkennen, welche bedeutende Rolle schon quantitativ die Porträtmalerei über die Jahrhunderte hinweg in der Kunst einnahm. An den Porträts lassen sich die künstlerischen Entwicklungen ablesen, die Bildnisse wiederum spiegeln die gesellschaftlichen Veränderungen im Lauf der Zeit. Das Porträt von Ludwig XIV. in seinem barocken Krönungsornat ist doch augenfällig was anderes als Whistlers "Bildnis der Mutter" oder Picassos Sylvette.
So konserviert in Öl aber leben sie alle fort, Ludwig XIV., Whistlers Mutter, Sylvette. Und die vielen Universitätsangestellten, die die jeweilige Unileitung für würdig genug erachtete, sie für die Nachwelt festhalten zu lassen.
Ein schönes Beispiel für den Professor in Öl hat man mit der Tübinger Professorengalerie. Hier finden sich über 300 Porträts ehemaliger Professoren, Präsidenten, Rektoren und anderer Funktionsträger der Universität Tübingen - die, das nur zur Erinnerung, im fernen Jahr 1477 gegründet wurde. Bedeutend ist die Sammlung schon wegen ihrer zeitlichen Geschlossenheit. Sie reicht vom Ende des 16. Jahrhunderts bis in die Gegenwart hinein und ist zeitgemäß wenigstens zu Teilen auch im Internet einsehbar. Dabei sieht man typischerweise die Porträtierten im Brustbild. Es sind sich um Gelassenheit und Würde bemühende Herren im dunklen Tuch, die Bilder in dunklen Farben, aus denen hell das Gesicht leuchtet.
Hunderte Männer, eine Handvoll Frauen
Wenn man sich durch die einzelnen Porträts klickt, bekommt man eine Ahnung davon, wie prinzipientreu zur mal gefundenen Lösung und wie unverrückbar so eine Einrichtung wie die Universität ist. Eigentlich hat sich hier im Lauf durch die Jahrhunderte nichts geändert. Gut, manche Halskrause hat man auf dem Weg doch verloren und die Bärte der Professoren wurden nach den jeweiligen Moden der Zeit zurechtgestutzt. Sonst aber schauen sie aus ihren Brustbildern immer gleich, die Professoren aus dem 17. so wie die aus dem 20. Jahrhundert. Männer, reihenweise. Nur zur Gegenwart hin findet sich in der Tübinger Professorengalerie neben den Herrschaften auch eine Frau. Zwei oder drei.
Jetzt kommt aber Gretchen mit ihrer Frage. Und Gretchen fragt: "Haben diese Professorenporträts denn eigentlich einen künstlerischen Wert?" "Doch, ja aber." Es ist halt schon so, dass die böse Fee den Kunsthistoriker, den sie in der Nacht im Traum heimsucht, nicht wirklich schrecken kann mit der Drohung, jetzt mal alle Professorenporträts mit kurzem Tippen der Delete-Taste aus den Universitätsgalerien zu löschen. Da schläft der Kunsthistoriker unbesorgt weiter.
Was er nicht täte, wenn besagte böse Fee das gleiche Delete-Spiel für ein beliebiges italienisches Provinzmuseum mit seinen meist namenlos gebliebenen Meistern androht, deren Spur aber doch immer irgendwie zu Raffael oder sonst einer Größe aus dem Kunstgeschichtsbetrieb führt. Wenn sich die Wissenschaft also selbst über die Schulter blicken und sich ausspähen will, schickt man statt einem Kunsthistoriker besser den Ethnologen in die Universitätsgalerien, um dort neben dem Doktorhut, den Talaren und der Rektorkette auch die Professorenporträts als einen besonderen Fall der Sitten und Gebräuche im Universitätsbetrieb zu erforschen.
Den Professoren geht es da wie der Deutschen Mark
Es ist halt eine Tradition. Die hat man oder eben auch nicht. Nur elf Bahnminuten entfernt von Tübingen liegt Reutlingen, und in der dortigen Hochschule schlummern in den Archiven zwar Porträtbüsten von ein paar Gründervätern der Vorgängerinstitutionen, aus denen 1971 die Fachhochschule Reutlingen - seit 2001 Hochschule Reutlingen - hervorgegangen ist. Diese Porträttradition ist allerdings vor rund 100 Jahren abgebrochen. Dafür findet man auf der Homepage der Hochschule im Fachbereich Informatik unter dem Stichwort "Portraits" statt dem Lehrkörper die Fotos von Studierenden, die letztlich alle der Meinung sind, mit dieser Hochschule keine schlechte Wahl getroffen zu haben.
In diesem Jahr wurde die Hochschule Reutlingen vom Stifterverband und dem DAAD als Deutschlands "Internationale Hochschule 2010" ausgezeichnet. Damit begründet Reutlingen eine mögliche Tradition: der Preis wurde erstmals ausgelobt. Ein guter Grund, eine Tradition fortzuführen, ist irgendwann mal auch die Tradition selbst. Vielleicht geht es den Rektoren in Öl dabei wie der Deutschen Mark, die wenigstens die Bundesbank ohne Murren in Euro ummünzt: Nicht allgemein mehr im Umlauf. An der richtigen Stelle aber weiterhin wertgeschätzt.
Der Artikel erschien in der "duz - die Deutschen Universitätszeitung"
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik UniSPIEGEL | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik WunderBAR | RSS |
| alles zum Thema Arbeitsplatz Uni | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH