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Lobgesang einer behüteten Tochter: Danke Mama, danke Papa

Helikopter-Eltern: Eine behütete Tochter packt aus Fotos
SPIEGEL ONLINE

Helikopter-Eltern verziehen ihre Sprösslinge zu unselbständigen und frustrierten Egoisten, heißt es. Totaler Quatsch, sagt Maria Timtschenko, 22. Ihre Eltern kreisen noch immer um sie, kommen mit zur Wohnungsbesichtigung und korrigieren Bewerbungen. Die Studentin findet das normal - und ganz hervorragend.

In der ersten Klasse rief mich meine Lehrerin zu sich: Ob ich wirklich schon in die dritte Klasse gestuft werden wolle? Ich nickte. Ein Jahr lang hatten meine Klassenkameraden die Zahlen bis 20 gelernt, lesen und schreiben geübt. Ich verschlang ganze Bücher und schrieb kurze Texte, voller Wut riss ich mir dann nachmittags den Schulranzen von den Schultern: Wieder nichts Neues gelernt!

Also fragten meine Eltern in der Schule, ob ich nicht eine Klasse überspringen könnte. Sie haben sich schon immer in mein Leben eingemischt - und tun das bis heute. Ständig kreisen sie um mich, wollten nur das Beste und noch mehr. Kam ich mit einer Zwei nach Hause, fragte mein Vater: "Warum ist es keine Eins?". Das nervte mich zwar, aber ich hielt es für eine berechtigte Frage, die meinen Ehrgeiz anstachelte.

Wegen der übersprungenen Klasse war ich immer die Jüngste. Als meine Freunde anfingen, die Nächte durchzufeiern, musste ich noch um Mitternacht nach Hause. Einmal riefen meine Eltern an, als ich um 0.30 Uhr in einer Shisha-Bar saß. Ich schaffte es einfach nicht, sie anzulügen. Sie waren von meinem nächtlichen Ausflug maßlos enttäuscht und konnten es nicht fassen. Sie hatten mir doch eine genaue Uhrzeit gesetzt und außerdem schon Zeitungsartikel hingelegt, in denen stand, dass Shishadampf gefährlicher ist als Zigarettenqualm oder Marihuanadunst.

Achtung! Eltern!

Corbis

Sie wollen nur das Beste, sie kümmern sich - aber sie übertreiben maßlos: Wie Helikopter-Eltern ihre Kinder und deren Lehrer terrorisieren. Der SPIEGEL hat in einer Titelgeschichte beschrieben, wie sich Eltern zu Bodyguards ihrer Kinder entwickeln. SPIEGEL ONLINE begleitet die Debatte im Uni- und im SchulSPIEGEL.

Ich erklärte ihnen, dass alle meine Freunde länger aufbleiben durften und Shisha rauchen zu unserer Freundschaft gehörte. Außerdem schrieb ich doch trotzdem immer gute Noten. Meine Eltern und ich vertrugen uns schnell wieder. Wie immer.

"Ein Winter ohne Heizung? Das macht nicht stark, das ist kalt"

Mit 18 zog ich zu Hause aus. Ich wollte mir erst eine schöne Wohnung suchen und dann die passenden Mitbewohner dazu. Mein Vater begleitete mich zu den Wohnungsbesichtigungen. Ich war froh. Wer hätte mir sonst sagen sollen, dass hier der Nebenkostenpreis zu niedrig angesetzt war und ich würde nachzahlen müssen? Woher hätte ich wissen sollen, dass der kleine blaue Fleck in der Ecke eine Spur von Schimmel ist?

Mein ältester Bruder war damals Hals über Kopf ausgezogen und hockte dann den Winter über in einer Wohnung ohne funktionierende Heizung, dafür aber mit Frost auf der Bettdecke. Das war keine tolle Erfahrung, die ihn fürs Leben gestärkt hat, das war einfach nur kalt.

Anfangs fuhr ich noch an jedem Wochenende nach Hause, meine Mutter backte Weintraubentorte, und ich erzählte von meinem Studium. Jetzt, fünf Jahre später, treffen wir uns alle zwei Wochen und telefonieren alle drei Tage, mindestens. Und als ich fünf Monate lang um die Welt reiste und mich das Heimweh plagte, schrieben wir uns fast täglich Mails. Während die Eltern meiner Kommilitonen gerade noch wissen, wann die nächste Prüfung ansteht, wollen meine erfahren, welche Fragen dran kamen, was ich beantworten konnte, welches Gefühl ich habe und wann es die Ergebnisse gibt.

Mutter-Tochter-Verhältnis wie bei den "Gilmore Girls"?

Vielleicht wäre das manchen zu viel, sie würden sich überwacht fühlen. Aber ich stamme aus einem Vorort von Leipzig, in dem intakte Familien und Eltern, die alles für ihre Kinder tun, normal sind. Mein Freund Christoph zum Beispiel ist 24 und wohnt noch bei seinen Eltern. Sie bezahlen ihm den Flachbildfernseher, die E-Gitarren, die Playstation und die Handyrechnung. Aber er ruht sich nicht darauf aus, sondern hat ein Freiwilliges Soziales Jahr in einer Schule für Behinderte absolviert und studiert jetzt Sonderpädagogik.

Oder meine Freundin Jenny. Sie ist Einzelkind und nicht nur ihre Eltern, sondern auch Omas und Opas wollten ständig etwas zur Erziehung beitragen. Wir scherzten häufig darüber, dass ihr Vater sie noch als Jugendliche davor warnte, mit nackten Füßen in den Klee zu treten - dort könnten sich ja Bienen verstecken. Jenny studiert jetzt Veterinärmedizin und musste kürzlich ein Praktikum auf einem Schlachthof machen. Ihre Eltern sorgten sich sehr, sie hat es aber gut überstanden.

Jenny, Christoph und ich würden alle drei sagen, dass unsere Eltern in unserem Leben eine Hauptrolle spielen. Jenny und ich haben uns immer ein Mutter-Tochter-Verhältnis gewünscht wie bei den "Gilmore Girls" - und sind dem ziemlich nahe gekommen. Wenn ich mich mit meinem Freund gestritten habe, fuhr ich nach Hause und weinte mich aus. Bevor ich eine Bewerbung abschicke, korrigiert meine Mutter die Rechtschreibfehler. Und wenn ich einen Artikel schreibe, frage ich meinen Vater, wie er ihn findet.

Klar, auch ungefragt teilen mir meine Eltern ständig mit, was sie über mein Leben denken. Und, ja, manchmal stört mich das. Aber dieser Anflug von Genervtheit ist nichts gegen die Vorstellung, dass meine Eltern irgendwann nicht mehr da sein werden.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 230 Beiträge
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1. Ohne Eltern keine Wohnung
matt1981bav 12.08.2013
Das die Eltern zur Wohnungssuche mitkommen ist leider kein Phänomen von Eltern die ihr Kind überbehüten, es ist schlicht so dass die Vermieter den Vertrag direkt mit den Eltern abschliessen wenn noch kein eigenes Einkommen da ist.
2. Unselbständig
noalk 12.08.2013
Anscheinend hochbegabt, zumindest intelligent, aber mit 22 noch Rechtschreibfehler in Bewerbungen? Ich weiß nicht, was ich davon halten soll.
3.
nymousano 12.08.2013
"Mit 18 zog ich zu Hause aus. Ich wollte mir erst eine schöne Wohnung suchen und dann die passenden Mitbewohner dazu. Mein Vater begleitete mich zu den Wohnungsbesichtigungen. Ich war froh. Wer hätte mir sonst sagen sollen, dass hier der Nebenkostenpreis zu niedrig angesetzt war und ich würde nachzahlen müssen? Woher hätte ich wissen sollen, dass der kleine blaue Fleck in der Ecke eine Spur von Schimmel ist?" Kein Wunder, dass er sich da sorgt. War ja im Endeffekt sicherlich sein Geld...
4. Eigeninitiative
fs01 12.08.2013
Ja, woher hätte man das mit dem Schimmel wohl wissen können? Zum Beispiel aus einem Ratgeber für Immobilieninteressenten, den der Laie vor einer Besichtigung studieren sollte. Selbst. Aus Eigeninitiative. Aber auf eine solche Idee kommen unselbständige Kinder eben nicht, wenn ihnen die Eltern ein Leben lang das Denken abgenommen haben.
5.
Snoozel 12.08.2013
Die Frau ist schön. Sie wird also sowieso keine Probleme im Leben zu erwarten haben...
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