Internet-TV: Als Student schon Programmchef

Von Mathias Menzel

2. Teil: "INternet-Fernsehen beherrschen nur wenige qualifizierte Leute", sagt der Leo Kirch der jungen Branche

Inzwischen haben Telekomfirmen und die traditionellen Programme ebenfalls entdeckt, dass im Internet die Zukunft des Fernsehens liegt. So gründete ProSiebenSat.1 das Portal "Maxdome", von dem aktuelle Sendungen, Serien und Filme gegen Gebühr herunterzuladen sind; das ZDF will bis zum Herbst rund die Hälfte seines Programms in die Internet-Mediathek stellen. Die Telekom verkauft genauso wie ihre Mitbewerber Hansenet oder demnächst auch Arcor Komplettpakete für Telefon, Internet und Fernsehen. Das Ziel: Bald soll es nur noch eine Leitung für alles geben, das Fernsehen kommt dann aus der Telefonbuchse direkt auf den Schirm.

Auf der diesjährigen Fachmesse Cebit war Internet-Fernsehen das große Thema, es könnte die TV-Branche durcheinanderwirbeln: Da kleine Anbieter bisher keine Lizenz und keine teure Satellitentechnik zur Ausstrahlung brauchen, war es nie so einfach, selbst Fernsehen zu machen. Neue Angebote entstehen derzeit allerorten: Nach Angaben des Webportals global-itv.com sind bereits weltweit mehr als 6700 Fernsehsender im Internet abrufbar, rund 450 davon aus Deutschland. Die Mehrzahl davon sendet allein im World Wide Web.

Schon reagieren die etablierten Programmführer: So ging die Zeitschrift "TV Movie" im März mit einem eigenen Web-TV-Programmverzeichnis im Netz an den Start, rund 500 Sender sind darin gelistet. Die Übersicht zu behalten ist schwer, nach der Textflut rollt nun die Videoflut durchs Netz.

An einer der Quellen sitzt Ingo Wolf. Seine Firma Grid-TV hat vor den Toren der Bavaria-Filmstudios in München-Grünwald ihren Sitz. Schon Ende der neunziger Jahre hatte Wolf hier Internet-Fernsehen produziert, als die meisten noch mit analogen Modems surften und DSL gerade aufgebaut wurde, und er sicherte sich ein Patent auf den Betrieb von 24-Stunden-Kanälen. Für den 42-jährigen ehemaligen Musikproduzenten ist das kein Hobby, es ist ein Geschäft.

Wolf ist so etwas wie der Leo Kirch der jungen Internet-Fernsehbranche: 280 Kanäle umfasst sein Imperium nach eigenen Angaben derzeit, noch in diesem Jahr sollen es 500 sein, 1000 Domain-Adressen hat er sich schon mal registrieren lassen. Über die Server der Firma laufen unter anderem das Internet-Fernsehen der Deutschen Eishockey Liga oder des HSV, die Unternehmenssender von Seat und Bayer, aber auch so seltsame Spartenprogramme wie Schmerz-TV oder Feuer-TV, ein Sender für Feuerwehrmänner. Einen schnellen Internet-Anschluss vorausgesetzt, fließen die Programme im Vollbild ruckelfrei und unverpixelt. Es sieht aus wie echtes Fernsehen. Die Nutzer haben die Wahl, sich in das rund um die Uhr laufende Programm einzuklicken oder einzelne Beiträge abzurufen.

Fast überall sprießen die studentischen Sender

110 Mitarbeiter hat seine Firma inzwischen - und 15 Studenten. Sie lernen an der Bavarian Broadcast Academy, die Wolf 2003 gründete. Denn er hatte ein Problem: "Es gab einfach zu wenig qualifizierte Leute, die Internet-Fernsehen beherrschen", sagt er. "Die Fernsehleute hatten von Internet keine Ahnung, die Internet-Leute nicht vom Fernsehen." Inzwischen haben auch die meisten Studiengänge für Medientechnik an rund 20 deutschen Hochschulen und die Medienakademien das Internet als neuen Verbreitungsweg in ihre Curricula aufgenommen, fast überall sprießen die studentischen Internet-Sender.

Wolf legte kurzerhand zusammen mit der Fachhochschule Ansbach einen eigenen dreijährigen Studiengang auf, bei dem seine Studenten lernen, wie man Fernsehen im Internet macht. Jeder Student darf seinen eigenen Kanal gründen, die Web-Seite gestalten, Inhalte produzieren und schneiden, den Sendeplan bestücken - und Programmchef sein. Am Ende gibt's einen staatlich testierten Abschluss von der Fachhochschule Ansbach als "IP Broadcast System Engineer" - und wenn der Sender sich selbst finanzieren kann, auch einen Job in Wolfs Firma.

Tobias Maier ist einer der Studenten, er ist im zweiten Jahr in der Firma, sein Kanal heißt Auktionshaus-TV. Die Idee: Er überträgt Versteigerungen ins Netz, und die Leute, die zuschauen, können live mitbieten. "Ich wollte unbedingt in die Medienbranche", erzählt der 22-jährige Karlsruher. "Jetzt bin ich dabei, wenn etwas völlig Neues entsteht." Noch hat sein Sender nur wenige Zuschauer: Weil er gerade renoviert wird, ist derzeit nur ein Werbevideo zu sehen.

Auch Simon und sein Team in Hamburg hoffen, dass Watch-out.tv zu einer vielgeklickten Sendung wird, dann ließe sich damit auch Geld verdienen. Seine Zukunft sieht Simon jedenfalls nicht bei einem der herkömmlichen Anbieter: "Ehrlich gesagt, im Fernsehen von heute gibt es derzeit nichts, was mich reizt."

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