Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Studenten unter IS-Terror in Mossul: "Sie behandeln uns wie Tiere"

Von und

Menschen flüchten im Juni 2014 aus Mossul: Nur Geld und Pässe im Gepäck Zur Großansicht
AP

Menschen flüchten im Juni 2014 aus Mossul: Nur Geld und Pässe im Gepäck

Vor mehr als einem Jahr wurde die irakische Uni-Stadt Mossul von IS-Kämpfern eingenommen. Junge Leute erzählen, wie sich ihr Leben seit dem Einzug der Terroristen verändert hat.

Mostafa M., 25, Mediziner: "Ich fühle mich wie ein Mensch zweiter Klasse"

"Ich habe als junger Arzt gearbeitet, als der IS im vergangenen Jahr immer näher an Mossul heranrückte. Irgendwann wurde es in dem Krankenhaus, in dem ich gerade einen Job gefunden hatte, so gefährlich, dass es evakuiert werden musste; das war am 8. Juni. Seitdem bin ich nicht mehr dort gewesen. Das Hospital wird inzwischen offenbar von einem IS-Mitglied geführt, unter dem zu arbeiten für mich nicht infrage kommt.

Meine Familie besteht aus meinem Vater - er ist Professor für Landwirtschaftslehre -, meiner Mutter und meinen beiden Schwestern. Einen Tag nachdem ich aus dem Krankenhaus nach Hause kam, beschlossen wir, nach Arbil zu fliehen. Wir packten nur Geld und unsere Pässe ein, verriegelten das Haus und fuhren mit unserem alten Honda einfach los. Damals trafen wir auf unserem Weg viele Zivilisten, die wie wir auf der Flucht waren. Nach allem, was ich von Freunden höre, kommt jetzt kaum noch jemand aus Mossul heraus, weil die Kontrollen so streng sind.

Wir müssen in Arbil nicht um unser Leben fürchten, aber die Situation ist trotzdem miserabel. Weil wir wohlhabend sind, konnten wir uns zumindest ein Haus mieten, in dem wir alle zusammen wohnen können, und ich habe auch einen Job gefunden. Allerdings gibt es in der Stadt einen heftigen Rassismus gegen uns Bürger aus Mossul: Es wird uns unterstellt, in Wahrheit Verbündete des IS zu sein, die den Krieg nach Arbil tragen wollen. Ich fühle mich hier wie ein Mensch zweiter Klasse, nicht einmal meinen Führerschein haben die Behörden anerkannt.

Ich gebe einen Großteil der Schuld am schnellen Untergang Mossuls und an unserem Schicksal der irakischen Armee. Die Soldaten machten eine Woche vor den Angriffen des IS unzählige Razzien, sie sperrten viele Menschen weg, von denen sie dachten, es handle sich um IS-Unterstützer. Aus Angst vor Kollaborateuren wurden auch alle Waffen beschlagnahmt. Als der IS dann in die Stadt kam, flüchteten die Soldaten einfach, und die Bürger konnten sich nicht mehr wehren, weil sie unbewaffnet waren."

Anhänger des "Islamischen Staat" im Irak (Archiv): "Nichts mehr wie früher" Zur Großansicht
AP

Anhänger des "Islamischen Staat" im Irak (Archiv): "Nichts mehr wie früher"

Ahmed S., 26, Dozent an der Universität Mossul: "Heute geht es nur noch ums Überleben"

"Seit der IS meine Heimatstadt beherrscht, ist fast nichts mehr wie früher. Bis zum Juni 2014 konnten meine Kollegen und ich uns auf unsere Forschung und die Lehrtätigkeit konzentrieren, heute geht es nur noch ums Überleben. Meinen Nachnamen und mein Fach möchte ich lieber nicht nennen, ich habe Angst, dass ich öffentlich hingerichtet werde. Aber ich will, dass die Welt erfährt, wie es uns geht.

Mossul war einmal eine Hochburg der Wissenschaft. Wir hatten an der Uni rund 30.000 Studenten und mehrere Hundert Mitarbeiter. Heute ist der Campus eine Geisterstadt. Die Islamisten haben alle Fakultäten aufgelöst, die ihrer Meinung nach der Scharia widersprechen, darunter Philosophie, Kunst, Musikwissenschaften, Jura und Politologie. Meinen Fachbereich hat es nicht erwischt, aber es gibt trotzdem kaum noch Lehrveranstaltungen. Ich gehe auch nur noch deswegen zur Uni, weil der IS uns dort unsere Gehälter auszahlt.

Viele Studenten und Professoren sind unter großen Gefahren aus der Stadt geflohen und versuchen, sich in den kurdischen Gebieten oder in der Hauptstadt Bagdad ein neues Leben aufzubauen und ihre Studienabschlüsse zu machen. Ich kann nicht so einfach weggehen, meine Eltern sind alt und brauchen mich.

Viele meiner Kollegen hassen den IS so sehr wie ich, aber unsere Abneigung können wir nicht offen zeigen. Es genügt schon, wenn man sich früher politisch engagiert hat, um getötet zu werden. Ich kannte einen Mann und eine Frau, die Kandidaten fürs Parlament waren, bevor der IS Mossul einnahm. Die Kämpfer wurden über die demokratischen Aktivitäten der beiden informiert und ermordeten sie."

Hol Dir den gedruckten UNI SPIEGEL!
Mustafa K., 25, Apotheker: "Meinen Vater so betteln zu sehen war eine unglaubliche Erniedrigung für mich"

"Ich habe in Mossul Informatik studiert, aber nie als Informatiker gearbeitet. Als ich den Abschluss in der Tasche hatte, heuerte ich in der Apotheke meines Vaters an, wo ich auch heute noch arbeite. Was meine beiden jüngeren Geschwister irgendwann machen werden, ist unklar: Sie mussten ihr Studium abbrechen, weil ihre Fächer nicht weiter unterrichtet werden dürfen.

Die IS-Kämpfer kommen von überall her, auch aus Deutschland. Doch egal, welche Nationalität sie haben, sie alle behandeln uns wie Tiere. Es gibt immer wieder öffentliche Bestrafungen, wenn Leute angeblich gegen die Gesetze des Koran verstoßen haben. Zum Beispiel wurden mein Onkel und mein Vater mehrere Male zurechtgewiesen, weil sie beim Rauchen erwischt wurden, das ist laut IS "haram". Wenn man nicht sofort klein beigibt, muss man auf die Wache mitkommen.

Mich hat es auch einmal erwischt. Das war, als ich mit meiner Frau von der Arbeit nach Hause gehen wollte. Sie war vorbeigekommen, um mich zu überraschen. Plötzlich hielt uns ein IS-Kämpfer an. Er fragte, ob "diese Frau" zu mir gehöre. Dann schrie er plötzlich herum: "Sie ist nicht nach islamischen Gesetzen gekleidet! Du bist ein Sünder!" Ich protestierte, musste aber meinen Personalausweis hergeben. Wir wurden beide auf die Wache geführt. Nur dank meines Vaters, der herbeigerufen wurde und die IS-Leute anflehte, uns gehen zu lassen, kamen wir wieder auf freien Fuß. Meinen Vater so betteln zu sehen war eine unglaubliche Erniedrigung für mich."

Zerstörtes Haus in Mossul (2014): "Keinen Sinn mehr" Zur Großansicht
DPA

Zerstörtes Haus in Mossul (2014): "Keinen Sinn mehr"

Asan A., 41, Studentin der Englischen Literatur, zuvor Sekretärin an der Uni: "Ich glaube nicht, dass Allah von uns Frauen fordert, Gesicht und Hände zu verdecken"

"Vor einigen Wochen habe ich Mossul verlassen können und lebe nun mit meinem Mann und meinen Kindern in Kirkuk. Die Flucht war sehr turbulent, beim ersten Mal mussten wir umkehren, weil es in der Nähe Kämpfe zwischen dem IS und der irakischen Armee gab. Wir retteten uns in das Haus eines Freundes in Schirkat, etwa zwei Stunden Autofahrt von Mossul entfernt. Einen Tag später waren die Kämpfe beendet, und wir schafften es nach Kirkut.

Es hätte für mich keinen Sinn mehr gehabt, in Mossul zu bleiben. Die Examen, die wir an der Uni machen können, werden von der irakischen Regierung nicht anerkannt, das hat sie in einem Schreiben bekannt gegeben. Der Gang in die Hochschule wäre also Zeitverschwendung, zumal ich mich dort auch längst nicht mehr wohlfühlen würde. Die islamischen Bekleidungsvorschriften werden sehr strikt überwacht. Frauen müssen sich vollständig verhüllen und dürfen nicht mehr gemeinsam mit Männern in einem Raum unterrichtet werden. Außerdem dürfen sie nicht mehr Auto fahren, sie dürfen sich überhaupt nicht mehr allein draußen bewegen.

Ich bin eine gläubige Muslima, seit meinem 18. Geburtstag trage ich einen Schleier. Ich weiß, dass Allah von uns Frauen fordert, das Haar nur vor unserem Vater, Bruder, Onkel oder Ehemann zu zeigen. Aber ich glaube nicht, dass er auch fordert, Gesicht und Hände zu verdecken."

IS-Kämpfer in Mossul (2014): "Schlechte Zukunft" Zur Großansicht
AP

IS-Kämpfer in Mossul (2014): "Schlechte Zukunft"

Mohammed A., 29, Schweißer: "Ich muss jetzt während der Gebetszeiten die Arbeit unterbrechen"

"Ich habe einen eigenen Betrieb und repariere Traktoren und Lkw. Das Geschäft läuft schlechter als früher, und es fällt mir schwer, meine Frau und die drei Kinder zu versorgen. Vor dem Einmarsch des IS fuhren viel mehr Öllaster durch die Stadt, auf dem Weg von Kurdistan Richtung Jordanien. Da gab es für mich immer viel zu tun.

Ich muss jetzt während der Gebetszeiten die Arbeit unterbrechen. Das hat der IS angeordnet. Im August hatte ich einmal ziemlichen Ärger deswegen. Der Muezzin rief, und ich wollte noch schnell etwas fertig schweißen. Da kam die Religionspolizei und hat mir gesagt, ich solle sofort in die Moschee gehen und beten. Wenn das noch einmal passiere, würden sie mich auspeitschen.

Weil ich Angst habe, schließe ich jetzt immer meinen Betrieb und gehe sofort in die Moschee, wenn der Muezzin ruft. Für meine Arbeit ist das sehr schwierig, ich muss immer alles ausstellen, meinen Laden verschließen und nach ein paar Minuten alles wieder anstellen. Das kostet viel Zeit.

Ich bin nicht sehr gebildet, ich war nicht auf der Universität, und ich kann auch den Koran nicht auswendig. Das können die meisten IS-Männer aber auch nicht, trotzdem wollen sie uns alles vorschreiben.

Ich glaube, dass wir keine gute Zukunft mit dem IS haben, aber ich fürchte mich auch vor dem, was nach ihm kommen könnte. Wenn zum Beispiel die irakische Armee die Stadt zurückerobert, werden sicher viele von uns für IS-Kollaborateure gehalten. Weil ich Sunnit bin, so wie die Terroristen, würde es wahrscheinlich auch mich erwischen."

Irakische Soldaten (2014) "Schlechte wirtschaftliche Lage" Zur Großansicht
AFP

Irakische Soldaten (2014) "Schlechte wirtschaftliche Lage"

Harith A., 25, Medizinstudent: "Meine Universitätsscheine sind nichts mehr wert"

"Seitdem der IS über uns herrscht, ist die wirtschaftliche Lage sehr schlecht. Oft gibt es keinen Strom, und wir sind auf unsere eigenen Generatoren angewiesen. Das Wasser ist eiskalt, und die Preise für Benzin und Heizöl steigen immer weiter. Aber für mich ist das Schlimmste, dass meine Universitätsscheine nichts mehr wert sind und ich das Gefühl habe, dass mein bisheriges Studium umsonst war. Die irakische Regierung hat gesagt, wir könnten uns außerhalb der Stadt prüfen lassen. Aber da komme ich momentan nicht hin, und ich befürchte, daran ändert sich auch erst einmal nichts. Es heißt, dass der IS einen acht Meter hohen Zaun um die Stadt gezogen und dazu einen fünf Meter tiefen Graben angelegt hat. Der Graben wird es der irakischen Armee noch schwerer machen, Mossul zu befreien, dabei ist sie sowieso schon schwächer als der IS. Das liegt auch daran, dass die Islamisten zu allem bereit sind. Einige von denen sind einfach mit Sprengstoffgürteln zu Armeeposten gelaufen und haben sich dort in die Luft gesprengt.

Wahrscheinlich müsste ich froh sein, dass der IS bisher niemanden von meiner Familie oder meinen Freunden getötet hat. Das ist viel mehr, als andere behaupten könnten."

Studentenleben in Beirut: Der IS ist weit weg - ungefähr zwei Autostunden

Diesen Artikel...

© UNI SPIEGEL 4/2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Titelbild
Heft 4/2015 Wie Studenten Jagd auf ungeliebte Profs machen