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Vorurteile gegen Islamwissenschaftler: "Die meisten denken gleich an Terrorismus"

Von Marie Charlotte Maas

Junge Islamwissenschaftler: Unter Verdacht Fotos

Ihnen schlägt Skepsis entgegen, sie haben mit Vorurteilen zu kämpfen, sie stehen unter Verdacht: Dabei entscheiden sich viele angehende Islamwissenschaftler aus sehr weltlichen Gründen für das Studium des Korans.

Janna schwitzt. Die Sonne knallt, das Kopftuch sitzt eng, und die Studentin ist zu Fuß unterwegs. Gemeinsam mit 20 Kommilitoninnen ist sie an diesem Maiwochenende auf dem Weg in die Tübinger Innenstadt, wo es eine kurze Stadtführung geben soll. Janna und die anderen erregen Aufmerksamkeit. Was will die Gruppe denn hier, mögen etliche der Eisesser und Biertrinker denken, die in den Straßencafés sitzen. Warum tragen die jungen Frauen denn Kopftuch? Sind das alles Musliminnen?

Nein, sind sie nicht. Janna und die anderen beschäftigen sich zwar intensiv mit Allah, dem Koran und dem Nahen Osten. Aber die meisten von ihnen tun das nicht aus religiösen Motiven, sondern weil sie die muslimische Welt verstehen wollen. Das Kopftuchexperiment, das während eines Symposiums zu ihrem Studienfach der Islamwissenschaften stattfindet, soll vermitteln, wie man sich als Kopftuchträgerin in Deutschland fühlt. Wird man ignoriert? Angegafft? Angefeindet?

"Auf jeden Fall ist es unter dem Tuch sehr heiß", sagt Janna und reißt sich am Ende des Spaziergangs ihre ungewohnte Kopfbedeckung vom Kopf. Eine feindselige, ablehnende Stimmung habe sie aber nicht gespürt in den zurückliegenden Minuten. Eher Neugier und Skepsis. "Das kennen wir aber schon", sagt die 22-Jährige. Es gebe wohl kaum ein anderes Fach, das so viele Nachfragen provoziere wie ihres. Deswegen will Janna auch nicht, dass ihr Nachname veröffentlicht wird.

Nach 9/11 stieg das Interesse der Erstsemester rapide

Der erste Islamwissenschaft-Studiengang startete im Sommer 1972 an der Freien Universität Berlin mit gerade einmal 49 Teilnehmern. Das Interesse blieb knapp 30 Jahre vergleichsweise gering, doch dann kam der 11. September 2001, und die Zahl der Erstsemester stieg rapide. Viele Abiturienten interessierten sich plötzlich für den Nahen Osten. Im Wintersemester 2012/2013 waren deutschlandweit schon mehr als 2000 Männer und Frauen eingeschrieben, und besonders jene, die keinen Migrationshintergrund haben, hören immer wieder die gleichen Fragen: Warum tust du das? Du siehst doch gar nicht muslimisch aus. Willst du etwa konvertieren?

Janna findet das mittlerweile fast amüsant. "Ich erkläre dann erst einmal, dass Islamwissenschaft nicht dasselbe ist wie Islamische Theologie. Wir werden weder Imame noch Religionslehrer, das Studium ist darum auch nicht konfessionsgebunden", sagt sie. "Islamwissenschaft ist, wie der Name schon sagt, Wissenschaft und keine religiöse Ausbildung." Das Fach beschäftigt sich nicht nur mit der Religion, sondern auch mit der Geschichte, der Politik, der Wirtschaft und dem Recht der islamischen Welt. Nur ein Viertel der Tübinger Kommilitonen sind Muslime, die meisten anderen Christen oder konfessionslos.

Janna hat sich für die Islamwissenschaften entschieden, weil sie sich für Sprachen interessiert: Denn das Lernen von Arabisch ist fester Bestandteil des Studiums. In Tübingen trifft sie sich nun mit rund hundert anderen angehenden Islam- oder Orientwissenschaftlern und Arabisten. Vier Tage lang besuchen die Studenten Seminare, reden über Jobmöglichkeiten, diskutieren mit Fachleuten und tauschen sich über die Reaktionen aus, die sie in ihrem Umfeld hervorrufen.

"Die meisten denken gleich an Terrorismus"

"Die meisten Leute denken beim Thema Islam gleich an Terrorismus und Frauenunterdrückung", sagt Ann Cathrin Riedel, die in Tübingen studiert und das Symposium mit organisiert hat. Sie entschied sich nicht aus religiösen, sondern schlicht aus karrieretaktischen Motiven für die Islamwissenschaften.

Nach dem Abitur arbeitete die heute 26-Jährige zwei Jahre lang in der Exportabteilung eines mittelständischen Unternehmens, das enge Kontakte zu arabischen Ländern unterhielt. Dabei fiel ihr auf, dass viele der Kollegen keinen Schimmer hatten, wie die Menschen in der Region leben, sie beherrschten auch die Sprache ihrer Kunden nicht. So sei ihr klar geworden, dass es eine Marktlücke gibt - und damit eine berufliche Chance. "Andere kombinieren BWL mit Sinologie und Chinesisch, ich entschied mich für die Islamwissenschaften und Arabisch."

Aus der pragmatischen Wahl wurde schnell eine Leidenschaft. Schon mehrere Male war Ann Cathrin in Ägypten und Palästina, absolvierte dort Praktika und Sprachkurse. Sie selbst gehört keiner Religion an, ihr gefällt aber der Austausch mit Angehörigen unterschiedlicher Glaubensrichtungen.

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Mit ihren muslimischen Freunden besucht Ann Cathrin gern die Moschee und bekocht sie während des Ramadan. Ebenso gern feiert sie mit ihren evangelischen und katholischen Freunden christliche Feste. "Durch mein Studium bin ich offener geworden. Ich lerne andere Kulturen ohne vorgefertigte Meinung kennen." Weil sie davon etwas weitergeben will, betreibt sie gemeinsam mit einer Kommilitonin den Blog "auf Tuchfühlung". Dort präsentiert sie Rezepte und Gedanken aus der islamischen Welt.

Viele der Studenten haben bereits einige Zeit im Nahen Osten oder in den Nachbarregionen verbracht, zum Beispiel Ulrich Berger. Der 24-Jährige wohnte als Kind mehrere Jahre in Istanbul. Eine Erfahrung, die seine Studienwahl beeinflusst hat. Nebenher betreibt Ulrich mit Kommilitonen den Verein Liqa, sie wollen den Austausch und Begegnungen zwischen jungen Menschen aus Deutschland und der arabischen Welt fördern. "Ich halte den Umgang mit dem Islam für eine der größten Herausforderungen unserer Zeit", sagt er. "Es muss Leute geben, die sich mit dem Thema beschäftigen und auskennen."

Ann Cathrin ist gleicher Meinung, sie hofft, dass sie und ihre Kommilitonen helfen können, Berührungsängste zwischen den Kulturen abzubauen. Noch hat sie große Bedenken, zumal derzeit so viele schlechte Nachrichten aus dem Nahen Osten dringen. "Die Skepsis ist groß", sagt sie, "und sie wird wohl auch erst einmal groß bleiben."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 110 Beiträge
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1. Ja, warum wohl?
spon-453-7coi 30.07.2014
Herabwürdigung der Frau. Massives Vorgehen gegen Andersgläubige. Terrorismus von China bis Nordafrika. Staatliches Chaos. Schlechte Wirtschaft. Niedrigeres Bildungsniveau als bei anderen Einwanderergruppen. Ja, man kann gegen den Islam Vorurteile haben, die aber eben aus der Realität genährt werden.
2. Ach ja, die Geisteswissenschaften ...
sargeantangua 30.07.2014
Hätten sich die Politiker - insbesondere ausm Amiland - mal vor irgendwelchen kriegerischen Auseinandersetzungen von Politologen, Soziologen, Islamwissenschaftlern etc pp über die unbekannte Welt des Nahen und Mittleren Ostens informieren lassen, dann wäre der Welt wahrscheinlich viel Leid erspart geblieben. Und Sprüche über "Kreuzzüge". Schließlich hat jeder Kapitän Lotsen an Bord, wenn er sein Schiff durch gefährliche Gewässer bewegen soll. Aber solche Fächer werden ja nicht für voll genomnmen. MINT braucht man, dabei haben wir im Augenblick weitaus größere Probleme in und zwischen Gesellschaften, die weitaus dramatischere Konsequenzen haben als ein ev. etwas langsamerer techni9scher Fortschritt. Und was das Vorurteil "Laberfach" angeht - jeder Naturwissenschaftler würde vor den hochkomplexen Problemen einer Gesellschaft das Handtuch schmeißen.
3. Islamwissenschaft ist Terrorismuswissenschaft
plagiatejäger 30.07.2014
Da ist es sogar von großem Vorteil, wenn echte Wissenschaftler "außerhalb" des Käfigs sind. Das machen Physiker, Chemiker und Biologen, also echte Wissenschaftler doch genauso. Problematisch wird es immer erst, wenn man versucht als Mensch andere Menschen wissenschaftlich zu beurteilen - da sitzt man halt automatisch im falschen Käfig. Islamwissenschaftler in Deutschland sollten tunlichst keine Muslime sein, um anerkannte Wissenschaftler zu werden.
4. Muslima
kai-man2010 30.07.2014
Dieses Wort gibt es nicht. Es ist schon traurig das so etwas immer wieder in Artikeln auftaucht. Das Wort Muslima wurde von der deutsachen Prese und dem Deutschen Fernsehen erfunden. Es heißt Muslimin. Wie bei uns Christin. Und nicht Christina.
5. ach....
jaein 30.07.2014
Zitat von sysopSven Paustian Ihnen schlägt Skepsis entgegen, sie haben mit Vorurteilen zu kämpfen, sie stehen unter Verdacht: Dabei entscheiden sich viele angehende Islamwissenschaftler aus sehr weltlichen Gründen für das Studium des Korans. http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/islamwissenschaftler-vorurteile-gegen-studenten-und-muslime-a-981108.html
der unkritische umgang mit dem islam und deren strenggläubigen bei spon irritiert mich. es fällt auf, dass hier nicht objektiv berichtet wird sondern nur ein gegenpol zur allgemeinen "darstellung" des "islam" geschaffen werden soll. so etwas nene ich propaganda....
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