Israelische Zeichentrickschmiede: "Animation ist ehrlicher als Fernsehen"

Von Markus Flohr

Wo heiße Oscar-Anwärter ihr Handwerk lernen: Der Film "Waltz with Bashir" ist auch ein Erfolg für die Bezalel-Kunstschule in Jerusalem. Die halbe Film-Crew machte hier ihren Abschluss - und "Animation" ist jetzt ein Zauberwort in Israel.

"Ich möchte die Dinge in Bewegung bringen", sagt Yula Bolanov, 25. Dann lacht sie ein wenig, ein guter Kommentar war das, denn sie spricht über ihre Zukunft als Animatorin - und was man mit diesem Handwerk so erreichen kann.

Es ist ein Donnerstag in den Semesterferien, die Animationsstudenten der Bezalel-Kunsthochschule in Jerusalem treffen sich im Keller ihrer Schule, führen sich Filme vor und diskutieren. Einige streiten engagiert miteinander, einige zeichnen so vor sich hin. Überall im Zimmer luken kleine Comic-Figuren hervor: Da ist eine auf dem Rucksack, da eine an der Wand, auf dem Tisch.

Was nach der Uni wird? Yula will gerne weiter Animationsfilme produzieren. Bislang sah die Zukunft als Trickfilmer eher gewöhnlich aus: Hier mal ein Werbefilmchen, da eine Flash-Sequenz für die Werbung. Doch für die Studenten der Bezalel-Kunsthochschule in Jerusalem hat sich spätestens in den Morgenstunden dieses Montags eine neue Welt eröffnet. Animation, das ist im Moment ein Zauberwort in Israel.

"Waltz with Bashir", also ein animierter Film, hat Israel beinahe den ersten Oscar in der Geschichte des Landes geschenkt. Allseits wurde der Film als Favorit gehandelt, musste sich am Schluss aber "Departures" aus Japan geschlagen geben. "Waltz with Bashir" kommt zwar nicht direkt von der Bezalel-Schule - aber ohne sie hätte es ihn so nicht gegeben.

Vor etwa drei Jahren heuerten die Dozenten Yoni Goodman, 32, und Tal Gadon, 35, selbst Bezalel-Absolventen, direkt aus der Schule eine Handvoll Animatoren für ein merkwürdiges Projekt an: einen animierten Dokumentarfilm.

Dokumentarisch, aber gezeichnet? Das sollte funktionieren? Immerhin ein spannendes Projekt, besser als öde Werbefilmchen. Goodman und Gadon brachten sie in eine Wohnung in Tel Aviv, sechs Computer standen da, ein Regal mit Süßigkeiten, ein Tischkicker. "Eben alles, was man braucht", sagt Gadon.

Was ist im Libanon wirklich passiert?

"Waltz with Bashir" ist die Geschichte eines Veteranen des ersten Libanon-Kriegs, der versucht, seine Erinnerung wiederzufinden. Es ist ein Animationsfilm, man könnte auch sagen: ein Comic. Ari Folman, Regisseur und gleichzeitig Hauptfigur des Films, will herausbekommen, was er vom Massaker in den palästinensischen Flüchtlingslagern Sabra und Schatila im September 1982 mitbekommen hat. Und was seine Rolle dabei war.

Christliche Falangisten exekutierten damals eine bisher unbekannte Zahl von Palästinensern als Rache für die Ermordung ihres Führers Bashir Gemayel. Mit der israelischen Armee waren die christlichen Milizen verbündet. Was genau die israelischen Soldaten wussten, konnte nie geklärt werden.

Das Budget für "Waltz with Bashir" war winzig, das Team ebenso. Yoni Goodman rechnet vor: "An einem durchschnittlichen Disney-Film arbeiten 200 Animatoren und er kostet so um die 170 Millionen Dollar. Wir hatten 1,7 Millionen." Alle zehn Animatoren kamen von der Bezalel-Schule oder hatten dort studiert.

Es war klar, dass diese kleine Gruppe die 90 Minuten, die so ein Spielfilm in etwa dauert, nicht Bild für Bild zeichnen konnte.

Traum und Realität in der gleichen Sprache

"Ich habe bis heute keine Ahnung, wie sie zum Beispiel diese Szene gebaut haben", sagt Dotan Goldwasser, 24, und zeigt auf einen seiner zwei großen Bildschirme. auf dem Schirm flimmert eine Szene aus "Waltz with Bashir".

Der Animationsstudent Dotan lernt an der Bezalel im dritten Jahr. Er sitzt in seinem Zimmer in Jerusalems hippen Stadtteil Nachlaot, vor ihm sein Rechner, auf den Knien sein Zeichenpad. "Yoni Goodman hat uns einige Szenen im Unterricht vorgeführt, aber bei dieser Einstellung hier blicke ich nicht durch." Die Bewegungen der Figuren sind zu flüssig, um nur mit Flash programmiert zu sein, aber komplett gezeichnet können sie auch nicht sein - "dann hätten sie für den Film nicht vier, sondern acht Jahre gebraucht", sagt Dotan.

Die Animatoren mussten improvisieren: so viel wie möglich arbeiteten sie in Flash, einem Computer-Programm, das für so komplizierte Dinge wie einen Animationsfilm eigentlich gar nicht gedacht ist, sondern eher für kurze und schlichte Animationen auf Internet-Seiten, zum Beispiel in Werbefilmchen. Eine Geschichte in Spielfilmlänge damit zu programmieren, ist ein wenig, als würde man versuchen, mit einer Zahnbürste einen Rembrandt nachzumalen.

Für die Oscar-Nominierung, den Golden Globe und all die anderen Preise, die "Waltz with Bashir" gewonnen hat, interessiert Dotan sich nicht so recht, aber Animation, das ist sein Ding: "Nur mit dieser Technik kannst du Traum und Realität in der gleichen Sprache beschreiben, nur mit dieser Technik kannst du Filme machen, in denen du bei einer Figur genau das betonst, wofür sie stehen soll."

Und das ist dann noch ein Dokumentarfilm? "Für mich ist Animation ehrlicher und wahrer, als das Bild, das eine Kamera produziert", sagt Dotan. Aber welche Wahrheit spricht "Waltz with Bashir" dann aus? Dass die israelische Armee eine Mitschuld am Massaker von Sabra und Schatila hatte, weil sie es nicht verhindert hat.

"Nicht lustig, Soldat zu sein"

David Polonsky, der Art Director des Films, hat der BBC gesagt: "Ich möchte, dass dieser Film jungen Männern eine Idee davon vermittelt, dass es nicht lustig ist, Soldat zu sein."

Darum ist "Waltz with Bashir" auch kein klassischer Anti-Kriegs-Film. Er ist die Dokumentation der persönlichen Suche, auf die sich Regisseur Ari Folman begibt. Folman war im Krieg und sucht sein Trauma. Im gleichen Moment ist es die Geschichte des Staates Israel, der, seitdem es ihn gibt, immer nur in der Zeit zwischen den Kriegen rechnen kann.

Zu Beginn des Films weiß Ari Folman nur, dass er dort war, im Libanon und dass er 19 Jahre alt war. Er beginnt, nach den Kameraden von damals zu suchen, er hält ihnen Bilder hin: Erkennst du mich? Bin ich das? Was haben wir da gemacht? Welche Schuld trifft mich? Und dich?

Der Film zeigt, was alle Israelis kennen

Langsam kommt die Erinnerung zurück, in Traumbildern und Flashbacks. "Es ist gerade die Stärke dieses Films, dass er reflexiv sein kann", sagt Daniella Koffler, 28, Bezalel-Studentin im zweiten Jahr. "Sicher - die gezeichneten Figuren sind abstrakter als echte Menschen, sie sind mehr Ideen als echtes Leben. Aber gerade deshalb können sie viel besser einen Inhalt transportieren als ein Schauspieler oder ein Mensch in einem Interview. Mir ist ehrlich gesagt egal, ob das noch eine Dokumentation im klassischen Sinne ist", sagt sie. "Dieser Film zeigt etwas, was alle Israelis kennen", sagt Daniella - das Militär, das Gefühl, sich verteidigen zu müssen. Und was passiert, wenn eine Gesellschaft die Frage verdrängt, was der ständige Kriegszustand in den Menschen anrichtet.

Dieser Film musste einfach gemacht werden, sagt der Chefanimator des Fast-Oscar-Gewinners Yoni Goodman. "Hätten wir es nicht getan, hätte ihn bald jemand anderes gemacht. Alle Soldaten, die im Krieg waren, schleppen sie mit sich herum."

Viele Bezalel-Studenten trauen sich nicht, Filme oder andere Kunst zu produzieren, die politisch sind, die Stellung beziehen. "Das geht so weit, sagt Dotan, "dass viele meiner Freunde nur Filme auf Englisch machen. Sobald etwas auf Hebräisch ist, ist es politisch. Ich glaube, dass einige davor Angst haben, ihre eigene Sprache zu benutzen. Dieser Film zeigt: genau das ist es, was wir machen müssen."

Jede Vorstellung ist ausverkauft

Jerusalem, Cinematheque, im Dezember 2008. Draußen ist es dunkel und kalt, auf der Kinoleinwand läuft der Abspann von "Waltz with Bashir". Der Saal ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Niemand rührt sich, niemand spricht. An der Decke gehen sachte die Lampen an. Ein Pärchen schleicht zum Ausgang, die meisten bleiben sitzen. Irgendwo weint jemand.

Der Film läuft in Israel schon seit Monaten, aber immer noch ist fast jede Vorstellung ausverkauft. Der Film ergreift die Leute, drückt sie in die Sessel - sie sitzen da und rühren sich nicht mehr. Nach einem Zeichentrickfilm.

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